Eine neue Geschichte für ein altes Foto

Ein kleines Experiment: Wie gross ist der Rechercheaufwand, einem dreissig Jahre alten Foto seine Geheimnisse zu entlocken?

Wie digitalisiert man seine analogen Negative, Dias, Papierabzüge, Schallplatten, Kassetten, Schmalfilme und Videos? Das haben Kevin und ich neulich ausführlich und annähernd abschliessend behandelt. Wie man es sich erspart, 5000 Dias zu scannen, heisst diese schöne Sendung.

Ich erzähle in der Sendung, dass ich meine Dias und Negative seinerzeit erfolgreich digitalisiert habe (Dias scannen im Akkord) – und stelle die Frage, wie weit man es mit den Metadaten denn treiben sollte. Denn was bringt es, wenn man die Fotos hat, aber nicht mehr weiss, wann, wo und bei welcher Gelegenheit ein Bild aufgenommen worden ist?

Digitale Fotos bekommen von Haus aus einige hilfreiche Zusatzinformationen mit: Mindestens das Aufnahmedatum und die Uhrzeit (falls man denn die Uhr an der Kamera richtig gestellt hat). Wenn man mit dem Handy oder mit GPS-Kameras knipst, dann werden auch die geografischen Koordinaten erfasst. Damit ist zumindest das Wo und Wann geklärt. Und wenn man nicht total vergesslich ist, sollte sich daraus auch das Warum ableiten lassen. Sprich: Man hat zumindest eine vage Ahnung, bei welcher Gelegenheit eine Aufnahme entstanden ist.

Bei den analogen Fotos gibt es keine Metadaten. Vielleicht findet man auf dem Filmstreifen, dem Diarahmen oder hinten auf dem Papierabzug einen Hinweis darauf, wann das Labor die Bilder verarbeitet hat. Das kann nützlich sein. Oder auch nicht. Bei den Filmen, die man während Wochen oder Monaten vollgeknipst hat, liegen Aufnhame- und Entwicklungsdatum unter Umständen Wochen oder Monate auseinander.

Lasst uns dieses Problem anhand eines konkreten Beispiels durchexerzieren. Ich habe in meinen Beständen das oben abgebildete Foto gefunden. (Digitalisiert habe ich es auf die Schnelle mit der Fotoscanner-App von Google für iPhone/iPad und Android.)

Also, wann und wo wurde es aufgenommen? Und bei welcher Gelegenheit? Wie viel lässt sich durch eine kleine Internetrecherche darüber herausfinden? Und wie gross ist der Zeitaufwand für ein einzelnes Bild?

Sammeln wir erst die zur Verfügung stehenden Informationen. Nebst dem Bild selbst gibt es hinten ein aufgedrucktes Datum, Mai 1990. Die anderen Bilder in der gleichen Fototasche stammen vom Schüleraustausch in Szeged, an dem unser Jahrgang am Gymnasium Büelrain in Winterthur teilgenommen haben. Wir haben damals eine Bootsfahrt auf der Donau unternommen. Wenn ich mich richtig erinnere, von Budapest nach Wien.

Es liegt also nahe, dass das Foto entweder beim Ein- oder beim Aussteigen entstanden ist. Die Chancen stehen nicht schlecht, dass jemand aus meinen Social-Media-Kreisen die Fahrt ebenfalls gemacht hat und sich noch besser als ich an die Bootsanlegeplätze erinnert. Ich poste das Bild darum bei Facebook. Die Tipps, Wien, Donau, Prag, Ungarn, kommen postwendend. Doch niemand kann den Ort eindeutig identifizieren. (Mehr dazu aber unten bei der Auflösung.)

Parallel dazu mache ich das, was auch ein Facebook-Freund probiert: Eine Suche mit der Google-Bildersuche. Es besteht immerhin die Chance, dass jemand vom gleichen Standort aus auch ein Bild gemacht hat und dieses Bild im Netz steht. Doch leider ist das nicht erfolgreich: Google sucht nach ähnlichen Bildern und nach Fotos mit Schiffen. (Das Passagierboot auf dem Bild wurde vom Algorithmus als «Luxusyacht» betitelt.)

Diese Erkenntnisse hält die Bildersuche von Google zu dem Foto bereit.

Die Vorgehensweise der Bildersuche ist für diesen speziellen Fall nicht optimal. Sie identifiziert zwar Fotos, die ähnliche Szenen zeigen und farblich zu meinem Bild passen. Aber mir würde auch ein Foto ohne Schiff passen, das bei Nacht aufgenommen wurde – wenn es die gleiche Stelle an der Donau zeigt und entsprechend angeschrieben ist.

Bing gibt sich redlich Mühe, bringt aber auch kein Licht ins Dunkel.

Ähnliche, wenig hilfreiche Resultate liefert auch die  Bildersuche von Bing. Die Bildersuche von Tiny Eye sagt, es gebe keine Fotos, die zu meinem passen würden.

Tiny Eye hält sich bedeckt.

An dieser Stelle ist ein Zwischenfazit angebracht. Das besagt, dass unsere Wissensgesellschaft zwar enorme Mengen an Daten angehäuft hat – aber dass es für einen solchen Schuss ins Blaue noch nicht reicht. Ein Bild bei Google einwerfen und hoffen, die Suchmaschine würde schon herausfinden, welche Bewandtnis es damit hat, funktioniert nicht.

Glücklicherweise, möchte man sagen. Ich wäre extrem beeindruckt gewesen, wenn das geklappt hätte. Und auch ziemlich verschüchtert. Es würde bedeuten, dass Google mehr über mein Leben weiss als ich. Und ja: Es ist nur eine Frage der Zeit, bis dieses Experiment klappt. Zehn Jahre in die Zukunft versetzt – wenn jemand es 2030 mit einem Foto von 2000 probiert –, wird es klappen.

Mein Reisebericht in der «Andelfinger Zeitung». Ausführlich, aber ohne Aufschlüsse zum fraglichen Foto.

Also, eine inhaltliche Recherche: Da ich schon damals die Angewohnheit hatte, Zeitungsseiten vollzuschreiben, probiere ich es mit meinem Artikel, der am 25. Mai 1990 in der «Andelfinger Zeitung» erschienen ist. Er enthält viele Details, die mir längst entfallen waren. Aber keine zweckdienlichen Details zur Donaufahrt.

Es bleibt mir nichts anderes übrig, als mögliche Anlegestellen per Google Maps und Streetview abzuklappern. Und um hier den Antiklimax vorwegzunehmen: Das hat leider noch nicht zu einem Treffer geführt.

Provisorisches Endfazit: Diese alten Fotoschachteln sind eine Art Büchse der Pandora. Wenn man es darauf anlegt, ihnen ihre Geheimnisse zu entreissen, dann muss man sich auf umfangreiche Recherchen gefasst machen. Wenn man es in dem Fall ernst meinen würde, gäbe es zwei Wege: Erstens die Schulkollegen, die damals mit dabei waren. Es ist wahrscheinlich, dass jemand mehr weiss. Zweitens Einheimische aus Budapest, die mindestens so alt sind wie ich: Die würden den Ort sicher wiedererkennen, selbst wenn es heute dort komplett anders aussieht.

Weil das aber ein unbefriedigendes Ende für einen solchen Blogpost wäre, habe ich einen dritten Weg gefunden. Und er hat die Lösung gebracht.

Siehe da: Es gibt ein zweites Foto vom gleichen Aufnahmeort aus.
Das Makroobjektiv bringt einen verwertbaren Hinweis.

Der dritte Weg bestand aus einem zweiten Foto, das einen anderen Blickwinkel der Szene zeigt. Auf dem ist ein markantes Gebäude sichtbar. An dessen Front gibt es eine Inschrift, die sich auf der Ausbelichtung nur sehr schlecht entziffern lässt. Aber nachdem ich eine kleine Reproaufnahme mit dem Makroobjektiv gemacht habe, lässt sich der Text lesen: A közművelődésnek, steht da. Das heisst «Zur öffentlichen Bildung» und ist offenbar das Motto des Móra Ferenc Múzeum in Szeged.

Der Rest ist ein Kinderspiel: Google verrät sofort den Standort. Die Strasse links ist der Huszár Mátyás rkp und der Fluss die Theiss – und eben nicht die Donau. Das hätte man wahrscheinlich festgestellt, wenn der Fluss in ganzer Breite zu sehen gewesen wäre. Aber so führte der Ausschnitt des Bildes auf die falsche Spur.

Definitives Endfazit: Es wäre natürlich klug gewesen, das Foto nicht isoliert zu betrachten, sondern den (bescheidenen) Kontext, der die anderen Aufnahmen liefern zu berücksichtigen. Und Facebook als Rechercheinstrument hat auch nicht total versagt: Dort bekam ich nämlich den Tipp, mir Szeged näher anzusehen – allerdings nicht die klare Aussage: «Hey, das ist eindeutig beim Museum!»

Trotzdem: Mir machen solche Recherchen Spass. Ich hoffe, dass meine Sammlung noch ein paar andere Fotos bereithält, mit denen ich mich auf diese Weise vergnügen kann.

Streetview von Google erlaubt einen aktuellen Blick auf die gleiche Szene. Und leicht enttäuscht stellen wir fest: So viel hat sich gar nicht verändert.

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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