Mit Google die letzten Fotogeheimnisse enträtseln

Google Lens ist erschreckend gut darin herauszufinden, was auf einem Foto zu sehen ist. Wichtig ist lediglich, richtig zu scannen und zu suchen.

Neulich habe ich eine neue Geschichte für ein altes Foto und beschrieben, wie man mithilfe des Internets Recherchen zu seinen Fotos anstellt: Wie findet man heraus, wo ein Foto aufgenommen worden ist, wenn man sich partout nicht mehr daran erinnern mag?

Andreas hat mit dem richtigen Ausschnitt gearbeitet und so einen Treffer gelandet (zweiter Vorschlag rechts).
Ich hatte Google Lens auch eine Chance gegeben – aber den Fehler gemacht, den Ausschnitt nicht einzugrenzen.

Einer meiner Facebook-Freunde hat einen Versuch mit Google Lens unternommen und ist dem Geheimnis jenes Fotos auch auf die Spur gekommen.

Ich hatte die App auch ausprobiert, aber ohne Erfolg. Aber offensichtlich habe ich zu früh aufgegeben. Der Clou scheint zu sein, genau den richtigen Bildausschnitt zu wählen.

Das ist Grund genug, diese App etwas genauer unter die Lupe zu nehmen: Was taugt Google Lens, um Motive auf alten Fotos zu identifizieren?

Es gibt die App für Android. Eine separate App fürs iPhone bietet Google nicht an. Die Lens-Funktion steckt bei iOS in der Such-App von Google. Man kann mit ihr einen Suchtext eintippen, diktieren – oder aber Bildinformationen zur Suche nutzen. Dazu greift man entweder auf die Kamera des Smartphones oder aber ein vorhandenes Bild zurück.

Ich nutze die Lens-Funktion inzwischen recht gerne:

Das scheint richtig zu sein.

Beispielsweise für Pflanzenbestimmungen. In den beiden Beiträgen Floraler Ermittlungshelfer und Wie wäre es mit einem QR-Code? habe ich zwei Apps vorgestellt, die explizit für die Identifizierung von Grünzeug gedacht sind.

Doch die Resultate waren in beiden Fällen mässig bis schlecht. Google Lens hat jeweils viel schneller und überzeugendere Antworten geliefert. Ob sie immer richtig waren, kann ich nicht sagen – denn wenn ich die richtige Antwort gewusst hätte, dann hätte ich keine Bestimmungs-App benötigt. Aber die Vorschläge von Google schienen jeweils absolut plausibel.

Also, findet Google Lens das Motiv bei einem anderen Bild aus dem Stapel meiner Ungarn-Fotos von 1991? Ich wähle einen schwierigen Kandidaten: Eine etwas unterbelichtete Aufnahme eines Gebäudes, das jedoch markant genug ist, dass es Vergleichsbilder geben muss.

Kein fotografisches Meisterwerk. Aber eine gute Gelegenheit, die Lens-App auf die Probe zu stellen.

Und ich ziehe die Lehren aus dem vorherigen Versuch: Ich werfe Lens nicht die vollständige Aufnahme zum Frass vor, sondern wähle einen markanten Ausschnitt von der Fassade, mit einer Leuchtreklame: «Lido», steht dort geschrieben.

Auch zum zweiten Testbild findet Google Lens einen passenden Treffer – und weiteren Hinweis für die Recherche.

Und tatsächlich: Google Lens findet auf Anhieb das richtige Gebäude. Die Leuchtreklame gibt es noch, doch nun steht nicht mehr «Lido» am Haus, sondern «Jackpot». Allerdings hat Google das Foto bei Pinterest gefunden, und dort ist es nur mit «Old building» angeschrieben. Leider komplett nutzlos – und ein Hinweis darauf, dass manche Pinterest-Nutzer ein bisschen minderbemittelt sind.

Doch was kommt heraus, wenn man die beiden Suchbegriffe Lido und Jackpot verwendet und mit der Vermutung ergänzt, dass das Gebäude in Budapest stehen könnte? Man findet dieses Foto bei Deviantart mit dem richtigen Gebäude, das aber auch nicht vernünftig beschriftet ist.

Aber der nächste Treffer führt zu Wikipedia und zur Klärung dieses kleinen Rätsels. Es handelt sich um die Klothilden-Paläste: «Zwillingsbauten, die sowohl als Wohn- wie auch Geschäftshäuser dienen. Sie stehen als symbolisches Eingangstor an der Elisabethbrücke in Richtung Pest in Budapest. Das Ensemble wurde nach Clotilde von Sachsen-Coburg und Gotha benannt.»

Damit ist alles geklärt – ausser ein kleines, aber interessantes Detail: Wie zum Teufel ist Google bloss dazu gekommen, mir den offensichtlich richtigen Wikipedia-Artikel vorzuschlagen? In dem Text kommt nur einer meiner drei Suchbegriffe vor, nämlich Budapest. Die beiden anderen Wörter, Lido und Jackpot, sind nicht enthalten. Vielleicht berücksichtigt Google auch Informationen aus anderen Kontexten. Oder Texterkennung auf den Bildern hat zum Ziel geführt.

An dieser Stelle dürfen wir zwei Dinge festhalten:

Erstens: Das ist fast schon zu einfach. Google Lens zwingt die alten Fotos, uns ihre Geheimnisse annähernd kampflos zu überlassen.

Zweitens: Es ist unfassbar, was Google über die Welt inzwischen alles weiss. Klar: Es dürfte noch viele Häuserfassaden auf dieser Welt geben, die die Suchmaschine nicht auf Anhieb in ihrer Datenbank findet. Aber das sind nicht diejenigen, die irgendjemand fotografieren würde – was irgendwie fotogen ist, das ist nicht nur gespeichert, sondern auch algorithmisch so erschlossen, dass wir es auffinden können, wenn wir nur einigermassen geschickt suchen.

Beitragsbild: A paloták egy régi képeslapon, 1910 körül, CC0

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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