Ein gelbes Eis am Stiel mit einem abgebissenen Stück liegt auf einer schwarzen Oberfläche. Das Eis hat eine glatte, glänzende Oberfläche und zeigt die cremige Füllung im Inneren.
Das ist zwar nicht meine Lieblingssorte Eis am Stiel, aber nach dieser schwitzigen Lektüre kommt sie trotzdem wie gerufen (Bru-nO, Pixabay-Lizenz).

Gegen diese Distopie hilft nur das dickste Glacé

Andreas Esch­bachs Buch «Ins fahle Herz des Sommers» schickt uns in einen er­zäh­le­ri­schen Glut­ofen, in dem die letzte Hof­fnung der Mensch­heit einzuäschern droht. Doch der Held, Fausto, wei­gert sich stur und stoisch, sich vom Klima­wan­del in die Knie zwingen zu lassen.

Andreas Eschbach beherrscht die grossen Epen, in denen er das betreibt, was man neudeutsch als Worldbuilding bezeichnet. Dabei wird eine Geschichte in eine Welt oder ein ganzes Universum eingebettet, das eigene Gesetzmässigkeiten kennt, gesellschaftliche und politische Strukturen erahnbar sind und in dem das Potenzial für unendlich viele weitere Erzählungen existiert. Eines Menschen Flügel gehört in diese Kategorie, Gliss genauso.

Cover eines Romans von Andreas Eschbach mit dem Titel «Ins fahle Herz des Sommers». Ein gelber Kreis auf türkisfarbenem Hintergrund, umgeben von düsteren Ästen. Ein Hinweis auf den Bestsellerstatus ist abgebildet.
Wetterbericht für die nächsten Jahrzehnte: sonnig und heiss.

Bei seinem neuen Buch ist es genau andersherum. Ins fahle Herz des Sommers baut keine neue Welt auf, sondern eine bestehende geschrumpft. Es handelt sich um diesen Planeten, der unsere Heimat ist. Für die Hauptfigur reduziert sie sich auf sein Dorf irgendwo in Frankreich, plus die Umgebung, die er mit seinem Velo erreicht. Der Rest der Erde ist kaum mehr erreichbar. Es kann gelingen, per Telefon zu einer anderen Region durchzudringen. Doch das ändert nichts daran, dass alles ausserhalb zu einer Art mystischer Vorstellung verschwimmt.

Die Dinge nehmen ihren Lauf

In dieser apokalyptischen nahen Zukunft entwickelten sich einige der Dinge zum bitteren Ende, die wir derzeit in einer Vor- oder Zwischenstufe erleben. Das Klima wandelte sich zum Glutofen und mit steigenden Temperaturen schmolz die Zivilisation dahin. Zum Kollaps trug eine Seuche bei, die noch heftiger als Covid-19 wütete und unzählige Menschen dahinraffte – bloss Fausto und ein paar Nachbarn nicht, die aus unerfindlichen Gründen immun waren.

Es gibt keine Polizei und keine Behörden mehr. Wer abhauen konnte, der tat es. Und wer zurückblieb, der lebt in einer gesetzlosen Welt. Immerhin gibt es genügend Platz, sich aus dem Weg zu gehen. Man geht sich so weit wie möglich aus dem Weg oder versucht, wie der Dorfpfarrer, einen letzten Rest an Normalität aufrechtzuerhalten. Oder man baut sein eigenes, abgeschottetes Reich auf wie die Familie Brack, die sich mit dem Gesetz des Stärkeren zu verteidigen sucht.

Fausto verbringt als einsamer Held sein Tagewerk – oder besser: sein Nachtwerk – damit, das Überleben zu organisieren. Wenn die Temperaturen auf ein erträgliches Mass gesunken sind, macht er sich mit seinem Velo auf, um in verlassenen Häusern nach Essen und den Dingen des täglichen Bedarfs zu suchen. Weil dieser Welt so viele Menschen abhanden kamen, funktioniert das erstaunlich gut. Fausto findet genug zum Überleben und manchmal Leckerbissen wie eingemachten Speck.

Eine Existenz auf Zeit

Ein gutes Leben ist es nicht; und es ist ein Leben auf Zeit. Diese Vorräte werden irgendwann aufgebraucht, vergammelt oder verrottet sein. Wie es dann weitergeht, daran mag in diesem Buch niemand denken. Fausto nicht, und wir Leserinnen und Leser auch nicht.

Diese Routine des Über-die-Runden-Kommens wird unterbrochen, als Valérie auftaucht. Eine junge Frau zieht ins Nachbarhaus ein, die seltsam entrückt wirkt. Die Hitze scheint ihr nichts auszumachen. Gleichzeitig wirkt sie entrückt und auf unverständliche Weise lebensunerfahren. Auch Fausto hat das Gefühl, mit ihr stimme etwas nicht. Das ist für ihn kein Grund, sie nicht näher kennenlernen zu wollen, und sie weist seine Annäherungsversuche nicht ab. Und das ist ein Moment der Hoffnung in dieser kaputten Welt. Vielleicht geht es doch weiter. Ein Neuanfang?

«Ins fahle Herz des Sommers» ist eine kleine Geschichte, gemessen an Eschbachs grossen Würfen wie Eine Billion Dollar. Es steckt ein bisschen «Romeo und Julia» und ein dickes Stück Melancholie darin. Auch das kennt man von diesem Autor. Mich erinnerte das Buch an Der Letzte seiner Art: Auch dort steht eine Figur im Mittelpunkt, der die Welt nichts mehr zu bieten hat – und umgekehrt.

Kontrast statt Spiegel?

Mir gefällt dieses Buch – selbst wenn ich keinen Hehl daraus mache, dass ich Eschbachs Fortschritts- und Technik-zugewandte Seite einen Ticken lieber mag. Der Autor spiegelt bestimmt eine Stimmung, die derzeit viele empfinden werden. Sollte man nicht mit Optimismus dagegenhalten? Beim Klimawandel wäre mir diese Perspektive willkommen, auch wenn niemand die Gefahren kleinreden soll.

Also: Wer Eschbach mag und mit der Endgültigkeit dieser Geschichte umzugehen weiss, der sollte «Ins fahle Herz des Sommers» unbedingt lesen. Wer sich davon derzeit überfordert fühlt, greift besser zu Franz Schätzings Was, wenn wir einfach die Welt retten?.

Amiramin695, CC BY-SA 4.0

Nach der Empfehlung mein Fazit – ab hier mit Spoilern.

Denn man kann Eschbachs Buch durchaus positiv lesen. Es geht in seiner Welt nämlich weiter. Die Menschheit als Ganzes ist nicht zum Untergang verdammt. Es gibt ein Update, das mit den neuen Bedingungen hervorragend zurechtkommt. Nur gilt das nicht für Fausto – und ebenso wenig für uns Leserinnen und Leser, die wir alle noch zum Homo Sapiens Version 1.0 zählen.

Das Glacé nachdenklicher schlecken

Am Ende des Buchs erfahren wir, was wir wahrscheinlich schon ahnten. Valérie ist das Produkt einer genetischen Weiterentwicklung. Sie und ihresgleichen haben keine Probleme mit Hitze. Temperaturen von 40, 50 oder 60 Grad sind völlig okay. Und nebenbei nahm das Gentech-Unternehmen, das diese Zucht zu verantworten hat, auch die Gelegenheit wahr, den Menschen äusserlich zu verbessern und attraktiver zu gestalten. Valérie gehört zu dieser neuen Spezies. Sie floh aus dem Labor, vergass oder verdrängte ihre Mission und liess sich auf Fausto ein.

Andreas Eschbachs Botschaft ist klar: Wenn es so weitergeht, geht es nicht weiter.

Dumm nur: Die alte und die neue Menschheit sind nicht kompatibel. Die Familie, auf die Fausto hoffte, ist eine Fata Morgana. Valérie zieht mit ihresgleichen in den Süden, für den Neuanfang.

Das Gute an der Sache ist: Es muss nicht so weit kommen. Eschbach rüttelt uns auf. (Wer bei Fausto an Goethe denkt, landet unweigerlich beim Zauberlehrling und «den Geistern, die ich rief».) Das gelingt ihm auf eindrückliche Weise – mit der Einschränkung, dass kaum jemand dieses Buch lesen wird, der sich der Dringlichkeit der Situation nicht bereits bewusst ist.

Es bleibt eine solide, eindringliche Geschichte – am besten zu lesen an einem Sommertag, im Liegestuhl, im Freibad. Wobei man das Glacé etwas nachdenklicher schleckt.

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