Elektronischer Organizer auf dunklem Hintergrund. Sichtbar ist das Tastenfeld mit Buchstaben und Funktionen. Oben befindet sich ein leerer Bildschirm.

Der Pocket-Computer, ein vergessener Pionier

Er ist der Nean­der­taler unter den di­gi­ta­len Re­chen­ma­schinen und brachte den Gym­na­sias­ten in den 1980er-Jahren die Basic-Pro­gram­mie­rung bei. Die Schweizer Zei­tungen nahmen kei­ner­lei Notiz.

Illustration eines retro-futuristischen Taschencomputers mit Farbbildschirm, Tastatur, Sound-Synthesizer, Mikrofon und verschiedenen Anschlüssen für Kassetten, TV und mehr.
Eine retrofuturistische Perle: Im «Usborne Guide to Computers» wurde 1981 die Möglichkeiten zukünftiger Pocket-Computer beschrieben.

Der Pocket-Computer hat es in die Wikipedia geschafft – genauso, wie der tasmanische Beutelwolf und Stellers Seekuh, mit denen er das Schicksal teilt, ausgestorben zu sein. Oder wie der Neandertaler: Von dem hat der moderne Mensch ein paar Gene mitbekommen, doch mehr blieb nicht von ihm übrig. Und um noch kurz bei der Analogie zu bleiben: Die Sache mit den geringen Überbleibseln gilt ebenfalls für das Objekt der heutigen Folge der Tech-Premieren. Mit viel gutem Willen können wir die Softkeys moderner Eingabegeräte als Relikt dieser Geräteklasse ansehen.

Dessen Geschichte fängt 1980 mit dem Sharp PC-1210 an: dem ersten Taschenrechner-Modell, das nicht nur fixe Funktionen ausführen, sondern mittels Basic programmiert werden konnte. Ich hatte das Vergnügen, Mitte dieses Jahrzehnts am Gymnasium mit einem seiner Nachfahren in Kontakt zu kommen: Am Sharp PC-1403 machte ich mich mit der Programmiersprache Basic vertraut. Das war kein Erweckungserlebnis im eigentlichen Sinn, aber ein erster Schritt auf dem Weg zu meiner Computernerdwerdung.

Das Ende kam bereits zehn Jahre später. Die Rechner im Taschenformat wurden durch leistungsfähigere Minirechner abgelöst, die eine breitere Funktionspalette anboten: erst die Organiser (Electronic Organizer), die Adressen, Aufgaben und Termine verwalten konnten, dann bald die PDAs (Personal Digital Assistant), die mit Programmen ausgestattet und dem Computer synchronisiert werden konnten. Ich schaffte mir 1999 den Psion 5mx an, den ich in gleich zwei Artikeln würdigte.

Zu Unrecht verkannt

Ist der Pocket-Computer bloss ein bedeutungsloses Zwischenspiel in der rasanten Evolution der programmierbaren Rechenmaschinen? Oder verdient er ein eigenes Kapitel in dieser Historie?

Unbedingt letzteres trifft zu: Ein schlauer Taschenrechner war vor 45 Jahren die preisgünstigste Möglichkeit, Basic und die Softwareprogrammierung kennenzulernen und Spass daran zu finden. Falls ich mich nicht irre, haben wir 200 Franken bezahlt. An diesem Gerät schrieb man seinen Code selbst, und die eigenen Ideen und Fähigkeiten entschieden darüber, wie nützlich oder sinnlos es war. Beim Organiser und dem PDA arbeiteten wir mit den eingebauten Applikationen. Diese Entwicklung vom Entwickler zum Anwender war in gewisser Weise ein Rückschritt.

Damit zur eigentlichen Frage dieser Rubrik: Haben die Schweizer Medien die Bedeutung des Pocket-Computers erkannt?

Im elektronischen Zeitungsarchiv finden sich 64 Treffer zum Stichwort. Allerdings, und das ist überraschend, sind 63 davon Anzeigen. Wenn wir uns den einzigen Artikel ansehen, stellen wir fest, dass es sich dabei um eine falsch klassifizierte Anzeige handelt. Mit anderen Worten: Diese Entwicklung (zumindest gemessen an diesem Archiv, das keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt) komplett an den Schweizer Zeitungen vorbei.

Eine missverständliche Modellbezeichnung

Werbung für den Tandy TRS-80 Pocket Computer und Drucker. Angebote wie Programme und Taschen inklusive. Text auf Französisch, Blickfang auf Tandy-Logo und Gerätenummer für Fribourg, Schweiz.
429 Franken für den programmierbaren Taschenrechner von Tandy. Der Drucker kostete 359 Franken.

Das früheste Inserat erschien am 16. April 1982 in «La Liberté» und simultan auch im «Journal du Jura» und dem «Courrier de Genève», und es bewarb den Tandy TRS-80. Unter dieser Bezeichnung brachte Tandy, der Vorläufer von Radioshack, 1977 einen der ersten Heimcomputer auf den Markt. Unter der gleichen Markenbezeichnung lancierte der Hersteller 1980 auch den programmierbaren Rechner, der, wie Wikipedia erklärt, inkompatibel zum Desktop-Computer war und keinen Zilog Z80-Prozessor enthielt. Ab 1987 gab es ausserdem einige Inserate zu einem Pocket-Computer für astrologische Zwecke, der vom Institut d’Astrologie in Lausanne angeboten wurde.

Fazit: Ein Totalversagen unserer Medienschaffenden. Es gibt ferner keine Treffer zum Sharp PC-1210, zum PC-1403 oder zu Basic-Taschenrechnern. Das Stichwort «Handheld» wurde erst in den 1990er-Jahren aufgegriffen¹. Immerhin: Dem Begriff des «Taschen-Computers» begegnen wir in den Achtzigern. Am 8. April 1987 widmeten die «Freiburger Nachrichten» dem Psion Organiser II/CM ein paar Zeilen:

Personal-Computer, die man im Aktenkoffer mitschleppen kann, gibt es schon lange, aber ein Gerät, das in der Westentasche Platz findet und trotzdem fast die Leistung eines ausgewachsenen PC erbringt, ist neu. Der «Psion Organiser II/CM» ist nur 14×8×3 cm gross, wiegt 250 Gramm und ist schlicht gesagt ein kleines techlogisches Wunderwerk. Eine eingebaute Uhr mit Datum und Alarmsystem ist heute ja schon fast Standard, dass man jedoch bei einem Termin eine Stunde vorher gemahnt wird und das «Wann», «Wo» und «Wer» am Bildschirmfenster aufleuchtet, ist ungewöhnlich. Eingebaute Rechen-, Datenbank- und Terminprogramme gehören zur Grundausrüstung: zusätzliche Software (zum Beispiel Geschäftsapplikationen) ist als Steckmodul erhältlich.

Streng genommen ist ein Taschen-Computer kein Pocket-Computer – aber wir wollen nicht päpstlicher als der Papst sein. Stattdessen freuen wir uns über die Begegnung mit diesem britischen Unternehmen.

Ein Retro-Computer-Setup mit einem TRS-80 PC-2, einem Kassettenrekorder und einem kleinen Drucker, der ein gedrucktes Spirograph-Muster zeigt. Ein Handbuch ist ebenfalls sichtbar.
Einer auf Reddit hat den alten Taschenrechner vor drei Jahren zum Laufen bekommen.

Der britische Fuss in der Smartphone-Welt

Psion kommt die Rolle eines Pioniers bei den Kleincomputern zu; das erste Organiser-Modell von 1984 gilt als einer der ersten echten Taschencomputer im Taschenformat. Das EPOC-Betriebssystem war ein Vorbild an Stabilität und überlebte mit seinem Nachfolger Symbian bis in die Smartphone-Ära. Der Entscheid von Nokia, zu Windows Phone 7 zu wechseln, bedeutete 2011 den Todesstoss. Aus heutiger Sicht ein gravierender Fehler. Hätte Symbian weiterexistiert, bestünde heute zur Freude vieler nebst Android und iOS eine dritte Wahlmöglichkeit …

Fussnoten

1) Die erste Erwähnung findet sich am 28. März 1990 in der NZZ im Beitrag Der Konsument als «König und Bauer», in dem es um die «Akzeptanzprobleme beim elektronischen Zahlungsverkehr» ging. Der Autor erklärte die RSA-Verschlüsselung und dessen Einsatz beim elektronischen Zahlungsverkehr:

Jeder Händler kann überprüfen, ob es sich tatsächlich um echtes Geld handelt, indem er den öffentlichen Schlüssel der Bank anwendet und prüft, ob das Ergebnis bestimmten, vorher festgelegten Kriterien genügt. Dieser Algorithmus läuft heute noch auf Handheld-PCs, ist jedoch auch auf Chipkarten zu implementieren.

Beitragsbild: Der Psion Organiser war zwar kein Pocket-Computer im strengen Sinn, aber dennoch ein Pionier der 1980er-Jahre (Nic Wood, Pexels-Lizenz).

2 Kommentare zu «Der Pocket-Computer, ein vergessener Pionier»

  1. Der Sharp-PC war ein Pionier bezüglich Programmierung in Basic, aber programmierbare Taschenrechner gab es von HP bereits seit 1974 (und von Texas Instruments von 1975).

  2. Ganz tot ist Symbian nicht! Über MeeGo hat sich Sailfish OS entwickelt.
    Und mit dem neuen Jolla Phone, welches dieses Jahr kommen soll, gibt es auch einen spirituellen Nokia N9 Nachfolger.

    Entscheidend wird bei Sailfish aber wohl sein, wir gut Android apps emuliert laufen…

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