Fotokunst auf die faule Tour

Doppel- oder Mehrfachbelichtungen sind eine kreative Spielerei, die man schon im analogen Zeitalter äusserst kreativ anwenden konnte. Damals im Zelluloidzeitalter musste man seine Kamera dazu bringen, den Film nicht zu transportieren, bevor man erneut auslöst. Die meisten Kameras haben das automatisch verhindert, indem der Spannhebel den Film um ein Bild weiterbefördert, während er den Verschluss wieder schussbereit macht. Es gibt bei manchen Kameras aber einen Knopf, der den Filmtransport abschaltet.

Auch viele Digitalkameras haben eine Option für Doppelbelichtungen. Die bei meiner Nikon D700 ist allerdings nicht das, was man erwarten würde. Sie fügt nämlich nachträglich Bilder zusammen (im Menü bei Bildbearbeitung gibt es die Option Bildmontage). Wenn man die Doppelbelichtung hinterher zusammenfügt, kann man das auch gleich in der Bildbearbeitungssoftware tun.

Wenn man Doppelbelichtungen mit der Kamera machen will, dann natürlich gleich bei der Aufnahme. Erstens kommt es dann auf die fotografischen Fähigkeiten und das sorgfältige Arbeiten an. Und zweitens kommen gewisse Vorteile nur bei der Aufnahme überhaupt zum Tragen.

Man kann die Mehrfachbelichtungen nämlich nicht nur kreativ, sondern auch handwerklich nutzen.

Die Option an der Spiegelreflexkamera, um zwei Bilder zu einer «Doppelbelichtung» zusammenzufügen.

Zum Beispiel, um die Reichweite des Blitzes zu vergrössern. Der Beitrag hier beschreibt sehr schön, wie bei einer Nachtaufnahme durch eine zehnfache Mehrfachbelichtung Bereiche erleuchtet werden, die bei einer normalen Aufnahme in Dunkelheit versinken.

Bei der kreativen Mehrfachbelichtung wird man versuchen, zwei oder noch mehr Objekte (oder das gleiche Objekt aus verschiedenen Blickwinkeln) zu verschmelzen.

Viele schöne Beispiele sieht man zum Beispiel hier bei Pinterest. Und bei Kwerfeldein erklärt Florian Imgrund einige Ideen:

Beispielhafte Gebiete zur Kombination zweier Aufnahmen sind Formen/Strukturen, Makros, Portraits bzw. der Mensch an sich sowie Natur- und Landschaftaufnahmen.

Weiterhin können natürlich auch extreme Farb- und Grössenkontraste in einer Doppelbelichtung herausgestellt werden. Zum Beispiel ein Portrait in Kombination mit einer verhältnismässig kleineren Ganzkörper-Panning-Aufnahme.

Ich versuche in meinen Doppelbelichtungen oftmals eine Spanne zwischen Mensch und Natur zu schaffen. Die Verknüpfung der Einzigartigkeit eines Portraits mit der Abstraktheit der Natur lassen in meinen Augen völlig neue Interpretationen offen.

Da sich das Licht addiert, bilden sich die doppelten Strukturen in den dunklen Bereichen ab. Wenn eine Aufnahme in einem Bereich sehr hell oder völlig weiss ist, kann dort die zweite Aufnahme nichts mehr abbilden. Das zeigt sich schön beim Beitragsbild: Der helle Himmel hinter den Bäumen sorgt dafür, dass die Silhouette der Bäume quasi den Kopf des Mannes «ausstanzt». Da auch dieser Kopf vor einem sehr hellen Hintergrund aufgenommen wurde, bleiben nur die Bereiche erhalten, wo sich dunkle Partien überlagern. Das sind der Bart, die Haare und die dunklen Bäume und im unteren Bereich die Schulter.

Zwei Sujets vor hellem Hintergrund wachsen zu einem Umriss zusammen. Bzw. ihre dunklen Partien werden zu einer Einheit. Das ergibt eine traumhafte oder vielleicht auch eine albtraumhafte Wirkung. Jedenfalls darf man bei solchen Kollisionen von Zeit und Raum eine Intensität und und Verdichtung erwarten. Und oft gibt es auch eine moralische Aussage: Mann und Baum als Einheit: Das kann man fast nur als «Zurück zur Natur»-Aufruf interpretieren.

Die am Computer entstandenen Doppelbelichtungen verdienen diese Bezeichnung oft nicht – denn da werden häufig einfach zwei Ebenen maskiert und übereinandergelegt und es wird nach Gutdünken mit Transparenz operiert. Bei einer «echten» digitalen Mehrfachbelichtung dürfte man IMHO nichts freistellen und keine Masken nutzen. Die obere Ebene verwendet den Mischmodus Negativ multiplizieren, und fertig. (Naja, Drehen, Verschieben und Skalieren der Ebenen und Anpassen der Gradationskurven dürfte erlaubt sein.)

So gesehen schummelt die App Fuzion (kostenlos, fürs iPhone, mit In-App-Käufen) ganz gewaltig. Fuzion verarbeitet nur Bilder mit Tiefeninformationen, die mit einem iPhone mit zwei Kameras aufgenommen worden sind. Damit ein Bild mit Tiefeninformationen ausgestattet wird, muss es im Portraitmodus aufgenommen worden sein. Ich nenne dieses Bild der Einfachheit halber Hauptmotiv.

Dieses Hauptmotiv wird nun anhand der Tiefeninformationen freigestellt. Diese automatische Hintergrundentfernung ist ein nützlicher Trick, den ich schon im Beitrag Da weinen Bildbearbeiter vor Glück! beschrieben habe. Sie macht den Prozess sehr viel einfacher, indem man sich nicht die Mühe machen muss, das Hauptmotiv vor dem passenden (wahrscheinlich hellen) Hintergrund zu fotografieren.

Man kann es nun mit einem bereits gemachten Bild aus der Fotorolle kombinieren. Fuzion stellt für dieses Zweitmotiv viele so genannte Backgrounds zur Verfügung. Diese Hintergründe bestehen aus Aufnahmen, wie man sie bei Doppelbelichtungen immer wieder sieht: Wälder, Landschaften, Seen und Meer, Städte bei Nacht, etc.

Das Live-Kamerabild, mit dem man eine Aufnahme so hinzirkelt, damit sie gut zum ausgewählten Hauptmotiv passt.

Man kann fürs Zweitmotiv auch die Kamera benutzen. Und das scheint mir der grösste Nutzen dieser App zu sein: Man sieht so nämlich sofort, wie man sein zweites Motiv arrangieren muss, dass es scön mit dem Hauptmotiv korrespondiert.

Und das ist eine gute Gelegenheit, um das Fazit vorwegzunehmen: Die Fuzion-App überzeugt mich nicht, weil sie keine echten, bzw. authentischen Doppelbelichtungen erzeugt. Sie ist aber gut geeignet, um eine richtige Doppelbelichtung zu planen: Wenn man eine Hauptaufnahme hat, die sich allenfalls eignen könnte, bekommt man über das Live-Kamerabild ein Gespür fürs Zweitmotiv und kann mit den Grössenverhältnissen und Bildaufteilungen experimentieren.

Wenn man mit Doppelbelichtungen Erfahrungen sammeln will, dann würde ich aber empfehlen, the high road zu nehmen und die Aufnahmen in einer normalen Bildbearbeitungs-App zusammenzufügen – mit der erwähnten Vorgabe, dass sie mehr oder weniger unbearbeitet übereinanderlegt. Das macht sicher mehr Spass und bringt einem aus fotografischer und kreativer Sicht die grössere Befriedigung als die Fuzion-App.

So sieht die Doppelbelichtung in der App aus. Ein bisschen Nachbearbeitung würde nicht schaden – härtere Kontraste und Schwarzweiss, zum Beispiel.

Die App selbst stellt neben dem Background-Bereich zur Auswahl des Zweitmotivs auch die Option Face zur Verfügung, mit der man das Hauptmotiv (Portraitbild) in Sachen Ausleuchtung bearbeitet. Bei Fill ändert man den (freigestellten) Hintergrund – auch so ein Sakrileg, denn bei einer echten Doppelbelichtung ergibt sich die Farbe des Hintergrunds aus den addierten Helligkeitswerten der beiden Bilder.  Mit Overlay kann man Staub oder Lichtflecke übers Bild legen, was nun auch kein wirklicher Gewinn ist.

Und mit Filter motzt man das fertige Bild noch ein bisschen auf.

Die App ist wie gesagt gratis, doch für viele Inhalte (Backgrounds, manuelle Anpassung der Fill-Farben, zusätzliche Overlays und die Filter muss man vier Franken für den Premium-In-App-Kauf aufwerfen. Auch das Made with Fuzion-Wasserzeichen in der rechten unteren Ecke wird man nur so los.

Beitragsbild: janrye/Pexels, CC0

Autor: Matthias

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