«Cell» ist das perfekte Buch für alle Mobiltelefon-Hasser

Stephen King hat ein techno­phobes Buch über unsere moder­nen Kommuni­kations­gewohn­heiten geschrieben. Das würde mich nicht stören – aber leider ist die Story nicht sonderlich gut.

Was für ein fulminanter Anfang! Clayton Riddell sitzt, nichts Böses ahnend, in einem Kaffee, während plötzlich das Pandämonium ausbricht: Um ihn herum fallen Leute tot um, beissen sich die Ohren ab, schlagen sich die Köpfe ein und verhalten sich so, als wären sie allesamt verrückt geworden.

Mit der Abschaltung von GSM hat sich das mit den Pulsen auch erledigt.

Und das sind sie. Zumindest jener Teil der Bevölkerung, der sein Mobiltelefon mit dabei hatte. Offenbar hat ein über das Netz verbreitetes Signal die kognitiven Funktionen der Teilnehmer ausgelöscht und eine Art animalisches Verhalten ausgelöst. Später sollte dieses Signal «Puls» genannt werden. Doch erst einmal sieht Clayton, der eigentlich Grund zum Feiern hätte, weil er  sein Comic «Dark Wanderer» einem Verlag verkaufen konnte, wie sich die Zivilisation von einem Moment auf den nächsten in Luft auflöst.

In seinem Buch Cell (Amazon Affiliate), in Deutsch Puls (Amazon Affiliate) kommt Stephen King untypisch schnell auf den Punkt: Ohne Vorgeplänkel schleudert einen schon das erste Kapitel mitten ins Geschehen. Und spannend ist es mitzuerleben, wie die gesamten Errungenschaften der Menschheit der letzten zweitausend Jahre den Bach runtergehen – und Clayton zusammen mit Tom, einem ebenfalls vom Puls verschonten Leidensgenossen, erst einmal das eigene Überleben sichern müssen.

Das Mobilfunknetz, das mit seinen Nutzern verschmilzt

Auch die Grundidee des Buchs gefällt mir: Das Mobilfunknetz als «Bösewicht» – das hat etwas. King bewies hervorragendes Timing: «Cell» kam 2007 auf den Markt, im selben Jahr wie das iPhone. Und auch wenn die Leute im Buch noch keine Smartphones nutzen, sondern klassische Feature-Phones, so verleiht die technische Entwicklung dieser Bedrohung zusätzliche Virulenz.

Eine hervorragende Ausgangslage also – die King, zu meinem Bedauern, nicht genutzt hat. Ich finde die Schilderung des Überlebenskampfs spannend. Clayton und Thomas McCourt werden zur Schicksalsgemeinschaft, zu der auch Alice Maxwell, ein 15-jähriges Mädchen stösst. Sie machen sich zusammen auf, um Boston zu verlassen und in den Norden zu gehen. Clayton ist in grosser Sorge um seinen Sohn Johnny-Gee alias John Gavin – und in etwas kleinerer Sorge um seine Ex-Frau Sharon.

Sie beobachten ein seltsames Verhalten bei den Leuten, die vom Puls getroffen wurden. Sie beginnen, ihr Verhalten zu ändern. Sie machen es sich zur Gewohnheit, des Nachts zu ruhen und sie hören damit auf, sich gegenseitig sinnlos abzumurksen.

Ein Schwarmbewusstsein entsteht

Stattdessen versammeln sie sich die sogenannten Phone-Crazies  in Gruppen, die Clayton, Tom und Alice erkennen darin das Schwarmverhalten von Vögeln. Sie scheinen sich zu einer Art Einheit zu entwickeln – was eine spannende Idee ist: Die fortschreitende Vernetzung, die aus Individuen die Teile eines grösseren Organismus macht – ein Schwarmbewusstsein, das die Macht übernimmt.

Doch leider erlahmt die Geschichte dann. Ohne bereits jetzt zu viel zu verraten, sei gesagt, dass viele der angelegten Ideen gegen Ende versanden.

Das Schwarmbewusstsein erschöpft sich in einem telepathischen Krieg zwischen den vom Puls Betroffenen (jetzt Phoners genannt) und den Nicht-Gepulsten (die Normies). Dieses Phoners entwickeln eine mentale Kraft, mit denen sie den Normies Ängste und kollektive Träume einpflanzen.

Es gibt auch eine Verfilmung, die auf den ersten Blick aber nicht allzu viel mit dem Buch zu tun hat.

Die werden durch den Raggedy Man versinnbildlicht. Das ist einerseits die Verkörperung des schwarmhaften Gegners der Normies. Andererseits ist es das personifizierte Böse, das es in Kings Büchern oft gibt. In «The Stand» heisst er Randall Flagg, Richard Fannin, Richard Farris, John Farson, Raymond Fiegler oder Walter O’Dim¹.

Kann ein Nerd die Lage retten?

Fazit: Das Buch hat seine spannenden Momente. Nebst dem Auftakt zähle ich auch die Stelle dazu, in der Clayton, Tom und Alice in New Hampshire in der Gaiten Academy, einer Privatschule ankommen und dort die zwei letzten Überlebenden antreffen: den Schulleiter Charles Ardai und dessen Lieblingsschüler Jordan.

Jordan ist ein waschechter Nerd und hat eine interessante Theorie zu den Phoners, die natürlich auf dem Gegenstand fusst, mit dem er sich am liebsten beschäftigt: Die Gehirne der Phoners seien wie Computer, die durch den Puls zum Absturz gebracht worden seien, die womöglich aber wieder neustarten können.

Doch leider wird auch diese Idee zu einem Handlungsstrang, der gegen Ende ausfranst. Darum empfehle ich dieses Buch nur den eingefleischten King-Fans. Ideal ist es auch für all jene Leuten, die Mobiltelefonen unauslöschbaren Hass oder zumindest eine gesunde Antipathie entgegenbringen.

Soweit mein Fazit, nachfolgend noch einige weitere Hinweise zum Inhalt, die natürlich Spoiler enthalten – und etwas mehr Kritik.

Es sind trotz allem Menschen, verflucht noch einmal!

Irritierend fand ich die Wendung, die die Geschichte in der Gaiten Academy nahm: Aus für mich nicht nachvollziehbaren Gründen lässt sich die Gruppe der Überlebenden von Schulleiter Charles Ardai dazu anstiften, einen Schwarm von Phoners, die sich des Nächtens auf dem Fussballfeld der Schule versammeln und Musik hören, in die Luft zu sprengen.

Natürlich kann man das leicht mit der durch die Telepathie induzierte Paranoia begründen, aber es ist eine absolut antihumanistische Tat, die nicht zu den Figuren passt. Sie ist auch einfach dumm, weil sie die Aufmerksamkeit der Schwärme auf sich zieht, eine Gegenreaktion provoziert und dazu führt, dass die Gruppe als Flock-killers gebrandmarkt ist.

Immerhin ebnet das dramaturgisch den Weg für einen Showdown, der auf einem Messegelände stattfindet, wo über die Flock-killers gerichtet werden sollte. Doch mit einer weiteren Explosion wird der Schwarm mitsamt dem Raggedy Man ausgelöscht. Das ist zwar wiederum spannend erzählt, wirkt auf mich aber so, als sei das Kings Plan B gewesen, nachdem ihm keine nicht so gewalttätige Lösung eingefallen ist.

Apropos Gewalt: Ein weiterer brutaler Moment im Buch ist der Tod von Alice Maxwell. Er ist überaus eindrücklich beschrieben, aber auch da hatte ich den Eindruck, dass er sich nicht aus erzählerischer Notwendigkeit ereignet hat, sondern weil King sich als unerbittlicher Herr über seine Figuren gebärden wollte. Jedenfalls hat es dazu geführt, dass «Cell» die Balance zwischen Gut und Böse fehlt, die insbesondere «The Stand» auszeichnet.

Der Puls beginnt zu degenerieren – und die Geschichte auch

Und eben: Gegen Ende geht es nicht mehr ums gemeinsame Überleben und nicht mehr um die Frage, wie sich ein Schwarmbewusstsein entwickeln würde und wie sich eine solche vernetzte Entität gegen normale, nicht-telepathische Menschen positionieren würde.

Es ist vielmehr zu beobachten, dass Menschen, die ihren Kopf noch in die Nähe eines aktiven Mobiltelefons halten, nicht mehr zu einem Teil des Schwarms werden. Offenbar hat sich der Puls über die Zeit abgebaut. Er produziert nun bloss noch geistige Krüppel, die kaum mehr in der Lage sind, sich am Leben zu halten.

Clayton Riddell stellt fest, dass sein Sohn Johnny-Gee einer dieser Krüppel ist. Der arme Kerl hat keinen Schwarm und taumelt völlig hilflos durch den erbärmlichen Rest seines Lebens – so schlimm, dass er nicht mehr aufs WC kann, sondern in den Garten kackt.

Was bleibt Clayton noch übrig, als ihm ein Telefon an den Kopf zu halten und dem Schicksal die Entscheidung zu übrerlassen, ob das den von Jordan vermuteten Neustart einleitet oder aber Johnny-Gees letzte Gehirnzellen wegschmort. Wie das ausgeht, erfahren wir Leserinnen leider nicht – eine letzte Enttäuschung…

Fussnoten

1) Als King-Afficionado weiss man natürlich, dass es sich bei den Bösewichten in Kings Büchern oft um die gleiche Figur handelt, die unter unterschiedlichen Namen auftritt. Man scheint sie auf Walter O’Dim zurückführen zu können,  erklärt es das King-Wiki. Der Raggedy Man ist keine Inkarnation dieser Figur, aber Parallelen erkennt man natürlich trotzdem.

Beitragsbild: Kurz nach diesem Foto hat leider der Puls zugeschlagen (Isaac Smith, Unsplash-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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