AR ist doof. Mit ein paar Ausnahmen

Augmented Reality ist eine Spielerei – diese Überzeugung hatte ich lange. Sie ringt einem hie und da ein anerkennendes Nicken ab. Aber so lange Brillen wie die Hololens nicht zu unserer Grundausstattung gehören, bringt sie keinen Alltagsnutzen. Denn niemand will aufs Handydisplay starren, nur um die Welt um sich herum zu sehen – selbst wenn sie auf dem Display mit ein paar digitalen Einsprengeln angereichert ist.

Diese Überzeugung kam ins Wanken, nachdem ich ein paar wirklich beeindruckende AR-Apps aus dem Bereich der Wissensvermittlung und Bildung getestet hatte – einem Gebiet, wo man aktuell die Augmented-Realiity-App zur Berliner Mauer ergänzen könnte. Und bemerkenswert fand ich auch, dass man AR nicht nur für Unterhaltungs- oder Bildungszwecke nutzen kann, sondern auch als Werkzeug: Zum Beispiel als Messinstrument.

Mit Filmr tanzt plötzlich ein Zwerg hinter unserem Rücken durchs Büro.

Schliesslich entpuppte sich die erweiterte Realität auch als interessantes Instrument für kreative Video- und Bildproduktionen. Im Beitrag CGI für deine und meine Videos stelle ich die App Leo AR Camera vor, die mittels AR Einhörner  (und andere Objekte) ins Video einfügt. Neulich bin ich einer anderen App begegnet, die das auch kann. Die heisst Filmr (kostenlos fürs iPhone und Android) und ist eigentlich eine Videoschnittsoftware. Wenn man mit ihr aufnimmt, kann man auch tanzende Zwerge und andere 3-D-Objekte in seine Clips einfügen.

Es gibt eine weitere kreative Möglichkeit für AR: Die App Meisai (kostenlos fürs iPhone11/XR/XS; mit In-App-Käufen) verwendet die Augmented Reality für Videos (aus denen man auch Standbilder nehmen kann, wenn man ein unbewegtes Foto brauchen sollte).

Der Clou ist nun, dass die Effekte nur auf das Element im Vordergrund – oder wahlweise im Hintergrund – angewendet werden. Es findet mit AR-Hilfe eine automatische Freistellung statt. Und das sogar im bewegten Bild!

Das ist eindrücklich. Denn wer schon einmal ein Objekt von Hand in einer Bildbearbeitungssoftware vom Hintergrund getrennt hat, weiss, wie viel Arbeit das macht. Das gleiche mit 25 oder 30 Bildern pro Sekunde in einem Video zu tun, wäre eine Sklavenarbeit.

Die Hand im Vordergrund wird (nicht ganz bündig) automatisch als Strichzeichnung abgebildet.

Die Effekte selbst sind trashig bis Kopfschmerzen-induzierend. Ich würde die nur guten Gewissens verwenden wollen, wenn ich den Look eines Musikvideos aus den Achtzigern würde kopieren wollen. In einem einigermassen ästhetischen Clip haben die meisten davon nichts verloren. Ausser die dezenten vielleicht, wie die Entsättigung (Schwarzweiss). Auch die Verwandlung in eine Strichzeichnung hat etwas Poetisches.

Welche Person hier die Füsse schon am frühen Nachmittag hochlegt, soll die Welt nie erfahren.

Und praktisch ist unter Umständen die Verpixelung: So kann man während der Aufnahme eine Person unkenntlich machen, wie es bei Reportagen mit Interviewpartnern, die gerne anonym bleiben möchten, häufig vorkommt. Wenn man das manuell in der Nachbearbeitung machen muss, ist es wiederum ein riesiger Aufwand.

Das sind jedenfalls die Effekte, wie ich sie benannt habe (in der App selbst gibt es nur ein Smiley, das mehr oder weniger versinnbildlichen soll, was die Einstellung bewirkt): Verpixelung, psychedelische Wellenmuster, Farbchaos, Stichzeichnung, Streifenmuster, Goldüberzug mit Grünspan, Farbüberlagerung, Verzerrung, Wellen, Vergrösserung, Pixelmuster, Buchstabenchaos, Smileys, Farbtiefenreduktion, 8-mm-Film-Bildstörung, Schwarzweiss, Verfremdung, Multiplikation, Stroboskop und Verstrahlung.

Über das Frosch-Symbol neben dem Aufnahmeknopf – fragt mich übrigens nicht, was der Frosch damit zu tun hat – schaltet man Vordergrund- und und Hintergrund-Modus um. Im ersten Fall wird das Subjekt mit dem Effekt versehen, im zweiten Fall die Szenerie.

Meisai ist eine Spielerei. Aber man könnte das Prinzip auch ernsthaft und mit professionellem Anspruch umsetzen. Interessant wäre eine Einstellung, mit der man den Hintergrund abdunkeln könnte, um die Aufmerksamkeit aufs Subjekt zu lenken. Man würde vielleicht auch gerne separate Belichtungs- und Farbeinstellungen für das Objekt im Vordergrund vornehmen. Ich könnte mir vorstellen, dass der Effekt selbst bei subtilen Korrekturen ziemlich eindrücklich wäre.

Der Nachteil der Meisai-App besteht darin, dass man den Effekt schon während der Aufnahme auswählen muss. Er ist im Video eingebrannt und lässt sich nachträglich auch nicht mehr entfernen. Das schränkt die Möglichkeiten der Postproduktion wiederum ein.

Die Lösung dafür liegt auf der Hand: Die App müsste während der Aufnahme bloss die Maske aufzeichnen, die man in der Nachbearbeitung dann nach Belieben verändern könnte. Bei den Fotos, die mit Tiefeninformationen aufgenommen werden, ist das möglich (siehe Beitrag Da weinen Bildbearbeiter vor Glück!). Ich bin gespannt, wie lange es dauert, bis wir eine solche Video-App sehen!

Beitragsbild: Eben! Siehe Titel (Mentatdgt/Pexels, Pexels-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzegungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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