Ich ess Blumen, denn das Klima tut mir leid

Ich habe mich entschieden, zum Vegetarismus zu konvertieren. Und wie es sich gehört, werden solche Entscheidungen heutzutage in den sozialen Medien verbreitet und online bekräftigt.

Der letzte IPCC-Bericht hat mich ausreichend beeindruckt, dass ich ein altes, halbherzig angegangenes Vorhaben umsetzen will: Meine Konvertierung zum Vegetarier. Ich habe bisher versucht, unter der Woche kein Fleisch zu essen – aber das Klima spinnt ja offensichtlich auch samstags und sonntags.

Und ja, eigentlich wäre es geboten, Veganer zu werden – aber das schaffe ich allein wegen meiner Vorliebe für diverse nicht-vegane Süssspeisen nicht. Darum ein realistisches Ziel!

Ihr könnt mich unterstützen, indem ihr mich an mein Vorhaben erinnert, wenn ihr mich am Foodtruck herzhaft in einen Burger beissen seht. Aber seit nachsichtig: Eine fünfzig Jahre alte Gewohnheit lässt sich nicht so einfach überwinden. Und mir hilft die Vorstellung, mir zumindest an hohen Feiertagen und beim Vorliegen von ausreichend guten Ausreden kleine Verstösse zu erlauben – denn die Vorstellung, dass die Pouletstreifen auf dem Fitnessteller am letzten Dienstag das letzte Fleisch gewesen sein soll, dass ich je gegessen habe, verstört mich doch gewaltig.

Ihr dürft gern virtuell auf meinen Entschluss anstossen – auch mit Bier, weil das zum Glück trotz der Hefe nicht nur vegetarisch, sondern sogar vegan ist. 😅🍺


Sich der sozialen Kontrolle aussetzen

Obige Verlautbarung habe ich letzten Sonntag auf Facebook gepostet. Ich glaube, es ist eine vielversprechende Möglichkeit, solchen Absichten Nachdruck zu verleihen: Indem man sie öffentlich macht, setzt man sich der sozialen Kontrolle, zumindest des direkten Umfelds, aus.

Ein Buch für die Leute, die weiterhin Fleisch essen möchten.

Und es gibt interessante Diskussionen. Dominik Landwehr verwies auf das Buch Fleisch – Weshalb es die Gesellschaft spaltet von Ilja Steffelbauer, der auch die Denkfabrik That’s Life gegründet hat, in der die Perspektive auf 300’000 Jahre Menschheitserfahrung ausgeweitet werden soll. Das halte ich für einen interessanten Ansatz, auch wenn ich als Mensch, der sich dem kritischen Denken verpflichtet fühlt, sofort an das Traditionsargument denke. Es zählt zu den Fehlschlüssen, weil man mit der «Es war schon immer so»-Behauptung  jegliche Veränderung abblockt. Aber die Vergangenheit zu kennen und aus ihr zu lernen, ist nicht verkehrt.

Das Buch jedenfalls propagiert keinen Verzicht, sondern einen ausgewogenen Konsum. Und er sagt, dass vor allem die «akademisch

gebildeten Mittelschichten in den grösseren Städten» aufs Fleisch verzichten, weil sie sich von den Schnitzelfressern moralisch und kulturell unterscheiden wollen, wie es in der Zusammenfassung von SRF (etwas weniger überspitzt) heisst.

Das Private ist politisch

Eines muss man Facebook jedenfalls lassen: Man bekommt sofort vor Augen geführt, dass auch alles Private politisch ist. Ein persönlicher Entscheid wird von den Freundinnen in den sozialen Medien gerne in Bezug auf die Gesellschaft und die Aktualität gedeutet – sodass man zu einer Frage Stellung beziehen muss, an die man vermutlich gar nicht gedacht hat. Habe ich eine richtige Entscheidung aus den falschen Gründen getroffen, um mich moralisch überlegen zu fühlen?

Frank Schätzing: Bewusster Konsum statt radikaler Verzicht.

Aber gut, man kann sich auch um diese Debatte drücken, wie ich es getan habe. Ich habe schon in Frank Schätzings Buch «Was, wenn wir einfach die Welt retten?» (siehe Retten wird uns nur der Fortschritt), dass man nicht unbedingt verzichten, aber bewusster konsumieren soll:

Also qualitativ gutes, teures und rücksichtsvoll produziertes Fleisch in überschaubaren Mengen konsumieren, anstelle sich mit riesigen Mengen von Billigfleisch die Wampe zu füllen. Allerdings ist das schon längstens Usus in unserem Haushalt – und darum kaum weiter zu steigern. Ausserdem bin ich besser darin, Verzicht zu üben, statt eine Reduktion anzustreben.

Nachhaltig ist ein Facebook-Post nicht

Es ist das Verdienst von Facebook, solche Diskussionen anzustossen. Der Nachteil von Facebook besteht darin, dass die Posts schon nach Tagen verschwunden sind. Die eingangs erwähnte soziale Kontrolle verläuft rasant im Sand: Spätestens in ein paar Wochen wird sich niemand mehr an mein Bekenntnis erinnern. Darum könnte man auch hervorragend Gras darüber wachsen lassen, wenn man sich anders entscheidet.

«Ich liebe Würste, aber ich esse sie nicht», sagt Jonathan Safran Foer.

Aber so leicht will ich es mir nicht machen. Darum auch dieser Blogpost, der (hoffentlich) auch in zwanzig Jahren noch hier zu finden sein wird – und mir keine andere Wahl lässt als es öffentlich zu gestehen, falls ich scheitern sollte.

Ein wenig bereut habe ich meinen Entscheid auch bereits. Aber ich hoffe, dass mir Boris’ Tipp weiterhilft: Er hat mir bei Facebook das Buch Tiere essen von Safran Foer empfohlen: Es helfe in Phasen, in denen der Geist willig, aber Fleisch gluschtig ist».

Beitragsbild: Sie haben den Entscheid erleichtert. Die auf Pflanzen basierenden Ersatzprodukte wie hier die veganen Beyond-Burger aus Eigenfabrikation.

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

Ein Gedanke zu „Ich ess Blumen, denn das Klima tut mir leid“

  1. Gratuliere zum grossen Schritt! Ich selbst bin zwar nicht 100% konsequent, aber wirklich fast. Schon in den letzten Jahren habe ich immer weniger Fleisch gegessen. Und seit mein Sohn sich im Frühling fürs Vegetarier sein entschlossen hat (und er ist sehr konsequent, mit sieben Jahren!!) ziehe ich mit.

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