Glasnost bei Google

Ich habe mich neulich gefragt, wie viele Videos eigentlich bei Youtube verschwinden. Bei der Recherche zu dieser Frage bin ich auf den Google-Transparenzbericht gestossen. Transparenz und Google? wundert man sich. Das sind zwei Wörter, die man nicht im gleichen Satz erwarten würde. Denn wie Strassenumfragen zeigen, beklagen acht von zehn Schweizern die Intransparenz von grossen Tech-Unternehmen wie Google.

Da geht es dann allerdings um die Frage, was diese Tech-Unternehmen alles mit den eigenen Daten anstellen – und da ist es bekanntlich nach wie vor so, dass man als Nutzer (oft mit einem unguten Gefühl und manchmal sogar wider besseres Wissen) einen Vertrauensvorschuss leistet. Meine Lieblings-Anekdote dazu bezieht sich auf einen Besuch bei Google Schweiz, wo unter anderem an Technologien wie Google Maps und der fotografischen Dokumentation der ganzen Welt gearbeitet wird. Genau an diesem Ort wurde ich einmal uncharmant zurechtgewiesen, weil ich ungefragt ein Foto gemacht habe. Die werden wohl wissen, was man mit solchen Fotos alles anstellen kann.

Aber gut, ein bisschen Transparenz ist besser als gar keine. Und der Transparenzbericht ist durchaus aufschlussreich. Was Youtube angeht, erfährt man im Abschnitt YouTube-Community-Richtlinien und ihre Anwendung, dass von Oktober bis Dezember 2018 fast 2,4 Millionen Kanäle gelöscht worden sind. Fast 82 Prozent wegen Spam, irreführenden oder betrügerischen Inhalten, knapp 10 Prozent wegen Nacktheit oder sexuellen Inhalten. Und 3,1 Prozent zum Schutz von Kindern.

Die Zahl der gelöschten Videos beläuft sich übrigens auf 8,8 Millionen. Auch 262 Millionen Kommentare mussten über die Klinge springen. Und wegen gewalttätigem Extremismus wurden knapp 50’000 Clips entfernt.

Der Transparenzbericht deckt noch viele weitere Bereiche ab. Zu Malware und Phishing etwa, oder zur Sicherheit von Android-Apps (Anzahl Geräte mit potenziell schädlichen Apps: Zwischen ein und zwei Prozent).

Interessant auch die Entfernungen aus der Suche gemäss europäischem Datenschutzrecht. Um die 780’000 Ersuchen sind eingegangen und drei Millionen URLs erscheinen nicht mehr in der Suche. In der Schweiz sind es knapp 17’000 Ersuchen und knapp blockierte 60’000 URLs. Am häufigsten werden Resultate übrigens, wen wundert es?, aus Facebook gelöscht. Platz zwei 118712.fr, das Online-Telefonbuch mit gelben Seiten von Frankreich. Dann Twitter, Youtube und ein Ding namens profileengine.com.

Das ist bzw. war eine Suchmaschine für Facebook, die eine ausgeklügelte Personensuche ermöglicht hat. Sie hat per Ende März 2018 die Waffen gestreckt und die Daten an Archive.org gespendet. Mit einem bemerkenswerten Urteil über Facebook:

Knowledge is power and all the power is concentrated in the hands of a malevolent force – corporate Facebook.

Zurück zum Transparenzbericht von Google. Einen Blick wert ist auch die Datensammlung bei den Ersuchen um Entfernung von Inhalten aufgrund von Urheberrechtsverletzungen. Sagenhafte 3,98 Milliarden URLs wurden zur Entfernung gemeldet. 2,2 Millionen Domains sind betroffen und nur 166’745 Urheberrechts-Inhaber. Da sieht man, wie wenige Unternehmen sich das Recht herausnehmen, das Internet nachhaltig zu filtern. Einer der erfolgreichsten Link-Beseitiger ist übrigens Rivendell.biz. Die schreiben auch ganz stolz auf ihrer Website: «World Leader on Google’s transparency report for removal illegal links».

Die überwachen nach eigenen Angaben eine halbe Million Quellen, «um Piraterie so schnell als möglich zu entdecken». Die Quellen für illegales Material sind übrigens erstens das direkte Herunterladen und Streamen, zweitens Foren und Torrents und drittens Suchmaschinen. Bemerkenswert ist, dass Rivendell angibt, «50 happy clients» zu haben. Das zeigt, wie wenig Unternehnen diese Instrumente zur Durchsetzung von Urheberrechtsansprüchen überhaupt nutzen und nutzen können – betroffen sind dann wir alle.

Behördliche Ersuchen um Entfernung von Inhalten: Verblüffend ist hier, wie steil die Kurve ansteigt: 1031 waren es im Dezember 2009, 25’534 im Juni 2018. Eine verfünfundzwanzigfachung in gut acht Jahren ist eine verblüffende Leistung. Gründe sind Nationale Sicherheit, Verleumdung, Gesetzliche Beschränkung unterliegende Güter und Dienstleistungen, Datenschutz und Sicherheit, sowie Drogenmissbrauch.

Wie oft Google ein Gesuch zur Offenlegung von Nutzerdaten aus der Schweiz erhält.

Und schliesslich Auskunftsersuchen zu Nutzerdaten: Auch hier ist ein steiler Anstieg zu verzeichnen. Juni bis Dezember 2009: 12’539 Gesuche. Januar bis Juli 2018: 57’868 Gesuche. Die Zahl der betroffenen Nutzer und Konten geht noch steiler nach oben. Offengelegt werden zwischen 76 und 60 Prozent der Fälle, wobei die Tendenz in letzter Zeit eher wieder steigend ist. In der Schweiz ist der Anstieg besonders frappant: Im Januar bis Juni 2016 waren es 68 Fälle, Januar bis Juni 2018 deren 300.

Beitragsbild: Er hat mit Glasnost ernst gemacht – Michail Gorbatschow an der Parteikonferenz der KPdSU, 1988 (Anders/Flickr.com, CC BY-ND 2.0).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzegungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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