Eine Schweizer Podcast-Initiative, die mich ratlos lässt

Podstellar ist eine neue Schweizer Plattform, die die Podcast-Industrie disrumpieren will. Ich gebe unverwunden zu: Ich habe lange gebraucht, bis ich die Idee dahinter auch nur ansatzweise verstanden habe.

Neulich habe ich ein Mail mit der ultimativen Aufforderung bekommen, mir doch endlich mal podstellar.com anzusehen. Schliesslich beschäftige ich mich seit Jahren mit Podcasts – und hier handelt es sich um eine Podcast-Initiative aus der Schweiz.

Also, wie könnte ich mich diesem dezenten Hinweis verschliessen, dass ich, wenn ich in diesem Feld glaubhaft bleiben will, diesen Dienst kennen sollte?

Ich lade mir also die App herunter, die es bislang erst für iOS gibt. Sie erinnert mich sofort an Anchor: Das ist der Dienst, den ich im September 2018 im Beitrag Jeder ein Podcaster vorgestellt habe. Er ist im Februar 2019 von Spotify gekauft worden und untermauert das Engagement des Streamingdienstes in diesem Bereich. Genauso, wie der jüngst bekannt gewordene Deal, bei dem sich Spotify für 100 Millionen US-Dollar die Rechte an den Produktionen von Joe Rogan gesichert hat. Falls euch der Mann bislang nicht bekannt war – ich hatte auch noch nie von ihm gehört.

Die Aufnahmefunktion

Aber zurück zu Podstellar: Wie bei Anchor kann man direkt aus der App seinen Podcast aufnehmen: Man drückt auf den Aufnahmeknopf, redet, drückt Stopp, trimmt die Aufnahme am Anfang und Ende – und dann ist das Werk auch schon bereit zur Veröffentlichung. Es braucht nur noch einen Titel, ein paar Tags und ein schönes Coverbildchen. Und eine Beschreibung, aber die ist optional.

An dieser Stelle stecke ich bereits in einem Dilemma:

Das Aufnehmen ist einfach, aber auch nicht sonderlich komfortabel.

Einerseits ist es natürlich begrüssenswert, wenn eine solche App die technischen Hürden fürs Podcasten senkt: Der Bürger- oder Graswurzel-Journalismus, oder wie immer man das Phänomen nennen will, lebt schliesslich davon, dass nicht nur ein paar grosse Medienkonzerne über die Produktionsmittel verfügen, sondern jedermann seine Stimme erheben darf. Mit dieser App direkt am Smartphone, ohne dass er ein Mikrofon, Studio oder eine Serverfarm brauchen würde.

Andererseits sind die komplett spontanen Podcasts in aller Regel nicht die, die man hören will. Es ist nur sehr wenigen Leuten gegeben, aus dem Stand eine interessante Show abzuliefern. Die meisten Leute brauchen Vorbereitung. Auch Produktion und Postproduktion umfasst IMHO etwas mehr Arbeitsschritte als bloss das Beschneiden der Aufnahme und dem Betexten der Episode.

Und ja: Vielleicht möchte man der Tonqualität wegen seinen Podcast nicht am Handy aufnehmen. Ein Mikrofon, ein kleines Mischpult und etwas Politur mit einer Software wie Audacity schadet den wenigsten Produktionen. Ich habe mich mit gutem Grund dafür entschieden, für meine Arbeiten etwas mehr Aufwand zu betreiben. Für Gesprächsrunden ist das unabdingbar und für Interviews per Internet sowieso.

Ich würde daher in so einer App eher Tipps dazu geben, wie man Podcasts mit einem professionellen Anspruch produziert und meinetwegen einen Knopf einbauen, mit dem man seine am Desktop fertiggestellte Aufnahme hochlädt. (Ist die Aufnahme auf dem iPhone drauf, kann man sie so veröffentlichen.)

Der Katalog

Die Vorschläge, die mir Podstellar unterbreitet, treffen meinen Geschmack leider nicht.

Aber Podstellar ist eine App, mit der man Podcasts nicht nur produzieren, sondern auch konsumieren kann. Dazu gibt es die beiden Rubriken Home und Discover.

Unter Home erscheinen die Podcasts, die die App für mich ausgesucht hat. Zuoberst finde ich eine Show namens «Under the Hood». In der scheint es um Autos zu gehen – und das ist leider ein Thema, das mich weniger als überhaupt nicht interessiert. Warum es mir die App vorschlägt, ist mir ein Rätsel. Wahrscheinlich wird es zum Bereich der Technologie gezählt. Den habe ich angegeben, als mich die App beim ersten Start nach meinen Interessen gefragt habe.

Das zeigt, dass die Frage nach ein paar generellen Sachgebieten nicht ausreicht, um ein brauchbares Profil zu erstellen. Auch Begriffe wie «Science» oder «Politics» sind viel zu weit gefasst, um spezifische Interessen abzubilden.

An zweiter Stelle steht der Podcast «The Truth». Titel der Episode: «What’s wrong with Nicole Berkman?». Ich frage mich, ob man diese Frau kennen müsste. Tippt man den Podcast an, sieht man, dass er 175 Abonnenten hat. Aber eine Beschreibung oder sonst einen Hinweis auf den Inhalt ist nicht ersichtlich. Es gibt keine Kategorie und noch nicht einmal eine Angabe, von wem der Podcast stammt.

Der Katalog von Podstellar, nach Themen sortiert.

Auch bei den weiteren Empfehlungen ist die App nicht auskunftsfreudiger. Auch bei «Market Foolery», «Intelligence Squared» oder «EconTalk» müsste man eine Episode anspielen, um entscheiden zu können, ob man sie hören will oder nicht. Nur bei «The Vergecast» sehe ich klarer – weil «The Verge» mir ein Begriff ist.

Der Bereich Discovery präsentiert die Podcasts nach Kategorien, was die Orientierung etwas einfacher macht. Aber auch da frage ich mich, wie die Auswahl zustande kommt: Wird sie von einer Redaktion kuratiert? Sind es Podcasts, die die Macher selbst eingestellt haben? Wie wird sortiert?

Die Reihenfolge der thematischen Kategorien, erst Data Science, dann Star Wars, gefolgt von Start up, Self-Improvement und Health, macht einen willkürlichen Eindruck. Das ist nicht der richtige Weg, um dem Publikum mehr als zwei Millionen Podcasts zu erschliessen. (So viele sind es laut der Homepage.)

Das Unternehmen und die Markenbotschafter

Ihr merkt schon: Die App irritiert mich. Sie lässt mich im Dunkeln, was sie eigentlich will: Soll sie ein Schaufenster für Podstellar-Produktionen und ihre Macher sein? Warum gibt es dann auch Publisher wie NPR oder «The Verge», die ihre Produktionen selbst verlegen?

Und eben: Wie eingangs erwähnt, ist Podstellar ein Schweizer Unternehmen. Doch ich finde fast nur Inhalte in Englisch. Einzig der «Doppelspitze-Podcast» ist in Deutsch. Da geht es um Fussball und um die deutsche Bundesliga. Was auch kein explizit  einheimisches  Thema ist.

Ich versuche, meine Verwirrung zu beseitigen, indem ich mehr über das Unternehmen herausfinde: Wer steckt hinter Podstellar?

Will man einen Mann im Kampfanzug als Markenbotschafter haben?

Leider ist die Website zur Klärung solcher existenzieller Fragen auch nicht gerade hilfreich. Ich erfahre, dass Podstellar Markenbotschafter einsetzt. Zuoberst in der Liste erscheint ein Mann namens Austen Alexander, der offenbar in der Marine dient und Fitness-Fan und «optimistischer Influencer» ist. Nun, das ist mir zu militärisch und zu instagrammable, als dass damit mein Herz gewänne.

Das Leitbild

Nach etwas Suchen stosse ich auf den ersten Beitrag im Blog des Unternehmens, What the podcast industry still misses. Und der enthält so etwas wie ein Leitbild:

Zuerst gibt es eine Analyse, die im Kern folgende Aussage enthält:

Wenn wir uns die bestehenden Podcast-Plattformen anschauen, dann haben wir es mit Podcast-Streaming-Plattformen zu tun. Hinzu kommt, dass es fast keine Anwendungen gibt, die die Erstellung von Podcasts einfach und nahtlos machen.

Daraus ergeben sich die zwei Ziele, die die neue Plattform verfolgt. Erstens:

Podstellar will mit dem Status quo brechen, dass Podcasts immer ein Dialog über schwer verdauliche Themen sein müssen, die manchmal über eine Stunde dauern. Schöpfer können auch nur ein paar Minuten aufnehmen, in denen sie z.B. über die erstaunlichsten Surfspots sprechen, die sie besucht haben.

Und zweitens:

Zusätzlich können Podstellar-Benutzer durch Millionen von Podcasts blättern. Die Entdeckungsseite verwendet maschinelles Lernen, um jedem Benutzer neue und trendige Podcasts aus der ganzen Welt zu empfehlen.

Und endlich: Mein Fazit

Das erklärt meine Ratlosigkeit zu einem gewissen Grad. Ich glaube nämlich, dass die Analyse falsch ist. Und da ist es nur folgerichtig, dass mir auch die Ziele nicht einleuchten wollen.

Es ist doch so, dass es für Podcasts eben gerade keine Plattform braucht. Jeder kann seinen Podcast auf seinem eigenen Server hosten. Es braucht  nur etwas mehr Webspace, als es für ein Blog üblich wäre. Und es ist sinnvoll, wenn man das Podlove-Plugin installiert und seinen Podcast in einen Katalog einträgt. Aber diesen Katalog gibt es mit iTunes auch schon seit 2006.

Wenn man für seinen Podcast auf Rückenwind einer Plattform hofft, dann ist man bei Spotify nicht schlecht aufgehoben. Man kann sich auch bei Soundcloud andocken (was ich 2012 mit meiner «Verschwörungstheorie der Woche» getan habe). Oder meinetwegen bei Anchor – denn wie eingangs erwähnt, macht auch diese App Spontan-Produktionen einfach.

Mit den vorhandenen Mitteln ist es absolut kein Problem, Kurz-Podcasts zu produzieren. Einen simplen Aufnahmeknopf für sofortige Veröffentlichungen hatte die Soundcloud-App auch schon vor ungefähr fünf Jahren.

Und es bleibt dabei: Meine Überzeugung ist, dass die echten Hürden für einen erfolgreichen und herausragenden Podcast nicht die technischen Herausforderungen sind, sondern die inhaltlichen: Man braucht das richtige Thema, die adäquate Form und Protagonisten  mit einer korrekten Ausstrahlung. Und bei dieser Geheimrezeptur hilft einem keine Podcast-Plattform.

Was die Podcast-Szene brauchen könnte, wäre eine verlässliche Finanzierungsmethode auch für die Nische. Alles andere hat sie schon.

Beitragsbild: Stellar ohne Pod. Und diese Supernova ist ein eindeutiger Beweis, dass Disruption auch im All stattfindet (Alex Andrews, Pexels-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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