Bakterien von King und Crichton

Wie gross ist eigentlich die Gefahr, dass aus dem All Viren und Bakterien auf die Erde gelangen, die uns Menschen dezimieren oder auslöschen? Diese Frage hat Ende der 1960er die Gemüter bewegt – schliesslich hatte sich damals die Amerikaner und Sowjets den Wettlauf ins All geliefert, der in der Mondlandung 1969 gipfelte.

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Früher war alles besser. Sogar die Spracherkennung.

Michael Crichton hat im gleichen Jahr sein sechstes Buch diesem Thema gewidmet: Andromeda Strain (Deutsch: Andromeda). Da ich mir vorher noch einmal The Stand von Stephen King (Deutsch: Das letzte Gefecht, Besprechung siehe Mittelerde à la Stephen King) vorgeknüpft hatte, kam mir diese Geschichte gerade recht. Denn ob die für die Menschheit fatale Epidemie nun aus dem All oder aus einem militärischen Versuchslabor kommt, ist letztlich Hans was Heiri.

In der Geschichte geht in einem Kaff in Arizona ein Satellit hernieder, der vom Dorfdoktor aufgelesen und aufgeschraubt wird, worauf hin fast die ganze Bevölkerung einen schnellen (und offenbar nicht einmal allzu schmerzvollen) Tod erleidet. Nur ein alter Mann und ein Baby überleben. Doch die US-Regierung ist bestens auf diesen Fall vorbereitet – denn man hat ihn in weiser Voraussicht schon eingeplant. (Später findet man heraus, dass sogar ein bisschen mehr als das passiert ist.) Wissenschaftler werden aufgeboten, die das Phänomen untersuchen sollen – und selbst für den schlimmsten Fall ist man vorbereitet. Wenn alles ausser Kontrolle gerät, kann das unterirdische Labor, das mehrere immer stärker isolierende Bereiche enthält, mit einer Atombombe ausradiert werden.

… man beachte wiederum die Parallelen zu «The Stand»: Das sind zum einen die Atombombe und zum anderen die nevadische1 Stadt Las Vegas. Die scheint Killerviren und Todesbakterien gewissermassen magisch anzuziehen.

Fortschrittsglaube und Retro-Futurismus
Jedenfalls isolieren die Wissenschaftler den Erreger und können auch die Atombombenexplosion im letzten Moment verhindern. Im Vergleich ist Kings apokalyptische Herr-der-Ringe-Adaption um Welten spannender als Crichtons vergleichsweise blutleeres Wissenschaftsdrama, das nie so richtig aus seinem Bunker kommt. King hat intensiveres Drama, bitterere Tragödien, die menschlicheren Charaktere und den packenderen Showdown – er braucht allerdings auch achtmal so viele Buchseiten wie Crichton.

Empfehlenswert ist «Andromeda Strain» wegen seiner rührenden Mischung aus Fortschrittsglaube und Retro-Futurismus. In dem Buch ist die US-Regierung technologisch so brillant, wie man sich das in den 1960ern nur ausmalen konnte: Computer mit elaborierten Muster-Erkennungsprogrammen. Automatische Systeme für medizinische Untersuchungen, die mit mechanischen Händen operieren. Spracherkennung und -synthese auf der Höhe von Siri, Google Now und cortana. Und als Kontrast dann die Kommunikationssysteme der 1960er, die auf Fernschreibern basieren: Solche, die die eingegebenen Nachrichten in Kleinbuchstaben und die empfangenen Antworten in Grossbuchstaben ausdrucken. Das ist dann doch ein Schmunzeln wert!

Footnotes

  1. Falls es dieses Wort überhaupt gibt. ^top

Autor: Matthias

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