Ein Tisch mit einer Schreibmaschine. Zwei Hände tippen auf der Tastatur. Im Hintergrund liegen Blätter Papier und ein Taschenmesser. Die Szene vermittelt eine nostalgische Schreibumgebung.
Einen Text wortwörtlich in die Tasten hämmern – das kann die KI nicht (Zakhar Vozhdaienko, Pexels-Lizenz). 

ChatGPT hat als Redaktor dazugelernt

Wie viel besser wurde OpenAIs Sprach­modell beim Schreiben, Über­ar­beiten und Um­schreiben von Texten? Um das he­raus­zu­fin­den, wieder­hole ich einen Test von 2023 und stelle Fort­schritt, aber pein­li­che Fehl­leis­tungen fest.

Vor drei Jahren waren wir dabei, uns an die schönen, neuen Möglichkeiten der künstlichen Intelligenz zu gewöhnen. Am 7. Juni 2023 veröffentlichte ich einen Test, in dem es mir darum ging, die praktischen Möglichkeiten der Sprachmodelle auszuloten. Ich wollte ausprobieren, ob sie uns bei «profanen Aufgaben» wie dem Redigieren von Alltagstexten behilflich sein könnten.

Und offen gestanden ging es mir darum, zu beweisen, dass mir ChatGPT nicht das Wasser reichen kann. Es hätte mich erschüttert, wenn ich mir hätte eingestehen müssen, dass ChatGPT diesen Teil meines Jobs ebenso gut oder sogar besser erledigt. Das Resultat war damals beruhigend: ChatGPT ist als Redaktor höchstens Mittelmass. Panik ist nicht angesagt – gegen mein Sprachgefühl kann OpenAI nicht anstinken.

Nun, seitdem hat sich vieles getan. Viele von uns – ich inklusive – nutzen die Sprachmodelle inzwischen andauernd und mit immer grösserer Selbstverständlichkeit. Das Gefühl der Bedrohung ist nicht vollständig gewichen; dennoch überwiegt eine pragmatische Haltung.

Vor allem ging die Entwicklung rasant weiter. Die LLMs sind heute um Welten leistungsfähiger. Da stellt sich unweigerlich die Frage, ob die alte Gewissheit noch Bestand hat und in sprachlicher Sicht noch immer keine Bedrohung ausgeht. Um mir einen Eindruck zu verschaffen, wiederhole ich das Experiment von damals (ich habe es fast exakt drei Jahre später erneut ausgeführt).

Das sind die Resultate:

1) Hilfe beim Gendern

Das Original

Nächste Woche versammeln sich alle Teilnehmer an der Hermannstrasse. Jedermann sollte seinen Mitgliederausweis dabeihaben. Studentenvertreter sind willkommen, die Abgeordneten der Administratoren-Abteilung ebenfalls.

Die überarbeitete Fassung von 2023

Nächste Woche versammeln sich alle Teilnehmenden an der Hermannstraße. Jede Person sollte ihren Mitgliederausweis dabeihaben. Studierendenvertreter*innen sind willkommen, ebenso die Abgeordneten der Administrationsabteilung.

ChatGPTs Neuauflage von 2026

Nächste Woche versammeln sich alle Teilnehmenden an der Hermannstrasse. Alle sollten ihren Mitgliederausweis dabeihaben. Vertretungen der Studierenden sind willkommen, ebenso die Abgeordneten der Administrationsabteilung.

Die KI verinnerlichte meine Vorlieben: kein scharfes S und kein Genderstern. Der Text in der neuen Fassung ist einwandfrei. Allerdings ist die Aufgabe zu banal für echte Erkenntnisse.

2) Nüchterner formulieren

Das Original

Nein, Youtube lässt die eigene Unfähigkeit zur Moderation der eigenen Plattform an den Nutzern aus. Das kann sich nur ein arroganter Betreiber leisten, der viel zu gross und zu mächtig geworden ist und völlig vergessen zu haben scheint, dass er das nicht nur grossartigen Kanälen wie BibisBeautyPalace, sondern auch vielen kleinen Youtubern verdankt, deren Videos das Angebot so vielfältig und schillernd macht.

Die überarbeitete Fassung von 2023

Nein, Youtube überträgt die Verantwortung für die Moderation seiner Plattform auf die Nutzerinnen und Nutzer. Dieses Vorgehen kann als selbstbewusst angesehen werden, da der Betreiber eine beträchtliche Größe und Macht erreicht hat. Dabei scheint er jedoch zu vernachlässigen, dass nicht nur erfolgreiche Kanäle wie BibisBeautyPalace, sondern auch zahlreiche kleine YouTuberinnen und YouTuber zur Vielfalt und Attraktivität des Angebots beitragen.

ChatGPTs Neuauflage von 2026

Youtube verlagert die Folgen seiner unzureichenden Plattformmoderation teilweise auf die Nutzerinnen und Nutzer. Diese Praxis wirft Fragen nach der Verantwortung eines sehr grossen und einflussreichen Plattformbetreibers auf. Der Erfolg von Youtube beruht nicht nur auf bekannten Kanälen wie BibisBeautyPalace, sondern auch auf vielen kleineren Creatorinnen und Creatorn, deren Videos wesentlich zur Vielfalt des Angebots beitragen.

Bei diesem Test konstatiere ich einen Rückschritt: Das Verb «übertragen» in der Fassung von 2023 ist knackiger als «verlagern». Zugegeben, die ursprüngliche Formulierung «kann als selbstbewusst angesehen werden» ist blutleerer, künstlicher Marketing-Sprech. Im Vergleich dazu wirkt die Wortwahl «Der Erfolg von Youtube beruht …» lebensechter – aber die «Creatorinnen und Creatorn» sind ein Ausrutscher, den wir GPT 5.5 nicht verzeihen sollten.

3) Entfloskeln

Das Original

Und wenn man ihn brauchen wollen würde, dann müsste man ihn wenn schon vor das S setzen, weil das wenigstens einigermassen logisch wäre. Deutlich gesprochen würde es «es Meiteli» heissen. Also «’s Meiteli», etwas undeutlich. Sieht halt einfach bescheuert aus und macht die Sache auch nicht besser, darum einfach «S Meiteli». Das ist aber noch nicht aller Unfug, den man mit dem Apostroph anstellen kann. Man kann nämlich einfach irgendwelche Häkchen zum Apostroph erklären, die man auf seiner Tastatur so findet.

Die überarbeitete Fassung von 2023

Und wenn man ihn brauchen möchte, müsste man ihn bestenfalls vor das S setzen, da dies zumindest logisch wäre. Deutlich ausgesprochen würde es „es Meiteli“ heißen. Also „s Meiteli“, etwas undeutlich. Es sieht einfach lächerlich aus und verbessert die Situation auch nicht, daher einfach „S Meiteli“. Das ist jedoch nicht der einzige Unsinn, den man mit dem Apostroph anstellen kann. Man kann nämlich einfach beliebige Akzente als Apostroph erklären, die man auf seiner Tastatur findet.

ChatGPTs Neuauflage von 2026

Falls man den Apostroph verwenden wollte, müsste er vor das S gesetzt werden; das wäre zumindest einigermassen logisch. Deutlich gesprochen hiesse es «es Meiteli», etwas undeutlicher also «’s Meiteli». Das sieht jedoch unschön aus und verbessert nichts – deshalb schlicht: «S Meiteli».

Damit ist der Apostroph-Unfug aber noch nicht erschöpft. Man kann auch beliebige Häkchen, die sich auf der Tastatur finden, zum Apostroph erklären.

Mein Massstab für den Erfolg war damals die Zeichenzahl: 531 Zeichen im Original, 496 Zeichen in der bereinigten Version von ChatGPT und 403 Zeichen von mir selbst gekürzt. GPT 5.5 kommt auf 452 Zeichen, irgendwo dazwischen.

Auch hier bleibt ein Verbesserungspotenzial: Ich hätte «zumindest einigermassen» weggelassen. Dafür stört mich, dass ChatGPT 2026 die Satzstellung deutlich ändert und ohne Not Worte austauscht (verwenden statt brauchen). Das habe ich nicht verboten, aber eben nicht gewünscht.

Die KI-generierte Grafik, die ich vor drei Jahren für meinen Test benutzt habe, wurde damals von Adobe Firefly erstellt.
Ein steampunk-inspirierter Roboter sitzt an einem Tisch mit einer Schreibmaschine. Er hält eine Zigarette, während Rauch aufsteigt. Im Hintergrund sind verschiedene Papiere und Schreibutensilien zu sehen.
Zum Vergleich dazu: Die gleiche Illustration gemäss dem Stand der Technik von 2026, erstellt von GPT Image, dem Nachfolger von Dall-e. Die Schreibmaschine steht allerdings noch immer verkehrt herum auf dem Tisch. Ob die KI den Fehler nicht erkannte oder das für eine gelungene Pointe hielt, entzieht sich meiner Kenntnis.

4) Einen drögen Text unterhaltsamer machen

Das Original

Zweitens kann Bitlocker nur mit den Pro-, Enterprise- und Education-Editionen von Windows 10 und 11 eingerichtet werden. Das Lesen ist allerdings auch mit der Home-Version möglich. Darum können Datenträger, die mit einer Pro-Version verschlüsselt worden sind, dann auch via Home benutzt werden. Es gibt das erwähnte Bitlocker Anywhere auch für Windows, womit sich die Home-Versionen nachrüsten lassen. Und mit Veracrypt gibt es auch eine offene Alternative für Windows, den Mac und Linux.

Die überarbeitete Fassung von 2023

Zweitens schnappt sich Bitlocker nur die Pro-, Enterprise- und Education-Editionen von Windows 10 und 11. Aber hey, keine Sorge, die Home-Version kann immer noch mitlesen! Das bedeutet, dass du verschlüsselte Datenträger, die mit einer Pro-Version erstellt wurden, auch mit deinem gemütlichen Home-Setup genießen kannst. Falls du trotzdem Lust auf das volle Bitlocker-Erlebnis hast, gibt es tatsächlich so etwas wie „Bitlocker Anywhere“ für Windows. Ja, du hast richtig gehört, du kannst deine Home-Version nachrüsten und dich in die verschlüsselte Welt stürzen.

Und für alle, die rebellischer sind und nicht an Microsofts Spielchen teilnehmen wollen, gibt es auch Veracrypt! Diese offene Alternative ist für Windows, Mac und Linux verfügbar, so dass jeder die Freiheit hat, seine Daten zu schützen, egal welches Betriebssystem man bevorzugt. Wer sagt denn, dass Sicherheit langweilig sein muss? Mit Bitlocker, Bitlocker Anywhere und Veracrypt kannst du deine Dateien wie ein echter Computer-Ninja verschlüsseln!

ChatGPTs Neuauflage von 2026

Zweitens spielt Microsoft wieder einmal Editionen-Bingo: Bitlocker lässt sich nur mit Windows 10 und 11 Pro, Enterprise und Education einrichten. Die Home-Version darf immerhin mitlesen – grosszügig, nicht wahr? Ein Datenträger, der unter Windows Pro verschlüsselt wurde, lässt sich deshalb auch unter Windows Home benutzen.

Wer Bitlocker trotzdem unter Windows Home einrichten möchte, kann zum erwähnten Bitlocker Anywhere greifen. Und wer sich ganz aus Microsofts Versions-Wirrwarr verabschieden will, nimmt Veracrypt: eine offene Alternative für Windows, Mac und Linux.

Die ursprüngliche Version war so überzogen, dass sie parodistisch wirkte – ein völliger Reinfall. Doch heute kriegt ChatGPT die Kurve und liefert einen fast brauchbaren Text ab. Die schnoddrige Floskel «grosszügig, nicht wahr?» würde ich unbedingt streichen.

5) Eine Aufzählung in einen Fliesstext umwandeln

Das Original

Durchschnittliche wöchentliche Besucher im App Store: 656’739’889
Durchschnittliche wöchentliche App-Downloads: 747’873’877
Durchschnittliche wöchentliche App-Redownloads: 1’539’274’266
Durchschnittliche wöchentliche automatische App-Updates: 40’876’798’492
Durchschnittliche wöchentliche manuelle App-Updates: 512’545’816

Die überarbeitete Fassung von 2023

Willkommen in der schwindelerregenden Welt des App Stores von Apple! Jede Woche strömen durchschnittlich 656’739’889 Besucher in diesen digitalen Dschungel voller unendlicher Möglichkeiten. Es ist ein wahrer Schmelztiegel der Kreativität und Innovation, der die Herzen von Technikbegeisterten höher schlagen lässt. (…)

ChatGPTs Neuauflage von 2026

Im App Store gibt es durchschnittlich 656’739’889 Besucherinnen und Besucher pro Woche. Im gleichen Zeitraum werden 747’873’877 Apps neu heruntergeladen und 1’539’274’266 Apps erneut geladen. Noch deutlich grösser ist das Volumen bei den Updates: Pro Woche erfolgen im Schnitt 40’876’798’492 automatische und 512’545’816 manuelle App-Updates.

Vor drei Jahren liess sich ChatGPT von der vorherigen Instruktion dazu verleiten, auch diesen Text als Karneval zu inszenieren. Diesen Fehler begeht OpenAIs LLM heute nicht mehr, obwohl ich alle Aufgaben wie damals in der gleichen Unterhaltung unterbreitete. Die Umsetzung heute ist in Ordnung, wobei ich natürlich die riesigen Zahlen lesbarer gestaltet hätte: 656 Milliarden Besucher pro Woche, etc.

Fazit: Besser, aber nicht umwerfend

Eine Verbesserung ist unverkennbar: Die Formulierungen wirken heute weniger unbeholfen, geschliffener und mehr aus einem Guss. ChatGPT hat als Redaktor deutlich zugelegt.

Trotzdem ist unser künstlich intelligenter Redaktor-Freund selbst nach intensivem Kontakt mit vielen meiner Texte nicht in der Lage, meinen Stil überzeugend zu reproduzieren. Er ist weit davon entfernt, meine unausgesprochenen Erwartungen zu antizipieren und in meinem Sinn zu handeln.

Das ist beruhigend: Man kann diese Texte zwar verwenden, nachdem man sie geprüft hat. Doch ich würde das nur tun, wenn die Latte sehr niedrig liegt. Wenn es um Authentizität, die eigene Stimme oder nur einen glaubwürdigen, schlüssigen und leser*innenorientierten Text geht, dann brauchen wir uns nicht bedroht zu fühlen: Das kann bis auf weiteres nur der Mensch.

PS: Der Genderstern-Witz ist natürlich Absicht.

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