Abgenutzte, schmutzige Wanderschuhe aus schwarzem Leder, mit sichtbaren Gebrauchsspuren und einem beschädigten Vorderteil, liegen auf grünem Gras.
Er wechselte ständig zwischen den Fronten hin und her, doch irgendwann wars zu viel – kaputte Stiefel (Eugene_Brennan, Pixabay-Lizenz).

Mein Friedensstifter ist leider im Social-Media-Schützengraben verhungert

Es war so ein raf­fi­nier­ter Plan, wie sich Strei­te­reien in den sozialen Medien quasi neben­bei schlichten lassen. Ich habe dafür sogar eine Firefox-Erwei­terung program­miert (na ja, program­mie­ren lassen). Wochen später zeigt sich: Das Projekt ist auf ganzer Linie ein Flop. Warum? Eine selbst­kri­ti­sche Analyse.

In einem Anfall von Vibe-Coding-Euphorie bin ich neulich auf einen Plan verfallen, wie ich die Welt retten könnte. Naja, nicht die Erde im globalen Sinn, aber zumindest die digitale Sphäre, bestehend u. a. aus den sozialen Medien.

Meine geniale Idee basiert auf einer Firefox-Erweiterung, die dem Gezänk auf Facebook, Twitter ein Ende setzen würde – ebenso den Kulturkämpfen auf Threads und den Disputen auf Linkedin, wo letztlich auch nur so getan wird, als sei man zivilisiert. Sie heisst Social Media Stress Reliever oder kurz SMSR.

Screenshots von Tweets auf einer Social-Media-Plattform. Die Tweets befassen sich mit Migration und gesellschaftlichen Themen, wobei eine kritische Sichtweise hervorgehoben wird.
Die Firefox-Erweiterung in Aktion.

Die Überlegung dahinter: Die Erweiterung erlaubt es uns, moderierend einzugreifen. Selbst wenn einer hanebüchenen Unsinn von sich gibt, lassen wir uns nicht provozieren, sondern wirken moderierend. Öl ins Feuer zu giessen, ist tabu. Stattdessen drehen wir an der Deeskalationsspirale und weisen nüchtern auf Fehler in der Argumentation und auf destruktive Kommunikationstaktiken hin.

Denn das ist bekanntlich das Elend von Social-Media-Diskussionen: Man dreht sich im Kreis, der Frustrationsgrad steigt, man beschimpft sich, verharrt auf seinen Positionen und zieht sich auf seine grundsätzlichen Überzeugungen zurück. In der Sache bewegt sich nichts. Es entsteht kein Kompromiss, und nicht einmal eine gemeinsame Basis für eine Diskussion.

Die Emotionslosigkeit der KI als Trumpf

Da die künstliche Intelligenz keine eigenen Emotionen besitzt, sollte sie in der Lage sein, dem entgegenzuwirken. Mit dem passenden Prompt ist sie in der Lage, diplomatisch und sachlich auf kommunikative Guerilla-Strategien zu reagieren und so entgegenzuhalten, dass der nächste Flächenbrand verhindert und Einsicht möglich wird – so meine grosse Hoffnung.

Ich ging somit fröhlich ans Werk und entwickelte die Erweiterung «Social Media Stress Reliever» (SMSR) für Firefox. Genauer gesagt: Ich liess sie mir von ChatGPT Codex entwickeln. Sie funktioniert im Rahmen der Erwartungen und ist im Add-ons-Store von Mozilla erhältlich. Und nach knapp zwei Monaten lässt sich sagen: Sie ist ein totaler Flop.

Dafür gibt es zwei hauptsächliche Gründe. Der erste ist banal: Ich benutze soziale Medien selten am Computer, sondern meistens am Smartphone. Dort verwende ich die Apps und nicht Firefox; und selbst wenn ich den Browser nutzen würde, gäbe es SMSR mobil nicht. Genau dort, wo das Add-on sinnvoll wäre, steht es nicht zur Verfügung. Ich nutze die Erweiterung selbst viel seltener, als gedacht. Und abgesehen von mir hat sie kein einziger weiterer Firefox-User installiert.

Eine nicht sehr elegante Ausweichlösung

Als Ausweichlösung hinterlegte ich den SMSR-Prompt als Projekt in ChatGPT. Um ihn am iPhone zu verwenden, kopiere den Text oder Screenshot eines Social-Media-Posts in die App und erhalte einen Vorschlag für eine Antwort. Diese übernehme ich, bearbeite sie bei Bedarf und poste sie sogleich.

Bildschirmfoto einer Diskussion in sozialen Medien über psychologische Auswirkungen von Corona-Massnahmen. Zwei Kommentare thematisieren Empörung und die Notwendigkeit kritischer Reflexion.
«Ja, etwas zu hart. ‹Opferpose› und ‹Empörungsspirale› eskalieren unnötig und machen es angreifbar», meint ChatGPT.

Das funktioniert. Aber es ist nicht so elegant, wie erhofft, und verhindert den Hauptnutzen – nämlich, die Erwiderung so schnell abzuschiessen, dass keine Zeit bleibt, sich in die Sache hineinzusteigern.

Interessant war etwas anderes: Ich schrieb gelegentlich eigene Antworten und liess sie vom SMSR-Prompt in ChatGPT beurteilen. Mehrfach lautete die Rückmeldung sinngemäss: «Das ist immer noch konfrontativ. Du wirst persönlich. Nimm mehr Druck raus. Formuliere neutraler und zurückhaltender.»

Man kann nicht aus seiner Haut, wenn man aus selbiger fährt

Die überraschende Erkenntnis ist: Selbst wenn ich mit dem Anspruch antrete, nicht auf die Kacke zu hauen, tue ich es anscheinend trotzdem. Der Tonfall ist härter, kritisierender und persönlicher, als ich es mir vorgenommen habe.

Also: Obwohl das Projekt bisher ein Flop war, finde ich diese Gelegenheit zur Selbstreflexion spannend. Bin ich nicht der Unschuldsengel, für den ich mich halte? Oder ist die Verrohung in den sozialen Medien so weit fortgeschritten, dass wir und ich alle ihren Mustern zum Opfer fallen, selbst wenn wir uns explizit das Gegenteil vornehmen?

Es gibt einen zweiten Punkt, der genauso interessant, aber noch frustrierender ist: Die sehr moderaten Antworten haben kaum Wirkung.

Ich probierte es mehrfach aus: Die zurückhaltenden, diplomatischen Beiträge verhallten oft ungehört. Sie lösen keine Reaktion aus. Vielleicht werden sie gelesen. Es kann sogar sein, dass sich jemand seinen Teil denkt, ohne das mit einem Like oder einer Antwort sichtbar zu machen. Aber eine Diskussion stossen sie nicht an.

Nur die Lauten werden gehört

Das passt leider zur These der weit fortgeschrittenen Verhärtung. In den sozialen Medien werden Diplomatie und Zurückhaltung nicht mehr wahrgenommen. Alle haben die Gesetze der Aufmerksamkeitsökonomie so verinnerlicht, dass nur hochtourige Botschaften noch ankommen. Wer sich dem verweigert oder einen Gegentrend setzen will, steht unbeachtet da wie bestellt und nicht abgeholt.

Ein Beispiel: Es ging (mal wieder) um Corona. Der eine Mann aus meinem Social-Media-Bekanntenkreis kann nicht anders, als jedes Video oder Pamphlet, das in der hintersten Telegram-Gruppe herumgereicht wird, auf Facebook zum Besten zu geben. Meine handgeschriebene Reaktion darauf lautete wie folgt:

Kommt mal aus eurer Empörungsspirale raus. Leute, die die Sache rational ansehen – vieles war nötig, ein paar Dinge sind schiefgelaufen, für alle wars Scheisse – haben es überwunden. Die anderen gefallen sich in ihrer Opferpose.

SMSR bzw. ChatGPT war nicht einverstanden. Er empfahl mir, das wie folgt zu formulieren:

Man kann die Corona-Zeit aufarbeiten, ohne sie zur grossen Opfererzählung zu überhöhen. Vieles war in der damaligen Unsicherheit nachvollziehbar, manches war falsch oder überzogen. Für fast alle war es belastend. Genau darum braucht es Kritik mit Augenmass statt Empörung.

Das tat ich. Das Ergebnis: Null.

Allerdings löste der Beitrag selbst keine grosse Resonanz aus. Ich könnte das als Erfolgsgeschichte deuten und behaupten, dass es meine Rückmeldung war, die die Leute dazu brachte, achselzuckend weiterzugehen und sich sinnvolleren Dingen zu widmen. Was den Urheber des Ursprungsposts angeht, ist das nicht der Fall. Er postet noch immer so intensiv über Covid-19, als würden wir noch immer im Sommer 2020 feststecken.

In jedem Flop steckt ein Hoffnungskern

Fazit: Enttäuschung!

Es hilft auf alle Fälle, zusätzliche Distanz zu den sozialen Medien zu gewinnen und ihre Bedeutung im privaten Leben auf ein Minimum zurückzufahren. Vielleicht läuft sich selbst diese Corona-Facebook-Posterei irgendwann tot.

Das führt uns zurück zum Vibe-Coding. Die Erkenntnis ist, dass mit dieser Methode allein die Weltrettung – oder sonst ein banales Projektlein – nicht gelingt. Wir bauen uns zwar ruckzuck einen Prototypen. Aber ein erfolgreiches Projekt besteht nicht nur aus Code. In dem Fall hätte ich zumindest ein bisschen die Werbetrommel für die Firefox-Erweiterung rühren müssen, damit ich nicht der einzige Nutzer dieses Add-ons bin und bleibe. Auf diese Weise hätte sich vielleicht eine Dynamik entwickelt und ein paar Leute hätten sinnvolle Rückmeldungen gegeben. Denn schliesslich besteht die Möglichkeit, dass meine Idee nicht grundsätzlich falsch ist, sondern bislang bloss nicht richtig umgesetzt wurde.

Das ist so etwas wie ein versöhnliches Ende. Es bleibt der KI zum Trotz dabei: Wenn etwas richtig gemacht werden soll, müssen wir es selbst tun.

Ein Kommentar zu «Mein Friedensstifter ist leider im Social-Media-Schützengraben verhungert»:

  1. Die ausbleibenden Reaktionen haben aus meiner Sicht nichts mit der Qualität der Antworten zu tun. Extreme Beiträge laden nicht zu einer Diskussion ein. Deren Ersteller haben sich schon eine Meinung gemacht und die Leser möchten sich nicht mit Gegenrede oder Likes exponieren, weil sie keine sinnvolle Diskussion erwarten.

    Bei uns in der Gemeinde gibt es einige wenige Wutbürger. An der Gemeindeversammlung steht bei fast jedem Traktandum einer von ihnen auf und hält einen Vortrag über den unfähigen Gemeinderat oder die gefährlichen 5G-Antennen. Die Reaktion der Anwesenden ist einfach: Der Antrag wird mit grossem Mehr angenommen. Es ist gar nicht notwendig, jemandem zu widersprechen, der sich nicht umstimmen lässt.

    Besonders „lustig“ ist es jeweils bei Einbürgerungen: Man weiss genau, wer die Hand hebt, aufsteht und die immer gleiche Rede hält. Danach Abstimmung, Einbürgerung mit einer Gegenstimme angenommen, Applaus, fertig.

    Die lautesten Stimmen vertreten nicht die Mehrheit.

    Ich habe mir angewöhnt, dass man nicht immer widersprechen muss. Wenn sich der Onkel an der Weihnachtsfeier wieder über den „Diktator Berset“ aufregt, kann man einfach das Thema wechseln. Es ist nicht so, dass man die Umstehenden davor retten muss, seinem Irrglauben zu verfallen. Wer ihm zustimmt, wird seine Meinung meinetwegen nicht ändern, aber die grosse Mehrheit tut das nicht.

    Eine Ausnahme mache ich nur bei Kindern. Wenn sie mitbekommen, dass sich am Dorffest jemand über ein schwules Pärchen lustig macht, sollen sie nicht denken, ich stimmte dem stillschweigend zu.

    Dein Add-on könnte in einer erweiterten Variante aber trotzdem nützlich sein: Es könnte E-Mails lesen und entschärfen, falls man sie im Affekt zu emotional formuliert hat.

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