Wie wäre es mit einem QR-Code?

Im Beitrag Floraler Ermittlungshelfer habe ich eine App besprochen, die von sich behauptet, Pflanzen identifizieren zu können. Wie mein Test ergeben hat, klappt das leider nicht zuverlässig. Die App hat meinen florabezogenen Wissensdurst nicht zu stillen vermocht. Das hat mich nicht überrascht, da ich die Aufgabe für ausgesucht schwierig halte, Pflanzen anhand eines Fotos zu identifizieren: Die Grösse eines Blatts ist auf dem Bild schwer oder gar nicht abzuschätzen. Die Perspektive kann es schwer machen, die Form zu erkennen. Es gibt, je nach Situation, störende Elemente im Bild. Und selbst die Farbe von Blüten, Bättern und Stängeln kann durch die Kamera oder durch das Umgebungslicht verfälscht werden.

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Die App ist so schlau, den Aufenthaltsort miteinzubeziehen. Und sie erkennt Nachbars Katze als Katze.

Darum hat es mich gewundert, dass ich eine weitere App gefunden habe, die sich dieser schwierigen Angelegenheit stellt: Seek fürs iPhone. Die App macht es auf den ersten Blick besser als Plant Snap: Sie stellt per GPS fest, wo man sich befindet und zeigt sogleich Pflanzen und auch Tiere an, die für diese Gegend typisch sind. Tippt man aufs Plus-Symbol, kann man der App via Kamera oder Fotoablage eine Aufnahme unterbreiten, um eine Identifizierung vorzunehmen. Die App behauptet, nicht nur Pflanzen, sondern auch Tiere zu erkennen.

Ich probiere es mit dem Olivenbaum auf unserem Balkon. Er ist zwar nicht gerade typisch für diese Breitengrade, dürfte es aber bald sein, wenn es mit den heissen Sommern so weitergeht. Er ist aber recht einfach zu erkennen, selbst für Laien, finde ich. Doch Fehlanzeige. Auch mit den Apfelbaumblättern, mit denen ich mein Glück bei Plant Snap versucht habe, gibt es keinen Treffer. Immerhin nennt Seek keine x-beliebige grüne Wucherung als beste Lösung, so wie Plant Snap es tut. Die App sagt ehrlich, sie hätte keinen Schimmer und lässt es damit bewenden.

An dieser Stelle bin ich fast schon bereit, auch diese App in Bausch und Bogen zu verdammen. Bevor ich das tue, probiere ich es mit einem Bild von Nachbars Katze – denn wenn eine Katze nicht zu erkennen ist, dann ist der App auch nicht mehr zu helfen. Und immerhin: Die Katze wird als Domestic Cat erkannt und der Sammlung hinzugefügt – man kann mit dieser App nämlich aufzeichnen, welche Spezies man schon in Echt vor Augen hatte.

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Bei Olivenbaum muss sie passen. Bei den unzüchtigen Insekten gibt sie immerhin eine Vermutung ab.

Ermutigt probiere ich es mit einem Bild von zwei sich paarenden Insekten, die ich vor einiger Zeit auf unserem Fenstersims fotografiert habe. Die vorsichtige Antwort lautet, es könnte sich um Raubfliegen handeln, doch die App sei sich nicht sicher. Diese Antwort finde ich akzeptabel – eine einleuchtende Vermutung. Und auch wenn ein Insektenprofi mutmasslich auf den ersten Blick Bescheid wüsste, ist das Foto mit den zwei Fliegen aufeinander für eine Software schwer zu identifizieren.

Auch bei einem Foto eines der Elefäntchen aus dem Zoo Zürich tippt die App richtig, meldet aber Unsicherheit. Einen im Cretaquarium fotografierten Hai will sie nicht erkennen.

Fazit: Bei den Tieren ist die App ungefähr so gut wie ein zweijähriges Kleinkind: Meine Tochter erkennt die Katze des Nachbars nämlich auch. Wenn es um die Erkennung von Pflanzen geht, sollte man sich vorerst nicht auf die Hilfe seines Smartphones verlassen. Für eine zuverlässige Erkennungsrate muss die Natur wohl dazu übergehen, ihre Produkte mit einem QR-Code zu kennzeichnen.

Es gibt vom gleichen Hersteller eine zweite App mit Namen iNaturalist (kostenlos für Android und iPhone). Die hat auch eine Erkennungsfunktion, die aber nicht im Zentrum steht – und bei der es nicht so tragisch ist, wenn sie mit ihren Tipps daneben liegt. Das funktioniert so, dass man eigene Beobachtungen erfassen und die mit Bild eintragen darf. Zu den Fotos sucht die App (mutmasslich über die gleiche Engine wie Seek) nach Vorschlägen. Man kann seine eigene Vermutung aber auch manuell eintragen, indem man eine Art im Verzeichnis sucht.

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Die iNaturalist-App versucht ebenfalls, Spezies zu erkennen. Und sie zeigt öffentlich, wo andere Nutzer interessante Beobachtungen gemacht haben.

Die iNaturalist-App kennt auch die deutschen Namen der Arten und speichert die Beobachtungen mit Koordinaten und Zeitpunkt. Man kann sie seinen Beobachtungsprojekten zuweisen und so privat dokumentieren. Die Beobachtungen können auch hochgeladen und öffentlich gemacht werden, sodass auch andere Naturliebhaber in den Genuss der Entdeckungen kommen.

Und dagegen ist nichts zu sagen: Die iNaturalist-App wird hierzulande noch nicht so intensiv benutzt. In Winterthur und Umgebung gibt es eine Handvoll eher unspektakulärer Beobachtungen, die einen eher zufälligen Eindruck machen. Darum hier der Aufruf: Holt euch die App und seht zu, dass es noch ein bisschen mehr zu sehen gibt!

Autor: Matthias

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