Eine Axt steckt in einem Baumstamm im Wald. Der Axtkopf ist metallisch und der Stiel aus Holz. Der Hintergrund zeigt unscharfe Bäume.

Wer ist heute noch so dumm und fällt auf «Teile und Herrsche» herein?

Ein Pod­cast brachte mich dazu, eine ver­meint­li­che Gewiss­heit zu hin­ter­fra­gen. Und auch wenn ich das eigent­lich aus eigenen Stücken hätte schaf­fen kön­nen, lege ich euch «Wind und Wurzeln» von Ma­ri­na Weis­band hier trotzd­em ans Herz.

Der Medienkonsum birgt Risiken. Es kann passieren, dass ein Artikel, ein Film, Podcast oder auch ein Buch uns die Augen öffnet. Die Rezeption liefert uns eine Information, die uns eine neue und überraschende Sichtweise auf einen bestimmten Sachverhalt erlaubt.

Zugegebenermassen habe ich im letzten Jahr einen Blogpost mit dem genau gleichen Absatz angefangen. Aber da ich wieder einen solchen Aha-Moment erlebte, entschied ich mich zu dreierlei. Erstens zu der textmässigen Rezyklierung. Zweitens zu der Vergabe des Stichworts Augenöffner für derlei unerwartete Einsichten.

Eine Frau blickt zur Seite vor einem grünen Hintergrund. Der Text lautet: «Wind und Wurzeln, Marina Weisband». Unten rechts steht «Perspective Daily».
Eine Anspielung an den Spruch «Wenn die Kinder klein sind, gib ihnen Wurzeln, wenn sie gross sind, gib ihnen Flügel», nehme ich an.

Und drittens bespreche ich hier den fraglichen Podcast. Es handelt sich um Wind und Wurzeln (RSS, iTunes, Spotify) von Marina Weisband, die ihr vielleicht, wie ich, aus den sozialen Medien (früher Twitter, heute Bluesky) kennt. Sie ist Diplompsychologin und Publizistin, in der Politik aktiv (früher Piratenpartei, heute Bündnis 90/Die Grünen), und sie hat eine bewegte Biografie. Seit April 2025 betreibt sie den Podcast, der per Crowdfunding finanziert und seit Oktober von Perspective daily unterstützt wird. Das wiederum ist ein Online-Magazin, das seit 2016 den konstruktiven Journalismus pflegt.

Tribalismus? Doch nicht bei uns!

Also, die Augenöffner-Folge stammt vom 24. Dezember und hat den länglichen Titel Gegen die gesellschaftliche Spaltung: Wie wir Scheindebatten und Tribalismus stoppen. Ich bin am Wort Tribalismus hängen geblieben, aber auch das Stichwort aus der Beschreibung hat meine Neugierde geweckt. Es handelt sich um das Prinzip «Teile und Herrsche» (Divide et impera), das auf den guten alten Machiavelli zurückgeht (oder auch nicht). Es handelt sich um ein Herrschaftsprinzip, das mittels Fragmentierung operiert. Gruppen, die dem Machtanspruch des Regenten gefährlich werden könnten, werden in Teilgruppen aufgespalten, die gegeneinander agieren. Die Wirksamkeit liegt auf der Hand: Wer sich bekämpft, statt sich zu verbünden, kommt nicht auf die Idee, den Potentaten um einen Kopf kürzer zu machen.

Das Prinzip war mir bekannt, aber ich war der irrigen Meinung, eine aufgeklärte, mündige Gesellschaft müsse es längst überwunden haben. Natürlich, wenn man darüber nachdenkt, ist das eine geradezu lächerliche Annahme. Es gibt unzählige Anzeichen dafür, dass viele Zeitgenossinnen und -genossen noch so gern den Rückwärtsgang einlegen, um sich von der Aufklärung zurück ins Mittelalter zu bewegen. Das schmälert die Leistung des Podcasts jedoch nicht. Im Gegenteil: Es ist besonders effektiv, wenn wir dazu gebracht werden, vermeintliche Gewissheiten zu hinterfragen. (Weswegen ich auch Jörg Kachelmann mit seiner Social-Media-Standardfrage in die erlauchte Gruppe der Augenöffner aufgenommen habe.)

Alle gegen alle

Marina Weisband legt eindrücklich dar, dass dieses Prinzip nicht nur nicht veraltet ist, sondern in unserer Medienlandschaft hervorragend funktioniert. Wir lassen uns noch so gern auf die sogenannten Scheindebatten ein. Diese suggerieren einen realen Konflikt, lenken aber vom eigentlichen Problem ab. Sie formulieren Probleme als Kampf bestimmter Gruppen und hetzen Junge gegen Alte, Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer gegen Arbeitslose und Einheimische gegen Zugewanderte. Dadurch wird der wahre Verteilkampf verdeckt. Der besteht oft darin, dass sich Superreiche oder Unternehmen in der Digitalindustrie nicht besteuern lassen wollen.

Ein eindrückliches Beispiel aus dem Podcast dreht sich um die Lobbyingmaschine der Koch-Brüder, die es seinerzeit geschafft haben, den US-Kongress kaufen:

Wie eine investigative Recherche im Juli 2025 aufzeigte, erhalten 80 Prozent der Antitrans-Initiativen in den USA ihr Geld von der Fossillobby. Klingt komisch, ist aber so. Die fossile Lobby macht mobil gegen Menschen, die weniger als ein Prozent der Bevölkerung ausmachen und die nichts mit dem Klimawandel zu tun haben. Wieso ist das so? Vivian Taylor, eine Klimapolitexpertin und Mitautorin der Analyse, sagt dazu, die fossile Brennstoffindustrie habe deshalb ein Interesse daran, Panikmache um Transgender-Personen zu finanzieren, weil das die Öffentlichkeit von den sehr realen und anhaltenden Risiken ablenkt, die der Klimawandel mit sich bringt.

Ein älterer Mann im Anzug weist auf einen schwarzen Mann, während er mit einem Arbeiter redet, vor einem Teller Kekse. Eine Sprechblase sagt: «Careful mate... that foreigner wants your cookie!»
Der Podcast, als Meme zusammengefasst.

Im Podcast kommt Chris Vielhaus von «Perspective daily» zu Wort, der das Prinzip anhand der Rentendebatte erklärt, die in Deutschland im letzten Jahr einen schmerzhaften Konflikt zwischen Jungen und Alten auslöste, der mir mit der Distanz des Nachbarlands schon einige Sorgen bereitete. Aber was tun? Im zweiten Teil des Podcasts kommt Bernhard Pörksen zu Wort, der ein verblüffend einfaches Rezept gegen derlei verfahrene Situationen hat. Das heisst Zuhören¹. Er plädiert für das «Prinzip der nicht-egozentrischen Aufmerksamkeit»; etwas verkürzt wiedergegeben:

Der dialogische Tanz kann ja erst beginnen, wenn man fragt: In welcher Welt ist das, was der andere sagt, wahr, plausibel und schön?

Fazit: Ich halte dem Podcast zugute, dass er etwas auf den Punkt bringt, das mir schon lange hätte klar sein müssen, es aus unerfindlichen Gründen nicht war. Wir Menschen sind – das haben wir bei Corona gelernt – schlecht darin, Wahrscheinlichkeiten abzuschätzen. Wir haben auch kein Talent dafür, Prioritäten richtig zu setzen. Denn was das angeht, sind wir in der Schweiz keinen Deut besser als die Deutschen oder die EU, weil auch unser Bundesgericht fand, ein vegetarisches Produkt dürfe nicht «planted chicken» heissen.

Tugenden nicht nur predigen

Mir gefällt der Podcast nicht nur aus inhaltlichen Gründen. Er pflegt das, was er selbst predigt: Er kritisiert die Medien für ihre aufgeregte Berichterstattung, die viel zu oft die PR-Botschaften der Lobbyisten unhinterfragt transportiert – und er macht das auf eine unaufgeregte, hintergründige Weise. Er exerziert gleichzeitig vor, dass es selbst bei vertrackten Themen immer eine Lösungsperspektive gibt – und der Weg aus der Bredouille tatsächlich in einer so banalen (aber in den sozialen Medien kaum jemals aktiv gepflegten) Handlung wie Zuhören bestehen könnte.

Und ja, irgendwie steckt in dieser Botschaft der eine oder andere Neujahrsvorsatz drin.

Fussnoten

1) Er legt dieses Prinzip auch in Buchform dar: «Zuhören – Die Kunst, sich der Welt zu öffnen» bei Hanser oder Amazon.

Beitragsbild: Der Mann mit der Hand am Griff trägt auch die goldene Krone (David Popkov, Unsplash-Lizenz).

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