Google Plus ist bald weg – na und?

Im Juli 2016 habe ich fünf Thesen, warum es Google+ immer noch gibt aufgestellt. Nun, ungefähr vier davon würden heute noch stimmen. Die fünfte allerdings ist offensichtlich weggefallen: «Google glaubt weiterhin an Google+».

Nein, Google glaubt nicht mehr an Google Plus. Am 2. April 2019, also in ungefähr zehn Tagen, wird dem sozialen Netzwerk den Stecker gezogen. Die Daten werden gelöscht. Das allein ist schon bemerkenswert, weil man Google nicht dafür kennt, überhaupt jemals irgend etwas zu löschen (siehe zum Beispiel Think your Google history has been completely deleted? Think again…).

Überraschend sind auch die Umstände, die zum Ende geführt haben. Google hat Sicherheitslücken gefunden und das zum Anlass genommen, mit Google Plus gleich aufzuhören. Und als dann noch weitere Lücken auftauchten, wurde das Enddatum sogar noch vorgezogen. Ist das eine Überreaktion? Oder die logische Konsequenz? Die Einschätzung hängt von den Erwartungen ab. Und von der Einschätzung, was Google Plus für einen gebracht hat.

Für mich war Google Plus nicht unverzichtbar, aber auch nicht komplett für die Katze. Ich habe meine Blogbeiträge dort immer veröffentlicht und ungefähr gleichviele Reaktionen verzeichnet wie bei Facebook. Das ist sicher nicht repräsentativ, da es bei Google Plus anteilmässig viel mehr Technik-interessierte Leute gibt als bei Facebook. Für nichttechnische Themen ist Google Plus unwichtig bis komplett irrelevant.

Die zweite Frage wäre gewesen, ob Google Plus noch ein Potenzial hat. Das hat Google offensichtlich verneint. Und da in den letzten Jahren keinerlei Ressourcen mehr investiert worden sind, konnte es auch gar nicht anders sein. Aber hätte es anders sein können?

Die Antwort darauf ist natürlich reine Spekulation. Grundsätzlich traut man es Google zu – auch wenn es schwieriger ist, einem dümpelnden Produkt neues Leben einzuhauchen, als mit einem brandneuen Projekt durchzustarten. Aber, mit guten Ideen, dem Willen aus Fehlern zu lernen und neuem Elan wäre die Sache nicht völlig aussichtslos gewesen.

Andererseits ist Social Media offensichtlich schwierig. Google ist bekanntlich nicht der einzige Branchenriese, der in diesem Gebiet kläglich gescheitert ist. Apple hat mehrere Flops hingelegt. Zum Beispiel mit Connect in Apple Music. Dort konnte man als Nutzer Bands und Künstlern folgen. Aber irgendwie war das noch nicht einmal im Ansatz interessant, sodass die Funktion erst zurückgefahren und im Dezember 2018 endgültig abgeschafft worden war.

Und das war nicht die erste Bauchlandung. Erinnert sich noch jemand an iTunes Ping? Ich musste jetzt eben sehr lange nachdenken, bis mir der Name wieder eingefallen ist. Das war ein soziales Netzwerk für Musik. Theoretisch eine gute Idee. Praktisch zu eingeschränkt. Denn als Zyniker würde man sagen, dass eine Social-Medium-Plattform nur dann genügend Nutzungsdauer erzielt, wenn man dort gegen Flüchtlinge hetzen und Verschwörungstheorien verbreiten kann.

Letzte Frage: Sollte man traurig sein, dass Google Plus nicht mehr ist?

Einerseits ja. Es war zwar eine schwache Alternative zu Facebook, aber immerhin war es eine. (Anders als etwa Vero oder Mastodon.) Andererseits war es eben ein Produkt von Google – was dazu führt, dass man in Sachen informationeller Unabhängigkeit mit Google Plus kein Stück besser dasteht als mit Facebook. Ein echter Vorteil für uns Nutzer wäre, wenn wir unsere Daten bei einem Dienst unterbringen könnten, der nicht noch ganz viele andere Daten über uns gespeichert hat – zum Beispiel unsere Suchanfragen, unsere Mails, unsere Cloud-Fotos, unsere Office-Dokumente, unseren Kalender und unsere Shopping-Gewohnheiten.

So gesehen: Kein richtiger Verlust – und ein echt prominenter Zugang auf dem Google Graveyard. Und ich hoffe, dass nun Google das Plus-Zeichen wieder der ursprünglichen Verwendung zuführt: Nämlich bei einer Websuche ein Wort auszuzeichnen, das unbedingt vorkommen muss. Diese Möglichkeit ist sowieso viel mehr wert als alle sozialen Netzwerke zusammen.

Beitragsbild: Immerhin wieder etwas mehr Platz auf dem Homescreen (Pixelkult/Pixabay, Pixabay-Lizenz)

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzegungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

Ein Gedanke zu „Google Plus ist bald weg – na und?“

  1. Der einzige Vorteil des Abschaltens von Google+ ist, dass auch die fauleren Mitglieder (mich eingeschlossen) zu einem wirklich freien Anbieter wechseln. Google war ja zwar nicht Facebook, aber auch nicht Mutter Teresa.

    Zumindest von meinem Kontakten ging die Mehrheit zu diaspora* (nur echt mit Stern). Wer keinen eigenen Pod hosten wollte, dem wurde https://pluspora.com/ empfohlen.

    Fazit: ich habe immer noch in etwa den gleichen Stream wie vorher, minus Beiträge von Firmen und automatisierten Reshares. Trotz offener Plattform bleiben die Rassisten lieber bei Facebook, was ich sehr angenehm finde.

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