Jeder ein Podcaster

Podcasts: Sie waren 2006 ein Ding, sind dann ausser bei ein paar Freaks in Vergessenheit geraten. Seit 2015 sind sie wieder ein Ding. Das liegt an bemerkenswert neuen und andersartigen Podcasts, die seitdem erschienen sind. Es liegt daran, dass das Podcasten einfacher geworden ist: Das technische Equipment, das man für einen gut klingenden Podcast braucht, ist erschwinglich und es gibt praktische Produktions- und Veröffentlichungshilfsmittel, zum Beispiel dank Auphonic und dem Podlove Player. Spotify und andere sind auf den Zug aufgesprungen, was die Verbreitung und Rezeption für Nicht-Tech-Freaks vereinfacht. Und Google hat eine Podcast-App gebracht.

180920-anchor-01.png
Direkt ab Smartphone podcasten: Jetzt braucht man nur noch eine Idee, worüber man denn reden könnte.

Aber natürlich ist der entscheidende Faktor das liebe Geld. Und da scheint sich Bemerkenswertes zu tun: Die US-Podcaster haben 2017 einen Umsatz von 314 Millionen US-Dollar erzielt. Das ist eine Steigerung um 86 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Und die Marktauguren behaupten, es gehe so weiter. Das lockt Investoren an und dürfte dem Genre noch weiter Auftrieb verleihen. Im deutschsprachigen Raum sind offenbar die Lebenshilfe-Podcasts auf dem Vormarsch oder «Spiritualität als Hype-Thema», wie es hier heisst: Eine Expertin für «Mindful Empowerment» erzielt millionenfache Downloads, was mich beeindruckt, da ich selbst niemals etwas anhören würde, was derartig dummdenglisch daherkommt.

Jedenfalls scheint der Podcast für diese neuen Podcaster mit dem Hang zum Influencertum vor allem ein Marketingverhikel zu sein. Was nicht per se anstössig ist, schliesslich nutzen auch die Herren Marquardt und Nienke ihre Podcasts Happyshooting und Tips from the top floor für die Teilnehmeraquise für ihre Workshops. Es kommt halt darauf an, ob der Podcast bloss Mittel zum Zweck oder echte Leidenschaft ist, wie das bei den erwähnten Fotografie-Urgesteinen der Fall ist. Einer der gestandenen Podcaster, ich glaube, es war Mr. Wrint, hat jedenfalls geschnödet, diese neuen Lebenshilfe-Podcasts seien das, was früher als Spam die Mailbox verstopft habe. Ob das stimmt, weiss ich nicht. Um es herauszufinden, müsste ich mal einen anhören. Aber so lange die Gefahr besteht, dass ich mich dem «Mindful Empowerment» aussetzen würde, ist das leider keine Option.

Jedenfalls soll der Podcast neue Hörer erreichen – nicht nur solche, die sich fünfstündige Sendungen über den neuen USB-C-Adapter von Apple anhören. Ob es unbedingt Lebenshilfe sein muss, ist eine andere Frage, aber dass auch die nicht so tech-affinen Leute auf ihre Rechnung kommen, finde ich nicht verkehrt.

anchor.fm ist eine Plattform, die es den Nicht-Techies ermöglichen will, zum Podcast-Produzenten zu avancieren. Das klingt hier nach einer echten Mission:

Our mission is to democratize audio. We believe everyone should be able to have their voice heard, regardless of background or experience level. If you’ve ever tried to start a podcast, you know all the logistical barriers that can stand in your way. At Anchor, we aim to remove all of these barriers. Our goal is to make podcasting easy and fun, without sacrificing the quality every podcaster deserves.

Demokratisierung von Audio, jeder hat eine Stimme, die gehört wird und niemand bleibt an logistischen Hürden hängen. Man kann direkt in der App (fürs iPhone und Android) aufnehmen, seine Episoden produzieren und publizieren. Es scheint möglich zu sein, sich mit mehreren per App zu unterhalten und man kann Musik und Jingles einstreuen. Das sieht so einfach aus, dass ich es glatt ausprobieren würde, wenn ich mit dem Nerdfunk nicht schon ausgelastet wäre. Die Podcasts werden direkt bei Anchor gehostet und zwar, kostenlos.

180920-anchor-02.png
Gespräche, Hörerfeedback, Jingles, Voraufzeichnungen: Das alles lässt sich auch in der Weboberfläche zu einer Episode zusammenbauen.

Das klingt fast ein bisschen zu gut, um wahr zu sein – und macht etwas misstrauisch: Tritt man seine Rechte ab? Oder muss man sich, wie als Nutzer von Youtube, gängeln lassen? Einer der Gründer, Nir Zicherman, erklärt das Geschäftsmodell so:

For almost every single podcast Anchor hosts, the cost to us is less than 10 cents per month. That means that hosting your podcast for an entire year costs Anchor around one dollar. If Anchor were to charge you $10 per month for file storage and basic analytics, we would either be grossly exaggerating our costs, or grossly overpaying our vendors.
(…)
We want to work with you to help you make money off your podcast, in which case we all win. And that 10 cents per month to host your podcast becomes a negligible cost compared to the revenue we can all earn together as we advance the medium of podcasting together.
(…)
Very soon, Anchor will roll out a suite of rich monetization features unlike anything that has ever existed in podcasting. All podcasters, from those with massive followings to those who are just starting out, will be able to make money off of their work. Anchor will share in the revenue in a way that will always be transparent, fair to the creator, and competitive in the market.

Kurz zusammengefasst: Das Hosting kostet Anchor wegen des Skaleneffekts für die allermeisten Podcasts weniger als 10 Cent pro Monat. Das ist verschmerzbar, auch wenn natürlich auch dieses Geld verdient werden soll. Dabei werden die Monetarisierungsfunktionen helfen, die es noch nicht gibt, aber die demnächst eingeführt werden sollen – und allen Podcastern helfen, Geld zu machen.

Mit anderen Worten: Was das Geheimrezept ist, wird man erst wissen, wenn diese «suite of rich monetization features» verfügbar ist. Ist es Werbung? Sind es Partnerschaften, die für ausgesuchte Produktionen angeboten werden? Sind es Bezahlmodelle für die Nutzer: Abos oder Mäzenatentum? (Hier ist jedenfalls ein Listener Support feature erwähnt.) Oder ist es etwas völlig Neues, was die Welt noch nie gesehen hat? Bis die Katze aus dem Sack ist, kann man nicht abschätzen, ob man als Podcast-Produzent bei Anchor aufs richtige oder falsche Pferd setzt. Sollte einem die Monetarisierung nicht gefallen, wäre das wahrscheinlich ein Problem, weil die Versatzstücke wie die eigenen Jingles, die Musik und die separaten Tonspuren eben erst auf der Anchor-Plattform zu einer fertigen Produktion zusammengesetzt werden. Man begibt sich in eine Abhängigkeit und es ist nicht abzuschätzen, was die Haken und Ösen, beziehungsweise die Kosten dieses Gratisangebots sein könnten.

Fazit: Wir werden unseren Podcast nach wie vor selbst hosten: Allerdings werde ich mir überlegen, die alten Folgen (Digitalk und Digital) bei Anchor zu deponieren. (Das darf übrigens auch gerne jemand für mich erledigen; Zugangsdaten für meinen Archor-Account gebe ich auf Anfrage gerne raus.) Denn eines an Archor ist grossartig: Es gibt ein Transkriptionsfeature, dass die Sendungen automatisch verschriftlicht. Ich nehme zwar nicht an, dass das so schnell mit Züritüsch funktionieren wird – aber wenn es so weit ist, dann werdet ihr hier eine grosse Lobeshymne auf Archor lesen…

Autor: Matthias

Diese Website gibt es seit 1999. Gebloggt wird hier seit 2007.

Kommentar verfassen