Kinder retten die Welt

Stephen King ist Schriftsteller mit 72 Lenzen auf dem Buckel, der den Output eines fünfzig Jahre jüngeren Springinsfeld aufweist. Vielleicht hat er keine Hobbys und keine Lust, Kürbisse zu züchten oder seinen Tag damit zu verbringen, auf Twitter über Trump herzuziehen. Vielleicht braucht er das Geld … aber wahrscheinlich nicht. Darum muss es wohl so sein, dass er sein literarisches Pulver noch nicht verschossen hat – und sich nicht aufs Altenteil zurückziehen kann, weil noch so viele Geschichten in seinem Kopf herumspuken.

Auch Eisenbahnfans kommen auf ihre Rechnung.

Was auch immer ihn antreibt: Das jüngste Resultat seiner Schaffenskraft heisst The Institute (Amazon Affiliate), bzw. zu Deutsch Das Institut (Amazon Affiliate). Das stellt sich, meiner bescheidenen Meinung nach, in eine Reihe mit seinen grossen Werken: The Stand oder 11/22/63, aber natürlich vor allem «It»: Hier gibt es zwar keinen bösartigen Clown. Doch die Hauptfiguren sind, wie beim Horrorklassiker von 1986, Kinder. Oder Heranwachsende, wenn man genau sein will.

Natürlich kann man als Erwachsener der Meinung sein, dass man lieber seinesgleichen als Hauptfigur hätte. Aber King erzielt einen grossen erzählerischen Hebel, wenn er das personifizierte Böse (wie bei «It») oder die menschlichen Abgründe (wie bei «The Institute») auf Figuren prallen lässt, die noch keine Gelegenheit hatten, sich die Hände schmutzig zu machen.

Die Last der Welt, die auf unschuldigen, zarten Schultern junger Menschen: Das ist eine starke Konstellation, wie uns auch Harry Potter gelehrt hat. Und auch wenn ich verstehe, dass King sie nicht überstrapazieren will, so war die Zeit (nach der hervorragenden zweiteiligen Verfilmung von «It») nun reif für eine Neuauflage. Denn wir erinnern uns an die Trump-Camps: „Kinder retten die Welt“ weiterlesen

Alöcher beiderlei Geschlechts

Die Kings tun ihrem royalen Namen alle Ehre. Sie setzen dazu an, dass die Krone des Horror-Königs vom Vater Stephen auf den Sohn Owen übergeht. Oder wie ist es zu deuten, dass das neueste Buch Sleeping Beauties (Amazon Affiliate englisch, Amazon Affiliate fürs Buch in Deutsch) als gemeinsames Werk der beiden entstanden ist? Was auch immer die Idee dahinter gewesen sein mag, umzweifelhaft wird der Ruf des Vaters mit diesem Buch auf den Sohn abstrahlen. Doch der Sohn, der in die Fussstapfen eines so berühmten Vaters stapft, ist auch nicht gerade zu beneiden. Jedenfalls gibt es am Ende des Hörbuchs ein Gespräch der beiden Autoren, in dem sie sich über die gemeinsame Arbeit auslassen. Da kein knallharter Gesprächsleister es führt, kommen erbitterten Konflikte um Formulierungen und Plotverläufe zutage. Trotzdem ist es hörenswert. Und es lässt die Hoffnung aufkeimen, dass Owen die kingsche Erzähltradition weiterführen wird, wenn der Vater dereinst – hoffentlich erst in ferner Zukunft – nicht mehr schreiben kann oder mag…

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Eine Frau im Kokon habe ich leider bei keiner Bilddatenbank gefunden. (Bild: AlexVan/Pixabay, CC0)

Das Buch ist jedenfalls ein «echter» King. Spannend, ausufernd, mit einem interessanten Ensemble und viel Lokalkolorit. Ich mag die King-Bücher deswegen, weil sie für mich The american way of life auf sehr authentische und fassbare Weise rüberbringen. Bei meinen dreimonatigen Reise damals habe ich die Leute so erlebt, wie ich sie in den Büchern erlebe – naja, natürlich ohne die Eskalationen von Horror, Katastrophe und Zivilisationsverlust, die in den Büchern unvermeidlich sind. «Sleeping Beauties» ist im Vergleich zu früheren Werken milder. Nun könnte man spekulieren, ob das an Sohn Owen liegt. Mir scheint es aber dem Thema geschuldet. Denn es sei ein feministisches Buch, schrieb zum Beispiel der Tagi:
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Schade, dass Trump hier nicht auf der Strecke blieb

Mit End of Watch (Amazon) ist die Trilogie von Stephen King um den pensionierten Polizeiermittler Bill Hodges zu so etwas wie einem Happy End gelangt. (Teil eins und Teil zwei habe ich ebenfalls besprochen.)

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Spielen eine nicht unerhebliche Nebenrolle. (Bild: tanakawho/Flickr.com, CC BY 2.0)

Kurz zum Inhalt – Achtung, Spoiler! –: Der in der Hirnklinik vor sich hin dämmernde Brady Hartsfield, Antagonist des ersten Bandes und Auslöser der Geschehnisse des zweiten Teils, will seinen erzwungenen Ruhestand nicht hinnehmen, sondern entwickelt übersinnliche Fähigkeiten. Erst beherrscht er das telekinetische Türrücken. Dann schafft er es, mit seinem Geist in Teile des Pflegepersonals einzudringen. Mit Hilfe von Library Al, der in der Klinik den Bücherwagen stösst, weitet Brady seinen Einfluss aus und bringt den zwielichtigen Arzt Dr. Babineau unter seine Kontrolle – ob dessen experimentelle Medikamente etwas mit diesen erstaunlichen Fähigkeiten zu tun haben oder nicht, wird nicht restlos geklärt.

Brady gibt sich damit nicht zufrieden. „Schade, dass Trump hier nicht auf der Strecke blieb“ weiterlesen

Scheisse bedeutet nicht Scheisse

Finderlohn von Stephen King (Englisch: Finders Keepers) ist der zweite Teil der als Trilogie ausgelegten Reihe mit dem pensionierten Polizeidetektiv Bill Hodges. Den ersten Teil, «Mr Mercedes» (d/e) habe ich im Beitrag Der Herr der kollektiven Ängste besprochen.

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Corpus delicti.

Es geht in diesem zweiten Teil um den Autor John Rothstein, der eine Buchreihe begonnen, aber nicht zu Ende gebracht hat. Oder richtiger gesagt: Er hat sie sehr wohl zu Ende gebracht. Bloss wurden von der Pentalogie nur die ersten drei Folgen The Runner and The Runner Sees Action und The Runner Slows Down veröffentlicht, während The Runner Goes West und The Runner Raises the Flag zwar in vielen Moleskin-Notizbüchern niedergeschrieben, aber nie gedruckt wurden. Die Figur des Autors erinnert laut King-Wiki an J. D. Salinger. Weniger gebildete Leser denken vielleicht auch an George R.R. Martin, dem von manchen Lesern ebenfalls Unmut, Ärger oder sogar Hass entgegenschlägt, weil er das Ende seiner Geschichte schon längst im Kopf hat, es aber nur zögerlich preisgibt. King selbst macht unter anderem Anspielungen an Kurt Vonnegut und dessen Phrase «So it goes», die neulich in diesem Blog schon ein Thema war.
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Bakterien von King und Crichton

Wie gross ist eigentlich die Gefahr, dass aus dem All Viren und Bakterien auf die Erde gelangen, die uns Menschen dezimieren oder auslöschen? Diese Frage hat Ende der 1960er die Gemüter bewegt – schliesslich hatte sich damals die Amerikaner und Sowjets den Wettlauf ins All geliefert, der in der Mondlandung 1969 gipfelte.

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Früher war alles besser. Sogar die Spracherkennung.

Michael Crichton hat im gleichen Jahr sein sechstes Buch diesem Thema gewidmet: Andromeda Strain (Deutsch: Andromeda). Da ich mir vorher noch einmal The Stand von Stephen King (Deutsch: Das letzte Gefecht, Besprechung siehe Mittelerde à la Stephen King) vorgeknüpft hatte, kam mir diese Geschichte gerade recht. Denn ob die für die Menschheit fatale Epidemie nun aus dem All oder aus einem militärischen Versuchslabor kommt, ist letztlich Hans was Heiri.
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Der Herr der kollektiven Ängste

Jede Generation hat ihre Ängste, behauptet der Klappentext zu Stephen Kings Buch Mr Mercedes von 2014 (Deutsche Fassung bei Amazon, englisches Original bei Amazon). Und Stephen King ist der Mann, der diese kollektiven Ängste zu bewirtschaften weiss. In «Mr. Mercedes» ist es ein «lone wolf», der sich autodidaktisch zum Terroristen entwickelt. Mit dem Islam hat das nichts zu tun – denn der ist gar nicht nötig. Eine alkoholkranke Mutter, einige Schicksalsschläge in der Jugend und eine verquere Psyche reichen völlig aus, um zum homegrown Soziopath zu werden.

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Der Amerikanische Traum ist eigentlich ein Todesmarsch

Was für ein schrecklicher Horrortrip! The Long Walk (Deutsch: Todesmarsch) von Richard Bachman alias Stephen King war etwas vom Quälendsten, das sich seit langem gelesen, bzw. gehört habe. Nicht, dass das Buch schlecht wäre – ganz im Gegenteil. Im Bereich der Allegorien ist mir seit langem nichts Besseres in die Finger gekommen. Aber das viele Leiden, an dem man Anteil nimmt. Die Qual. Das Sterben. Es ist einfach grauenhaft.

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Immer weiter, immer weiter… (Bild: Kelly Teague/Flickr.com)

Das Buch hat eine fadengrade Handlung. Es erzählt den langen Marsch der Hauptfigur Raymond Garraty, plus den 99 Mitmarschierenden. In einem dystopischen US-Amerika gewährt dieser Marsch den 14- bis 17-jährigen Teilnehmern die Chance, ihrer trostlosen Zukunft zu entfliehen und das restliche Leben in Luxus und Reichtum zu verbringen. Allerdings kommt nur ein einziger durch. Denn die Regeln des Marsches sind hart. Die Laufgeschwindigkeit darf nie unter vier Meilen pro Stunde oder 6,4 Kilometer pro Stunde fallen, was ein schnelles Marschtempo darstellt. „Der Amerikanische Traum ist eigentlich ein Todesmarsch“ weiterlesen

King ist auch auch nicht vom Himmel gefallen

Ich bin in meinem Bestreben, irgendwann sämtliche Bücher von Stephen King gelesen und hier besprochen zu haben, ganz am Anfang angelangt: Bei Carrie von 1974. Natürlich wegen der Neuverfilmung, die letztes Jahr entstanden ist. Die Lektüre brachte mich zu zwei Erkenntnissen:

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Dieser Vergleich lässt keinen Zweifel daran, welches die bessere Verfilmung ist. Links: Sissy Spacek im Film von Brian De Palma (1976), rechts Chloë Grace Moretz in der Variante von Kimberly Peirce (2013).

Das Buch hat mich vergleichsweise kalt gelassen. Es ist eine reichlich banale Geschichte: Mädchen wird geplagt, Mädchen entwickelt telekinetische Fähigkeiten, Mädchen übt schreckliche Rache. Die Stärken, die King in seinen späteren Werken entwickeln wird, fehlen hier weitgehend. Das reiche Innenleben der Figuren, ihr psychologischer Werdegang. Die Mutter in ihrem religiösen Fanatismus ging mir vor allem auf den Wecker. „King ist auch auch nicht vom Himmel gefallen“ weiterlesen

In zwei Anläufen zum traurig-schönen Happy End

Ich hatte mir vorgenommen, meinen Durchsatz an King-Büchern zurückzufahren. Während den Ferien in Schweden bin ich diesem Vorsatz untreu geworden. Die Gelegenheit war aber auch zu günstig. Ich war Mitte der 90er-Jahre auf einer ausgiebigen Interrail-Reise durch Skandinavien, und ich hatte damals Insomnia (Deutsch: Schlaflos) von Stephen King dabei. Ich habe das Buch damals nicht fertiggelesen. Dieses Versäumnis wollte ich nun wettmachen. Ich hatte die leise Vermutung, dass eine Verbindung zwischen den Erinnerungen ans Buch und den Erinnerungen an die damalige Reise entstehen würde – und die sich vielleicht gegenseitig befeuern würden.

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Wenn einer in Maine plötzlich «Farben» sieht… (Bild: Jody Roberts/Flickr.com)

Das war leider nicht der Fall. Es sind tatsächlich nicht sehr viele Erinnerungen aufgetaucht. Weder an die Reise, noch ans Buch. Das liegt daran, dass mein Reisemodus damals ein ganz anderer war. Interrail – da hat man Monate Zeit, durch die Gegend zu tingeln. Ich war damals teils mit einer Freundin, teils allein unterwegs. Da gibt es viele Bekanntschaften, und man kann sich und seine Gedanken treiben lassen. Eine «erwachsene» Ferienreise ist hingegen zeitlich klar begrenzt (zehn Tage hatten wir) und entsprechend auch viel straffer geplant. Da mögen die Städte und Sehenswürdigkeiten dann die gleichen sein wie vor zwanzig Jahren – die Umstände und das Freiheitsgefühl sind es nicht.
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Halbherzige Wiedergutmachung

Meine Pflichten als Literaturkritiker habe ich auf diesem Kanal in der letzten Zeit vernachlässigt. So skandalös das ist, will ich das Versäumnis jetzt auf halbherzige Weise wettmachen. Nämlich durch Kurzkritiken meiner letzten (Hör-)Bücher:

In meiner Stephen-King-Versessenheit habe ich mich auf Doctor Sleep gestürzt. Das ist der Nachfolger von dem 36 Jahre früher erschienen und von genial, aber nicht sehr vorlagentreu verfilmten The Shining. Da ich auch den Vorgänger nicht kannte, musste ich mich erst einmal diesem widmen.

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Allein schon der Teppich ist gruselig! (Über dieses Muster ist Danny mit seinem Dreirad in der Verfilmung von Stanley Kubrick gefahren…)

«The Shining» ist zu recht ein Klassiker. Aber mit «Doctor Sleep» beweist Stephen King, dass er mit dem Alter noch zulegen kann. Ergreifend, wie aus dem Danny Torrance, dem Jungen mit dem Shining, ein alkoholkranker Versager und dann ein Kämpfer gegen die True Knot wird, der zusammen mit einem Mädchen, das seine Begabung teilt, nicht nur eine akute Bedrohung beseitigt, sondern auch (echte und nicht bloss halbherzige) Wiedergutmachung leistet. „Halbherzige Wiedergutmachung“ weiterlesen