Floraler Ermittlungshelfer

Meine Neugierde hat mich neulich 4 Franken gekostet. Es geht um die Plant Snap-App (für iPhone und iPad, kostenlos für Android und Pro-Version für Android). Die behauptet, in der Lage zu sein, mehr als 316’000 Pflanzen erkennen zu können. Da ich selbst so in etwa zehn bis zwanzig Pflanzen erkenne – darunter diejenigen auf unserem Balkon, von denen ich weiss, unter welchem Namen sie im Blumenladen verkauft worden sind –, wäre das eine interessante und praktische smartphonemässige Erweiterung meines Skillsets.


Ganz so einfach ist die Sache leider nicht.

Beim Start erklärt einem die App, dass man gute Fotos machen muss, um eine gute Erkennung zu haben. Heisst: Blüte formatfüllend im Bild, Blätter gut sichtbar, nicht zu nahe, nicht mit verschiedenen Spezies im gleichen Bild, auch nicht zu weit entfernt fotografiert und nicht unscharf. Irgendwie alles klar, aber wahrscheinlich ist es nötig, das noch einmal deutlich zu machen. Wenn man dann loslegen will, kommt noch einmal das Angebot, einem in einem Video zu erklären, wie man seine Fotos schiessen muss, um vernünftige Erkennungsraten zu erzielen. Das deutet darauf hin, dass nicht alle Nutzer glücklich über die Resultate zu sein scheinen, die die App ihnen liefert.

Das zeigt sich bei meinem ersten Versuch, bei dem ich mich nicht an die guten Ratschläge halte. Ich wähle ein Bild aus meiner Fotorolle, das einen angeschnittenen Olivenbaum zeigt. In Natura war er leicht zu identifizieren, aber auf dem Bild ist die Sache nicht eindeutig. Trotzdem könnte man einen educated guess abgeben, finde ich. Allerdings gibt es ein Timeout in der App. Sie scheint die Fotos in voller Grösse hochzuladen, was einerseits ausreichend Daten für die Analyse liefert, andererseits aber auch ordentlich Datenverkehr verursacht.

Beim zweiten Versuch wird der Olivenbaum als Rhododendron maximum erkannt, was natürlich falsch, aufgrund des Bildes aber auch nicht überraschend ist. Es zeigt sich aber sogleich ein weiteres Problem: Weder der lateinische noch der englische Name («Great Laurel») hilft weiter, wenn man eine Pflanze nicht kennt. Google Translate nennt das Ding den grossen Lorbeer. Kein besonders guter Treffer, da der im Nordwesten der USA heimisch ist, das Foto jedoch aus Europa stammt, was an den GPS-Daten erkennbar wäre. Die scheinen jedoch nicht berücksichtigt worden zu sein.

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Wirklich?!

Jedenfalls war diese Fehlenschätzung meine Schuld, nicht die der App. Für einen fairen Versuch fotografiere ich die Blätter eines Baums in einem Hinterhof und erhalte als Resultat Fraxinus americana. Deutsch: Weiss-Esche; ebenfalls in den USA heimisch. Mir scheint das unplausibel, aber da ich pflanzenkundlerisch maximal unterbelichtet bin, kann ich es nicht weiter verifizieren.

Ich versuche daher das umgekehrte: Ich stöbere im Internet nach Bildern von Pflanzen, die von einem menschlichen Auge eindeutig identifiziert worden sind. Die Suche nach Apfelbaumblätter bringt ein brauchbares Foto zum Vorschein, die ich in die App einspeise. Fazit hier: Planera. In Englisch heisst er planertree, auf Deutsch scheint er noch nicht einmal einen Namen zu haben.

Fazit: Leider nein. Die Plant Snap-App ist nicht alltagstauglich. Die Datenbank ist offensichtlich vor allem mit US-amerikanischer Flora bestückt. Das ist verständlich, da sie von einem Unternehmen in Colorado stammt. Da die App global verkauft wird, müsste sie aber mit der Pflanzenwelt des ganzen Planete vertraut sein. Und so oder so wäre es besser, in Zweifelsfällen kein Resultat anzuzeigen als eines, dass offensichtlich unzutreffend ist.

Da Pflanzen normalerweise ziemlich immobil sind und man auch den Aufnahmeort eines Musterfotos leicht eingrenzen lässt, liesse sich durch eine geografische Eingrenzung die Trefferquote deutlich erhöhen bzw. die Fehlerquote verringern – meinetwegen mit der Option «Ich befinde mich in einem botanischen Garten», mit der sich der Umstand abfangen liesse, dass Pflanzen manchmal in der Tat auch an für sie untypischen Breitengraden zu finden sind.

Allen Fortschritten zum Trotz glaube ich nicht, dass die Technik reif für diese Aufgabe ist. Das liegt daran, dass die Fotos zum Beispiel die Grössenverhältnisse nicht adäquat abbbilden: Ob man es mit winzigen Blättchen oder riesigen Blättern zu tun hat, ist auf den Bildern selten eindeutig zu erkennen. Auch die Perspektive, aus der man fotografiert hat, ist oft nicht klar. Darum ist die Blätterform – wie man sie bei einer Aufsicht hätte – meist nicht deutlich zu erkennen. Und es gibt sehr viele Störeinflüsse im Bild; Zeug, das auch noch zu sehen ist, aber nicht zur Pflanze gehört. Aber wenn man zu viel Aufwand fürs Fotografieren betreiben muss, dann kann man die Zeit auch nutzen, um in einem Pflanzenbestimmungsbuch nachzuschlagen.

Ich bin ein bisschen enttäuscht, werde die 4 Franken aber nicht zurückfordern. Und letztlich ist es doch tröstlich, dass es manche Fähigkeiten gibt, die so schnell nicht von einer App obsolet gemacht werden: Die Fähigkeit, die Pflanzen in der näheren und weiteren Umgebung zielsicher zu identifizieren, gehört eindeutig dazu.

Update vom 17. August 2018

Die App hat inzwischen einen Treffer gelandet. Anhand von auf Facebook (in einem privaten Beitrag) geposteten Bildern hat sie die Gurken-Magnolie korrekt erkannt. Hut ab!

Autor: Matthias

Diese Website gibt es seit 1999. Gebloggt wird hier seit 2007.

Ein Gedanke zu „Floraler Ermittlungshelfer“

  1. Tja, du wirst deine Skills verbessern müssen wegen dem Nachwuchs – das Problem steht mir auch noch bevor 😉
    Bin übrigens auch reingefallen mit dieser App und kann deine negativen Erfahrungen leider bestätigen.

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