Wer will sich von einem Algorithmus bevormunden lassen?

Der angeblich so geniale Netflix-Algorithmus nimmt es uns ab, lange nach Filmen und Serien suchen zu müssen. Doch bei näherer Betrachtung ist das gar nicht so toll – ganz im Gegenteil.

Netflix ist bekanntlich unglaublich stolz auf diesen Algorithmus, der uns immer gleich etwas zum Anschauen vorsetzt. Mehr als achtzig Prozent der Filme und Serien, die sich die Leute ansehen, seien von diesem Algorithmus vorgeschlagen worden, habe ich hier gelesen.

Dieser Beitrag ist interessant: Er erklärt ein bisschen etwas darüber, wie der Algorithmus funktioniert. Es gibt hyperspezifische Mikro-Genres wie «visuell beeindruckende Nostalgie-Dramen» (siehe auch hier) und viele Datenpunkte über den Nutzer, die am Schluss – irgendwie – bestimmen, was wir uns ansehen.

Der Beitrag zitiert auch die berühmten neunzig Sekunden, die ein Netflix-Nutzer angeblich maximal aufwendet, um seine Wahl zu treffen. Diese Zeitangabe stammt aus dem Blogpost The Power Of A Picture von 2016 von Netflix‘ Presseseite:

Wir wissen, dass wir die Aufmerksamkeit eines Mitglieds innerhalb von 90 Sekunden wecken müssen, ansonsten dieses Mitglied wahrscheinlich das Interesse verliert und sich einer anderen Aktivität zuwendeet. Da wir nur so wenig Zeit haben, sind Bilder die effizienteste und überzeugendste Methode, um den Mitgliedern zu helfen, so schnell wie möglich den perfekten Titel zu finden.

Dieser Blogpost hat mich zur Erkenntnis geführt, dass ich ein höchst untypischer Netflix-Kunde sein muss.

Ich habe auch schon zehn Minuten oder eine Viertelstunde damit zugebracht, mich für einen Titel zu entscheiden. Die Bildchen können dazu führen, dass ich mich entscheide, mich etwas näher mit einem Titel zu beschäftigen.

Doch dann lese ich die Beschreibung – und wenn mir die nicht einleuchtend erscheint, dann lasse ich es bleiben, selbst wenn das Bildchen grossartig ist.

Doch da sind wir beim Problem. Die Beschreibungstexte von Netflix sind unglaublich kurz und leiden unter der typischen Trailer-Krankheit, die Geschichten bis zur völligen Unkenntlichkeit verdichten zu müssen. Zu Unorthodox heisst es beispielsweise:

Esty wuchs in einer chassidischen Gemeinde in New York auf. Nach einem unglücklichen ersten Ehejahr flieht sie verzweifelt und auf der Suche nach Freiheit nach Berlin.

Aufgrund dieser Beschreibung hätte ich einen weiten Bogen um diese Serie gemacht. Auch das Bildchen, wo Esty die Haare geschnitten werden, lassen ein Drama vermuten, dass einen schwermütig und des Lebens überdrüssig zurücklässt.

Ich habe «Unorthodox» angesehen und fand die Serie grossartig. Sie erzählte auf tolle Art eine relevante Geschichte. Und sie berührte mich auch persönlich.

Um das zu erklären, muss ich ein bisschen ausholen.

Ich habe den Anfang meiner Kindheit in Kriens verbracht. Dort gab es die Jeschiwa Talmud-Hochschule. Sie ist 2015 geschlossen worden, wie die «Luzerner Zeitung» berichtet hat (und nach Luzern umgezogen). Doch als ich in den Kindergarten ging, gehörten orthodoxe Juden zum Ortsbild, wie es im auch im Artikel heisst.

Ich erinnere mich gut, wie ich es als drei-, vierjähriger Junge seltsam fand, dass die Kinder aus der jüdischen Gemeinde nicht an der Fasnacht mitgemacht habe. Ich habe noch im Gedächtnis, wie ich beim kurzen Stopp an der Fussgängerampel einen Jungen fragte, weswegen er denn nicht verkleidet ist. Er hat geantwortet, es sei ihnen verboten – oder etwas in der Art. Das fand ich schade – und ich hätte gerne einen Blick in diese Welt geworfen, die sich direkt vor meiner Nase befand, aber so anders auf mich wirkte als alles, was ich kannte.

Es gab damals in Kriens auch die Bäckerei Schüssler. Sie hat auch die jüdischen Familien beliefert. Das hat es mit sich gebracht, dass am Freitagnachmittag (?) jeweils der Rabbi aufgekreuzt ist, um den Backofen einzuschalten. Und später, als ich während der Schulferien in der Bäckerei gearbeitet habe, musste ich jeweils die einzelnen Brotlieferungen zusammenrechnen. Nach einer Weile kannte ich die Familiennamen auswendig – aber noch immer ohne etwas über die dazugehörenden Menschen zu wissen.

Heute würde ich das Privileg des Journalisten geltend machen und eigene Wissenslücken mit professioneller Neugierde zu schliessen. Doch damals war ich in dieser Technik  unerfahren – weswegen mich der Gwunder von damals nie so richtig losgelassen hat.

Und nein: Ich werde natürlich nicht behaupten, dass «Unorthodox» daran etwas geändert hat. Mir ist schon klar, dass das Porträt einer chassidischen Gemeinde in New York nur bedingt Rückschlüsse auf eine nicht-chassidische Gemeinde in der Schweiz zulässt. Die Serie hat einen Nerv getroffen – nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Und damit zurück zu Netflix und dem grundsätzlichen Problem mit dem Algorithmus:

Dieser Algorithmus kann zwar aufgrund der Filme und Serien, die ich schon gesehen habe, gewisse Vorlieben abzuleiten. Doch er kann keine Interessen bedienen, von denen er nichts weiss. In der Kindheit verwurzelten Vorlieben bleiben ihm verborgen.

Immerhin hilft Netflix neuerdings jenen Leuten auf die Sprünge, die das sehen wollen, was alle anderen auch sehen.

Und Netflix hat auch keine grossen Mühen unternommen, mir «Unorthodox» schmackhaft zu machen. Die Serie ist kurz auf dem Homescreen aufgetaucht. Aber ich habe die Serie nicht deswegen angeschaut. Sondern, weil ich mehrfach von ihr gehört und gelesen und sie selbst ausgewählt habe.

Mit anderen Worten: Ein solcher Algorithmus liefert einem immer nur mehr von dem, was man schon kennt. Er ist aber nicht sonderlich gut darin, einem neue Gefilde zu erschliessen.

Und er ermuntert einen auch nicht dabei, auf Entdeckungsreise zu gehen. Eine Ausnahme bilden die Blockbuster und die grossen, neuen Produktionen, die Netflix aus Eigeninteresse pusht, um sie ins öffentliche Gespräch zu bringen.

Doch es gibt keine gewagten Vorschläge ausserhalb dieser Kategorien. Im Gegenteil: Die Gewichtung bringt auch Dinge zum Verschwinden, die zwar nicht unserem üblichen Beuteschema entsprechen, uns aber natürlich trotzdem gefallen könnten – und die bei einer neutralen Darstellung leichter zu finden wären.

Denn solchen Ausflüge ins Neuland sind für Netflix ein unvertretbares Risiko: Die Gefahr von Enttäuschungen steigt. Doch wie der eingangs zitierte Blogpost vor Augen führt, haben die Netflix-Macher aber geradezu Panik davor, dass wir aufmerksamkeitsgestörten Kunden uns nach 90 Sekunden einer anderen Beschäftigung zuwenden könnten.

Das heisst zwei Dinge: Erstens dürfen wir Kunden uns nicht auf diesen Algorithmus verlassen. Wenn wir uns nicht damit begnügen wollen, immer nur Altbekanntes vorgesetzt zu bekommen, müssen wir aktiv ausbrechen – und auch mal über den Homescreen hinausblättern, Empfehlungen von Freunden, Bloggern, Podcastern und Filmkritikern berücksichtigen, Programmdienste wie Justwatch nutzen und auch mal das Risiko eingehen, einen Scheiss anzusehen.

Was mich angeht, sollte ich mich vom Gefühl befreien, ich sei verpflichtet, eine einmal begonnene Serie auch zu Ende zu sehen. Das hindert mich daran, Titel auf Verdacht hin anzuspielen.

Und was die Dienstbetreiber angeht, sollten die sich davon befreien, ihre Algorithmen für allmächtig zu halten. Das sind sie nicht. Sie sind ein Hilfsmittel – aber keine Rechtfertigung, die Nutzer zu bevormunden. Und was Netflix angeht, fände ich es echt toll, wenn Reed Hastings und seine Mitstreiter mit den Bildchen und Texten nicht das Ziel verfolgen würden, einen schnellen Klickimpuls auszulösen – sondern darum bemüht wären, eine echte Hilfe für eine selbstbestimmte Entscheidung zu bieten.

Beitrag: Wichtig ist nicht nur, was auf dem Homescreen auftaucht – sondern auch das, was Netflix von dort fernhält (Pixabay, Pexels-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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