Eine Zeitkapsel für das Internet

Die Schweizerische Nationalbibliothek will das Schweizer Internet für unsere Nachfahren aufbewahren. Aber sie tut das auf eine Art und Weise, mit der ich noch nicht einmal ansatzweise einverstanden bin.

Zeitreisen gehören zu meinen (nicht ganz so) geheimen Leidenschaften. Ich meine, wie könnte man nicht einmal durchs antike Rom spazieren wollen oder sich seinerzeit in Nazareth davon vergewissern, dass alles genauso stattgefunden hat. Doch auch ein Besuch der näheren Vergangenheit wäre spannend – und wenn er nur dem Zweck dienen würde, Kindheitserinnerungen aufzufrischen.

Nun ist diese Form der temporalen Bildungsreise aus irgendwelchen nutzlosen physikalischen Grundgesetzen offenbar nicht möglich. Doch es gibt eine Methode, die die persönliche Anwesenheit in einer anderen Zeitepoche zwar nicht adäquat ersetzt, aber immerhin eine gewisse Befriedigung der eigenen Neugierde erlaubt. Diese Methode besteht natürlich darin, sich Fotos und Zeitdokumente anzusehen.

Und ja, ich bin unglaublich eifersüchtig auf die heutigen Kinder und die kommenden Generationen:  Ihr Aufwachsen wird in unzähligen hochauflösenden Aufnahmen und Videos dokumentiert, während es aus meiner Kindheit ein paar Dutzend unscharfe Schnappschüsse gibt. Ganz zu schweigen davon, dass zukünftige Generationen die Vergangenheit mittels Google Earth und Google Streetview werden erforschen können und dank den sozialen Medien jede Regung ihrer Eltern, Grosseltern und Urgrosseltern erkunden können.

Wie lange sind unsere Daten haltbar?

Klar, Voraussetzung für solche multimedialen Zeitreisen ist, dass diese Daten alle erhalten und zugänglich bleiben. Es ist längst nicht garantiert, dass dem so sein wird. Denn entgegen der landläufigen Meinung vergisst das Internet sehr wohl. Schon heute tun sich grosse Löcher im Web auf. Und gerade Google ist kein Garant dafür, dass Informationen für die Nachwelt erhalten bleiben. Google Plus ist das beste Beispiel dafür – auch wenn ich das Ende dieses sozialen Netzwerks seinerzeit mit einem schulterzuckenden Na und? abgetan habe.

Ich gehe davon aus, dass die Daten von Google Earth oder Streetview nicht einfach so verschwinden würden, falls Google dereinst den Laden dichtmacht. Es würde sicherlich Bemühungen geben, diese wertvollen Bestände am Leben zu erhalten. Das Gleiche gilt sicherlich auch für Facebook oder Twitter – siehe dazu auch: Warum unsere Facebook-Posts uns überleben sollten.

Doch die Herausforderungen wären riesig und vielgestaltig: Wie behält man diese gigantischen Datenmengen und die technisch komplexen Systeme am Laufen? Es wäre auch mit juristischen Querelen zu rechnen, sodass es passieren könnte, dass die Daten zwar irgendwo archiviert, aber für die Öffentlichkeit nicht mehr zugänglich sind.

Doch trotz dieser grossen Fragezeichen bin ich optimistisch. Man muss der Menschheit zugutehalten, dass sie sich immer für das kollektive Gedächtnis eingesetzt hat. Mönche haben alte Bücher abgeschrieben, damit deren Wissen nicht verloren geht. Bibliotheken sind nicht nur staubige Archive, sondern oftmals monumentale Prunkbauten zu Ehren unserer Zeugen der Vergangenheit. Den Status von Erinnerungstempeln haben auch Museen, in denen Kunstwerke uns einen Blick in jene Zeiten erlauben, in denen die Realität noch nicht technisch abbildbar war.

Das Schweizer Web soll aufbewahrt werden

Aus diesem Grund bin ich überzeugt, dass wir Menschen uns auch um unseren digitalen Nachlass bemühen werden. Archive.org kümmert sich um Websites. Aber gibt es solche Aktivitäten auch in der Schweiz?, habe ich mich gefragt.

Ich habe nachgeforscht und herausgefunden: Auch die Schweizerische Nationalbibliothek will «das digitale Wissen für die Zukunft sichern», wie es im FAQ zu Webarchivierung heisst:

Gemeinsam mit den Schweizer Kantonsbibliotheken und weiteren Spezialbibliotheken verfolgt die Schweizerische Nationalbibliothek mit Webarchiv Schweiz das Ziel, Teile des «schweizerischen Internets» aufzubewahren.

Das ist eine gute Idee, doch mit der Umsetzung bin ich noch nicht einmal ansatzweise einverstanden:

Die Schweizerische Nationalbibliothek hat sich für eine selektive Strategie entschieden. Der Schwerpunkt liegt auf frei zugänglichen, landeskundlich relevanten Websites mit einem starken Bezug zur Schweiz: Websites über die Kantone und Gemeinden, spezifische Fachgebiete wie Sozialwissenschaften oder Schweizer Literatur.

Ich interpretiere das so, dass diese Website hier sich nicht fürs Archiv qualifizieren würde. Das ist aber nur eine Vermutung, denn einen Versuch, sie archivieren zu lassen, habe ich bislang nicht unternommen. Denn dafür gilt es erst einmal, einige bürokratische Hürden zu überwinden:

Nur die Partnerbibliotheken (Schweizer Kantonsbibliotheken und weitere Spezialbibliotheken) können Websites für die Sammlung von Webarchiv Schweiz auswählen und anmelden. Sie können die URL aber gerne an die Koordinationsstelle Webarchiv Schweiz der Schweizerischen Nationalbibliothek melden. Die Koordinationsstelle wird den Vorschlag an die zuständige Partnerbibliothek weiterleiten. Anhand der Sammelkriterien (…) wird dann entschieden, ob die Website ins Webarchiv Schweiz aufgenommen wird oder nicht.

Muss das immer so formalistisch und föderalistisch laufen? Wie teuer kann es sein, statt eines komplizierten Auswahlverfahrens einfach alle Websites zu archivieren, die mit einer .ch-Domäne im Netz stehen?

Warum nicht einfach alle .ch-Domains archivieren?

Gut, wenn es unbedingt sein müsste, könnte man einige Ausschlusskriterien definieren, welche Websites man nicht aufnehmen will oder kann. Eine interaktive Webanwendung lässt sich wahrscheinlich nicht so einfach ins Archiv überführen. Auch reine Aggregatoren oder Teile von Linkfarmen sind nicht archivierungswürdig. Aber darüber hinaus sollte der Anspruch sein, dass «schweizerische Internet» in Gänze aufzubewahren.

Ich jedenfalls halte meine Websites auf alle Fälle für wichtig genug, um für die Nachwelt erhalten zu bleiben. Zugegeben, wegen der Podcasts des Nerdfunks, Digitalmagazins und Digitalks wären das ein paar Gigabytes. Über den Daumen gepeilt sind es weniger als 100 GB, und wenn ich die Preise hier bei Amazon S3 ansehe, dann kostet das als S3 Glacier Deep Archive 0,0018 USD pro GB und Monat. Wenn ich also grosszügig auf 100 GB aufrunde, wären das 2.16 US-Dollar im Jahr oder 216 Dollar für hundert Jahre. Das würde ich sogar aus eigenem Sack bezahlen.

Einverstanden: das S3 Glacier Deep Archive ist nicht für den öffentlichen Zugriff geeignet. Aber ich verstehe das als Rechenbeispiel – und ja, mir ist klar, dass bei einem solchen Projekt die reinen Speicherkosten nicht das Entscheidende sind. Es geht mir mehr darum, dass man die Ansprüche etwas höher schrauben könnte, ohne wegen der Datenmengen gigantische Kosten befürchten zu müssen.

Das sind die Snapshots, die Archive.org von dieser Website hier angelegt hat.

Fazit: Wenn ich morgen unters Tram käme, dann wäre diese Website hier und mein digitales Erbe nach einem Jahr weg aus dem Internet – nur einige Bruchstücke würden bei Archive.org verbleiben. Aus meiner subjektiven Sicht wäre das ein Verlust, doch es leuchtet mir auch ein, dass man Zweifel anbringen kann, ob mein bloggerisches Lebenswerk für künftige Generationen einen massgeblichen Erkenntnisgewinn bereithält. Ja, sogar ich halte nur das wenigste, was ich vor zehn Jahren gebloggt habe, heute noch für  relevant.

Alles bewahren – einfach, weil es geht

Andererseits: Wer sind wir, das für die zukünftigen Generationen entscheiden zu wollen? Es liegt in der Natur der Sache, dass wir keine Ahnung haben, was die interessieren wird und welche Möglichkeiten der Auswertung sie haben werden. Vielleicht wird eine superhochentwickelte künstliche Intelligenz in der Lage sein, all die Posts aus der ganzen Blogosphäre zu verinnerlichen und eine Simulation der kollektiven Geistesverfassung (!!!) daraus zu stricken. Wenn dem so wäre, dann käme in hundert Jahren zwar dem einzelnen Blogpost keine Relevanz mehr zu, aber er würde als Bausteinchen in ein System einfliessen, das unseren Nachfahren hilft, die Vergangenheit zu verstehen.

Darum plädiere ich dafür, Dinge auf Verdacht hin zu erhalten. Einfach, weil sie nun einmal da sind. Etwas zur Verfügung zu haben und sich zu entscheiden, es zu ignorieren, ist die bessere Option, als auf etwas verzichten zu müssen.

Beitragsbild: Erinnerungen weren meist in solchen Kästchen aufgehoben – dabei sollte die ganze Welt sie sehen können (Roman Kraft, Unsplash-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

2 Gedanken zu „Eine Zeitkapsel für das Internet“

  1. Auch wenn Weihnachten nicht vor der Türe steht, tönt dieser Blogpost für mich wie ein gigantischer Wunsch ans Christkind. Zur Frage der Umsetzung wird nur an die Kosten für den Speicherplatz gedacht. Es braucht aber auch Menschen, welche das Ganze umsetzen müssten. Und dann gibt es noch das Urheberrecht, auf welches sich auch dieser Blog beruft (https://blog.clickomania.ch/matthias/) und kein freies Kopieren dieser Website erlaubt – so wie bei den meisten anderen Schweizer Websites. Der Aufwand für das Schlaraffenland, das sich der Autor wünscht, wäre also riesig.

    Persönlich fände ich es wunderbar, wenn alle Schweizer Websites archiviert werden könnten. Vielleicht findet Matthias Schüssler ein paar Mäzene? Die Schweizerische Nationalbibliothek wäre sicher dankbar dafür.

    1. Ich werde bei Gelegenheit eine Passage ergänzen, die das Kopieren für Archivzwecke explizit erlaubt. Man könnte auch das Urheberrecht entsprechend anpassen. Abgesehen gibt es im bestehenden Urheberrecht Ausnahmen für die Wissenschaft, die man geltend machen kann.

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