Ein Buch, bei dem man nur so durch die Seiten gleitet

«Gliss» ist eine poetisches Sciencefiction-Geschichte, die bezaubert und belehrt. Und wer das für einen Widerspruch hält, der kennt Andreas Eschbach schlecht, weil der solide mit einem Fuss in der Wissenschaft und mit dem anderen in der Fabulierkunst steht.

Andreas Eschbach ist ein Phänomen: Er gehört zu den fleissigen Buchautoren, was allein zwar bemerkenswert, aber nicht aussergewöhnlich ist. Einer der produktivsten Autoren überhaupt kommt in diesem Blog hier auch immer mal wieder vor.

Es ist Stephen King, der hier sogar die Rangliste anführt – noch vor Isaac Asimov, Kathleen Mary Lindsay und Jozef Ignacy Kraszewski. King schreibe um die 2000 Wörter pro Tag, lässt uns dieser Beitrag wissen – was auch ungefähr meinem Output entspricht, der aber, zugegeben, weniger umsatzträchtig ist.

Aber zurück zu Eschbach: Was ihn zum Phänomen macht, ist der Umstand, dass er keine Flops produziert. Das unterscheidet ihn wiederum von den meisten: Auch von King, bei dem ich längst nicht alle Werke überzeugend finde. Das neulich besprochene «Cell» fand ich enttäuschend – und im Schnitt würde ich nur jedes dritte oder vierte Buch von ihm als wirklich brillant bezeichnen.

Eschbach hält seine Flughöhe

Eschbach hingegen hält seine Flughöhe. Klar findet man als Leserin nicht immer alle Themen gleich interessant und es kommt vor, dass man gelegentlich den Eindruck hat, aus einer Idee hätte sich mehr herausholen lassen. Aber trotzdem wird es nie langweilig, abgeschmackt oder vorhersehbar – und man hat auch nie das Gefühl, dass der Autor selbst nicht so genau wusste, worauf er eigentlich hinauswollte.

Das schlechteste am Buch ist, mit Verlaub, der Untertitel.

Mit dieser Ein­lei­tung sind wir bei Gliss an­ge­langt: Das ist sein Werk von 2021, das gewis­se Ähn­lich­keiten mit «Eines Menschen Flügel» (Eska­pis­mus schlägt Ka­pita­lismus) hat, aber trotz­dem ganz anders und einfach gross­artig ist. Ein Buch, von dem ich mich schon darauf freue, es meiner Tochter erzählen zu können. Denn es passt genauso für Jugendliche wie für Erwachsene, wenn sie bloss ein Faible für fantasievolle Welten haben.

Die Gemeinsamkeit zum Buch vom letzten Jahr besteht darin, dass es nicht auf der Erde spielt, sondern auf einer anderen Welt, die markante Unterschiede zu unserem Heimatplaneten hat. Bei «Eines Menschen Flügel» war es der Untergrund, der gefährlich für die Menschen ist, weswegen sie von ihren Vorfahren auf genetischem Weg Flügel bekommen haben und nun in den Bäumen hausen.

Wie es ist, statt eines Meeres das Gliss zu haben

Bei «Gliss» gibt es ebenfalls einen besonderen Untergrund. Und bevor ich mehr dazu schreibe, die Empfehlung für Eschbach-Fans, nicht mehr weiterzulesen, sondern sich das Buch zu besorgen: Die inhaltliche Zusammenfassung enthält nämlich einige Spoiler¹. Und eine Geschichte wie diese ist immer am schönsten, wenn man völlig ahnungslos in sie eintaucht – nur mit dem Wissen, dass Matthias sie hervorragend findet und vorbehaltlos empfehlen kann.

Fussnoten

1) Hier die versprochene Zusammenfassung, die – wie oben erwähnt, auch Spoiler enthält.

Amiramin695, CC BY-SA 4.0

Dieser besondere Untergrund des Planeten in «Gliss» befindet sich da, wo man bei einem anderen Planeten die Meere vermuten würde. Er zeichnet sich dadurch aus, dass er komplett glatt und völlig ohne Reibung ist: Dieses Material gibt dem Buch seinen Titel – es heisst «Gliss», wobei es manche Leute auf dem Planeten auch Nofric nennen, was eine Kurzform für no friction, «keine Reibung» ist.

Das hat natürlich Auswirkungen: Ein Material, das absolut keinen Widerstand aufweist, ist so heimtückisch wie der luftleere Raum, durch den man als Astronaut nur an einer Leine schweben sollte. Denn wenn man davontreibt und nicht zufällig einen Raketenantrieb dabei hat, ist man chancenlos, seine Richtung zu ändern.

Eine ziemlich tückische Angelegenheit

So ist es auch auf dem Gliss: Leute, die darauf fallen und auf die Ebene hinausgleiten, sind zum Tod verurteilt. Es gibt keine Möglichkeit zur Umkehr, sodass der Unglückliche, dem das passiert ist, bis zum Verdursten weitertreibt – um dann als Leiche weiter über den Planeten zu gleiten.

Dieses Schicksal ist einem Mann widerfahren, der nach seiner Odyssee übers Gliss am Strand von Letz anlandet und von Ajit gefunden wird. Ajit ist eine der Hauptfiguren: Ein junger Mann, der diesem einem kleinen Ort namens Letz wohnt und gerade die Chance verhauen hat, in Hope zu studieren – der Hauptstadt der bekannten Welt. Er soll nun Bauer werden, genauso wie sein Vater, obwohl er eine wissenschaftliche Ader hat. Aber er hat sich an seiner Aufnahmeprüfung für die Universität durch unpopuläre Ideen die schlechteste Note aller Probanden eingehandelt.

Was die Leserin an dieser Stelle schon ahnt, wovon Ajit aber keinen Schimmer hat, ist der politische Zustand dieser Gesellschaft. Es herrscht eine autokratische Kaste, die sich alle Rechte herausnimmt und jegliche demokratische Regungen als Rebellion betrachtet. Und das, obwohl die Menschen hervorragend wüssten, was rechtsstaatliche Verhältnisse wären: Sie sind nämlich Kolonisten, die vor einigen Generationen die Erde verlassen haben, um den Planeten Hope zu bevölkern. Das wäre beinahe schiefgegangen, doch Captain Hordack, der verehrte Anführer seinerzeit, hatte immerhin einen Viertel der Siedler retten können.

Der intrigante Cousin

Man merkt, dass Ajit kein Talent hat, sich diese Verhältnisse zunutze zu machen – ganz anders als sein Cousin Nagendra, der alles daran setzt, zu Macht und Einfluss zu gelangen. Dass diesem Nagendra nicht zu trauen ist, wusste Ajit schon immer. Doch nachdem er ihn erwischt, wie er vor der Kommission zur Untersuchung des geheimnisvollen Toten vom Gliss eine Falschaussage macht und ihn dafür hinhängt, ist klar, dass etwas gar nicht in Ordnung ist.

Dieser Tote hatte einen Anhänger aus Gliss um den Hals. Das ist deswegen bemerkenswert, weil die Siedler keine Möglichkeit haben, Gliss überhaupt nur abzubauen, geschweige denn zu bearbeiten. Der Tote kann daher keiner der Ihren sein. Doch woher sollte er kommen? Denn bekanntlich sind sie die einzigen Überlebenden der Katastrophe, die die Landung auf dem Planeten Hope begleitet hat.

Da nach Nagendras Intrige Gefängnis droht, entschliesst sich Ajit zur Flucht. Die tritt er zusammen mit seinen Freunden Phil und Majala an. Sie bauen sich einen Glisser, ein Gefährt zur Fortbewegung auf dem Gliss, den sie mithilfe eines Propellers über die grosse Ebene steuern. Phil begleitet ihn aus Abenteuerlust, Majala, weil Nagendra sie als seine Geliebte auserkoren hatte.

Eine Sonne, die immer an der gleichen Stelle am Himmel steht

Die drei Freunde überleben einige Abenteuer, die mit einer weiteren Besonderheit des Planeten Hope zu tun haben. Er befindet sich in einer gebundenen Rotation um seine Sonne. Das bedeutet, dass die Sonne immer gleich über dem Horizont steht und der Planet eine Tages- und eine Nachtseite hat. Anständig leben kann man nur in einer relativ schmalen habitablen Zone. Dringt man auf der Tagesseite weiter vor, wird es lebensgefährlich warm. Auf der Nachtseite bekommt man es dagegen mit eisiger Kälte und ewiger Dunkelheit zu tun.

Als sie eine Rauchsäule am Horizont sehen, ahnen sie, dass sie den Herkunftsort des geheimnisvollen fremden Mannes gefunden haben könnten. Doch der nächste Vorfall lässt nicht auf sich warten: Sie landen in einem Loch im Gliss, das offensichtlich daher rührt, dass hier dieses geheimnisvolle Material abgebaut worden ist. Doch ohne jegliche Reibung ist es ihnen unmöglich, aus dem Loch herauszukommen. In einer Verzweiflungstat beginnt Phil, die Trümmer des Glissers in Brand zu stecken – und in der Tat, das hilft: Die drei Freunde werden aus dem Loch gerettet.

Nun erfahren sie, dass es noch andere Menschen auf dem Planeten gibt und dass das Gliss-Abbaugebiet in der Nähe einer Stadt namens Laguna zu finden ist. Vor allem aber müssen die Freunde ihr Weltbild korrigieren: Captain Hordack war nicht der Held, für den ihn seine Gefolgschaft hält, sondern ein Abtrünniger. Und die anderen Siedler sind auch nicht umgekommen. Sie leben in einem anderen Teil der habitablen Zone und haben nebst Demokratie auch zivilisiertere Umgangsformen. In Laguna feiern sie Weihnachten und laden Ajit, Phil und Majala ein, daran teilzunehmen.

So schnell gibt Nagendra nicht auf

Das könnte bereits das Happy End sein, wäre da nicht Nagendra, der aus einer Karte, die der Tote bei sich hatte, seine Schlüsse gezogen hat und nun einen Überfall auf Laguna plant. Er will ihnen das Geheimnis des Gliss-Abbaus, der hier Nofric heisst, entreissen. Er kapert den Glisser, mit dem Ajit zusammen mit seinen Freunden und der Rätin Sung Milar unterwegs ist und will sich während der Flut über die ahnungslosen Siedler hermachen.

Doch Ajit gelingt die Flucht und in einer tollkühnen Aktion, bei der er sich mittels einer Pistole auf ein atemberaubendes Tempo beschleunigt und so vor seinem Cousin in der Stadt ankommt, gelingt es ihm, alle zu warnen. Nagendra wird festgesetzt und Ajit als Held gefeiert – und die Autokratie der Abspalter beginnt im Nachgang zu bröckeln.

Beitragsbild: Zugegeben, das ist Eis – aber ein Glissbild habe ich in den Bilddatenbanken leider nicht gefunden (Julia Volk, Pexels-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

2 Gedanken zu „Ein Buch, bei dem man nur so durch die Seiten gleitet“

  1. Sehr geehrter Herr Schüssler,

    so sehr ich mich über die lobenden Worte freue: Müssen Sie unbedingt so viel über die Handlung verraten? Denjenigen, die das Buch noch nicht kennen (und neugierig, wie Menschen nun mal sind, die Spoilerwarnung übergehen) verderben Sie die Überraschung, und diejenigen, die das Buch schon kennen … nun, die kennen es doch schon, also braucht man es ihnen nicht mehr zu erzählen!

    Mit besten Grüßen
    Andreas Eschbach

    1. Lieber Herr Eschbach
      Die inhaltliche Zusammenfassung gehört für mich dazu. Aber Sie haben recht; die Spoilerwarnung wird leicht überlesen. Ich überlege mir, wie sich das besser lösen lässt – mit einer Formatierung oder, falls das möglich ist, dass die Zusammenfassung erst eingeblendet werden muss.
      Danke für den Hinweis!

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