Zeit, vom gedruckten Buch Abschied zu nehmen

Die beiden E-Book-Reader Sage und Libra 2 von Kobo sind so gut, dass die E-Books nun endgültig komfortabler sind als ihre papierenen Vorläufer. Ein paar Haare in der Suppe habe ich trotzdem gefunden.

Ich führe mir meine Lektüre meistens in Form von Hörbüchern zu Gemüt. E-Book-Readern bin ich dennoch nicht abgeneigt – und darum freue ich mich, dass ich zwei Testgeräte zur Verfügung gestellt bekommen habe, mit denen ich bislang keine Erfahrungen gemacht habe. (Das war allerdings ein Trugschluss, mehr dazu aber gleich.)

Es handelt sich um den Kobo Sage und um den Kobo Libra 2. Der Name Kobo ist hierzulande vermutlich nicht so vielen Leuten ein Begriff – ich hatte ihn schon gehört, aber ohne näher mit ihm vertraut zu sein. Doch die immer hilfreiche Wikipedia sorgt für Aufklärung: Kobo ist ein Buchhändler aus Toronto, Kanada, der 2009 gegründet worden ist. Seit zehn Jahren ist er eine Tochtergesellschaft des japanischen Onlinehändlers Rakuten. Von dem gibt es auch einen Video-on-Demand-Dienst, den ich auf meinem Sony-Fernseher entdeckt, bislang aber nicht näher inspiziert habe.

Der erste Eindruck der beiden Geräte war für mich verblüffend. Sie haben mich sosehr an die Tolinos erinnert, dass ich mich schon gefragt habe, ob ich es mit einem dreisten Fall von Plagiat zu tun haben könnte.

Zur Erinnerung: Die E-Reader von Tolino stammen von einer Allianz deutschsprachiger Buchhändler, zu der Bertelsmann, Hugendubel, Thalia und Weltbild gehören, und die seit 2013 ihre Kräfte bündeln. Ich habe einige deren Lesegeräte auch hier im Blog vorgestellt, zum letzten Mal 2019 mit dem Test des Epos 2. Sie sehen ähnlich aus, sind in vielen technischen Belangen vergleichbar und auch die Software wirkt sofort vertraut. Zufall?

Es gibt eine enge Verwandtschaftsbeziehung

Nein, gar nicht: Die beiden Marken sind eng verwandt. Ursprünglich hat die Deutsche Telekom die Geräte für die Tolino-Allianz entwickelt. 2017 ist sie ausgestiegen und hat das Geschäft an Kobo verkauft. In der Pressemeldung der Telekom wird dazu Nina Hugendubel, eine der Geschäftsführerinnen des Münchner Buchhändlers Hugendubel, mit folgenden Worten zitiert:

Die Übergabe des Ökosystems an Kobo ist ein Zeichen unserer Marktreife: Nachdem die Telekom für uns der perfekte Gründungspartner war, geht es mit Kobo nun um weiteres Wachstum und insbesondere um das Halten und das Ausbauen von internationalen eReading-Standards.

Aus der Pressemeldung geht auch hervor, dass die Marke Tolino in deutschsprachigen Raum erhalten bleibt, aber natürlich nicht isoliert weiterentwickelt wird.

Mit anderen Worten: Es gibt teils Modelle, die mit kleinen Unterschieden unter dem Label Kobo und als Tolino verkauft werden. Der Kobo Libra 2, eines meiner beiden Testgeräte, ist gemäss Wikipedia fast identisch mit dem Tolino Vision 6. Letzterer hat weniger Speicher und kein Bluetooth – was insgesamt aber ein so kleiner Unterschied ist, dass ich es mir hätte sparen können, auch für den ein Testgerät anzufordern. Tja, das sind die Tücken im Alltag eines Gadget-Kritikers.

Aber zu den Geräten: Der Kobo Sage ist das grössere der beiden Geräte. Es kostet um die 310 Franken z.B. bei Digitec und hat ein grosses Display mit acht Zoll (gut zwanzig Zentimetern) Durchmesser, 1440 mal  1920 Pixeln Auflösung, 32 GB Speicher und 241 Gramm Gewicht. Das ist etwas mehr als beim typischen Smartphone (das iPhone 13 ist 173 Gramm schwer), aber weniger als bei einem Tablet – das iPad Mini wiegt 293 Gramm. Und selbst ein normales Taschenbuch ist in aller Regel schwerer.

Nur der nicht-vorhandene Akku spricht noch fürs gedruckte Buch

Ein erstes Kurzfazit: Beim Lesekomfort haben die elektronischen Bücher meines Erachtens inzwischen die Nase vorn – mit der einzigen Ausnahme, dass ein gedrucktes Buch keinen Akku hat, der leer gehen könnte.

Aber kurz zu den Gemeinsamkeiten des Kobo Sage und des Kobo Libra 2, wobei es letzteren für um die 219 Franken gibt, zum Beispiel bei Digitec. Er hat ein Sieben-Zoll-Display (18 Zentimeter), 1264 auf 1680 Pixel Auflösung, 32 GB Speicher und ist 215 Gramm schwer.

Der Hauptunterschied bezieht sich auf den Bildschirm.
Die Einstellungen zur Hintergrundbeleuchtung.

Also, beide Modelle sind wasserdicht und haben eine eingebaute Hintergrundbeleuchtung, die man von ausgeschaltet bis hundert Prozent fein einstellen kann. Es gibt eine Option, um das Licht in der Nacht wärmer zu machen (beim iPhone heisst das Night Shift) und die Optionen Natürliches Licht und Schlafenszeit passen das im Tagesverlauf automatisch an.

Nach wie vor darf man die Schriftgrösse und die Schriftart selbst auswählen, was ein Segen für diejenigen Leserinnen und Leser ist, die nicht mit Adleraugen geboren worden sind. Beide Modelle lassen sich entweder quer- oder hochformatig nutzen, was einerseits Geschmackssache ist, andererseits aber auch mehr Möglichkeiten in Kombination mit der Schriftgrösse eröffnet.

Schriftgrösse, art und -formatierung darf man selbst bestimmen.

Bei der maximalen Vergrösserung sieht man nur einige wenige Worte, was auch stark sehbehinderten Nutzern eine Lektüre ermöglicht – doch für diese Darstellung ist das Querformat eindeutig angenehmer als die hochkante Anzeige, weil es weniger Probleme mit dem Zeilenumbruch gibt. Für normale und kleinere Schriftgrössen ist die hochformatige Darstellung angenehmer zu lesen, wenn die Zeilen etwas kürzer laufen.

Den Forschritt im Blick

Und neu scheint mir die Buchübersicht zu sein, die einem anzeigt, wie viele Minuten man fürs aktuelle Kapitel voraussichtlich noch braucht und wie lang die verbleibende Lesezeit fürs ganze Buch ungefähr noch beträgt. Das könnte man als Schnickschnack betrachten, aber mir gefällt das gut. Denn während man bei einem gedruckten Buch anhand der Dicke abschätzen kann, worauf man sich einlässt, und mithilfe der Position des Lesezeichens abschätzen kann, wie viel der Geschichte man noch vor sich hat, gibt es bei einem E-Book keine solch fassbaren Hinweise.

Hier sieht man seinen Lesefortschritt – und wie viel der Geschichte man noch vor sich hat.

Beide Modelle haben einen Touchscreen, bei dem man durch kurzes Tippen auf den Bildschirm umblättert – tippt man rechts, blättert man vor, tippt man links, blättert man zurück. Es gibt auch zwei Hardwaretasten für Vor und Zurück, die ich aber als relativ schwergängig erachte. Das Tippen geht leichter von der Hand.

Durch Wischen von oben erscheinen die Einstellungen und Steuerungsbefehle. Und durch etwas längeres Tippen auf den Text, nimmt man Markierungen vor, erfasst Notizen oder führt eine Suche durch. Tippt man in die rechte obere Ecke, faltet man ein Eselsohr, d.h. man markiert die Seite.

Die E-Ink-Anzeige ist nach wie vor deutlich träger als LCD oder Oled, aber fürs Lesen trotzdem viel angenehmer.

An der Hardware finde ich wenig zu mäkeln. Bleibt die Frage nach der Software. Sie hat bei den Tolinos nie einen wirklich soliden Eindruck gemacht. Mit diesen neuen Modellen scheint sie einen ausreichenden Reifegrad erreicht zu haben. Eine Ausnahme, die die Regel bestätigt, ist ein Absturz des Kobo Sage, nachdem ich bloss ein paar Mal die Einstellungen geöffnet und wieder geschlossen habe. Um einen eingefrorenen Reader neu zu starten, muss man übrigens geschlagene 15 Sekunden lang den Einschaltknopf drücken.

Für mich tuts auch der kleinere Bildschirm

Diesem Ungemach zum Trotz machen beide Geräte Spass. Welches man wählt, ist Geschmackssache und hängt primär davon ab, ob einem der Extra-Zoll beim Bildschirmdurchmesser einen Nutzen bringt oder nicht. Für mich als kurzsichtiger Mensch, der den Bildschirm eh immer direkt vor der Nase hat, ist das nicht der Fall – ich komme auch mit dem etwas kleineren Libra 2 bestens zurecht.

Mit dem Stift lassen sich Textstellen markieren.

Ein wesentlicher Unterschied bleibt aber zu erwähnen: Der eigentliche Clou des Kobo Sage ist, nebst des grösseren Bildschirms, dass er mit Stift benutzt werden kann. Mit dem Kobo Stylus, den es extra für rund 46 Franken zu erwerben gibt, bringt man Markierungen in den Büchern an und kann sogar handschriftliche Notizen hinterlassen.

Per Stylus darf man auch handschriftliche Anmerkungen machen – der Rand ist dafür allerdings etwas schmal.

Das funktioniert nicht ganz so flott wie beim iPad, aber ausreichend gut, dass Leserinnen und Leser, die notorisch die Randspalten vollkritzeln, mit diesem Modell voll und ganz auf ihre Rechnung kommen. Für mich ist das kein entscheidendes Kriterium, weil ich Notizen am liebsten tippe – aber ich akzeptiere, dass es verschiedene Geschmäcker gibt.

Was passiert mit den Notizen, wenn man die Schriftgrösse ändert?

Natürlich fragt man sich sofort, was mit den Notizen passiert, wenn man die Schriftgrösse verändert – denn dadurch verändert sich auch der Zeilenfall, was unweigerlich dazu führt, dass insbesondere Unterstreichungen nicht mehr an der richtigen Position sitzen. Die Lösung dafür ist pragmatisch: Eine Linie zeigt an, dass Markierungen vorhanden sind, und weist darauf hin, dass die mit anderen Schrifteinstellungen getroffen worden ist. Man sieht eine Vorschau und kann auf Wunsch zu den entsprechenden Einstellungen zurückkehren, um die Notizen während des Lesens zu sehen.

Beide Geräte spielen über einen per Bluetooth gekoppelten Kopfhörer auch Hörbücher ab. Allerdings scheint mir das Smartphone dafür besser geeignet.

Fazit: Zwei Lesegeräte, an denen nichts auszusetzen ist. Ausser, dass es leider nach wie vor nicht vorgesehen ist, dass man als Nutzer frei zwischen mehreren Stores wechseln kann, um seine Bücher aus unterschiedlicher Quelle zu beziehen. Der Store bei den beiden Geräten stammt von Kobo (kobo.com), wobei man mit der Länderauswahl Schweiz im französischsprachigen Angebot landet – wobei ich auf Anhieb nicht herausgefunden habe, wie man das ändern kann.

Immerhin kann man seine Bücher auch via Dropbox synchronisieren, und es ist weiterhin möglich, PDF- und E-Pub-Dateien via USB-Kabel und Computer auf den Reader zu bringen (zumindest, solange kein DRM vorhanden ist). Trotzdem – Wahlfreiheit bei den Stores wäre die beste Lösung aus Nutzersicht.

Beitragsbild: Ja, das Fotomodel hat die Testgeräte nicht an der Griffleiste gehalten – das wäre die dickere Seite. Der Fotograf fand es irgendwie schöner so.

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

Ein Gedanke zu „Zeit, vom gedruckten Buch Abschied zu nehmen“

  1. Du schreibst: „Es gibt auch zwei Hardwaretasten für Vor und Zurück, die ich aber als relativ schwergängig erachte.“ Ich finde die Harwaretasten handlicher als das Wischen. 😉

Kommentar verfassen