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Ein erster Augenschein von iPad OS 26

Mit dem Liquid Glass-Design kann ich nichts an­fangen und auch sonst er­scheint mir Apple bei den kom­men­den Up­da­tes für die iPhone-, iPad- und Mac-Be­triebs­systeme mut- und kon­zept­los. Doch mit der neuen Fen­ster­ver­wal­tung gibt es ein High­light.

Wie jeden Sommer werfen Apples neue Betriebssystemversionen ihre Schatten voraus. Wobei diese Formulierung heuer gar nicht passt: Denn das grosse Thema ist der neue Look von flüssigem Glas. Und wie wir im Physikunterricht gelernt haben, wirft Glas keine Schatten.

Als Erstes muss ich die beiden Elefanten im Raum ansprechen. Ich bin nämlich so alt, dass ich mich noch an gewisse Innovationen aus dem Hause Microsoft erinnere. An Windows 95: Vor genau dreissig Jahren hat Microsoft damit begonnen, seine Produktversionen mit Jahreszahlen auszustatten. Das gleiche tut nun Apple mit seinen Betriebssystemen: Die iPhone-Software in der neuen Auflage heisst nicht iOS 19, sondern iOS 26, wobei die Zahl eben keine Versionsnummer, sondern eine Jahresangabe ist – und eben nicht für dieses, sondern fürs nächste Jahr. Dieses System gilt nun durchwegs, d.h. auch für iPad OS, Mac OS, TV OS und Watch OS.

Wie Microsoft 2006

Die zweite Microsoft’sche Innovation ist Windows Vista von 2006. Dort hielt eine neue Designsprache namens Windows Aero Einzug, die wie Apples Liquid Glass mit Transparenz und Spiegelungseffekten arbeitete.

Microsoft hat beide Dinge abgeschafft. Die Jahreszahlen haben die negative Auswirkung, dass sie ein Produkt klar datieren. Sie sind auch eine Art Ablaufdatum: Es wirkt seltsam, im Jahr 2001 noch mit Windows 2000 zu arbeiten, selbst wenn es noch keine neuere Variante davon gibt. Das muss in Apples Fall nicht a priori zum Problem werden – zumal weiterhin jedes Jahr ein Update geliefert wird. Aber es setzt meines Erachtens dennoch den falschen Schwerpunkt: Die Produkte verändern sich im Kern nicht mehr so sehr, dass man die schnellen Entwicklungszyklen betonen müsste. Stattdessen würde ich als Apple-Produktverantwortlicher Kontinuität und Verlässlichkeit vermitteln wollen.

«iPadOS 26 Vorschau» auf einem Tabletbildschirm mit zahlreichen Fenstern. Rechts wird das Kontrollzentrum angezeigt, wo verschiedene Einstellungen sichtbar sind.
«Liquid Glass» beim Kontrollzentrum: Hier wirkt der Transparenzeffekt störend.

Das Transparenz-Design wirkte damals zwar futuristisch und strich auch die Leistungsfähigkeit der modernen Gerätegeneration hervor – denn auf alter und schwachbrüstiger Hardware gab es keine Aero-Effekte zu sehen. Doch die durchscheinenden Fenster waren auch ein grosser Ablenkungsfaktor. Und sie wirken wenig behaglich: mehr nach Labor oder Bankgebäude denn nach Wohnstube oder Jugendzimmer.

Diese Fingerabdrücke überall!

Genauso geht es mir mit dem Liquid Glass am iPad: Ich werde – fast schon im wörtlichen Sinn – nicht warm damit. Klar, es ist «beeindruckend und elegant», wie Apple schreibt. Aber ich habe keine grosse Lust, es anzufassen und damit zu arbeiten, weil man auf Glasscheiben immer gleich Fingerabdrücke hinterlässt. Ich fürchte, dass das eine der wenigen Apple-Neuerungen sein wird, die ich deaktivieren werde¹. Aber während einer Testphase möchte ich ausprobieren, ob ich mich damit anfreunden kann.

Die dritte Neuerung bei iPad OS ist die neue Fensterverwaltung. Vor drei Jahren hatte der Stage-Manager seinen ersten Auftritt. Ich prognostizierte damals, dass er es schwer haben würde, und damit hatte ich offensichtlich recht. Er ist zwar nicht verschwunden, doch es gibt in den Einstellungen bei Multitasking & Gesten geschlagene drei Varianten, wie das iPad mit Apps umgehen kann. Nebst der ursprünglichen Variante (Apps im Vollbildmodus) und dem erwähnten Flop von 2022 gibt es die Variante Apps als Fenster.

Screenshot eines iPad-Bildschirms mit Widgets. Oben links Bildschirmzeit-Statistik, darunter Batteriestatus von Geräten. Gelbes Widget mit AirPods-Hinweis und eine Karte mit Standort Winterthur.
Bei der Widget-Ansicht und auch beim Homescreen rutschen die geöffneten Apps an den Bildschirmrand (siehe rechts).

Die Fensterverwaltung: Beim x. Anlauf endlich brauchbar

Die gefällt mir gut: Eine App startet als Vollbild. Über das Viertelkreis-Symbol in der rechten unteren Ecke lässt sich das Fenster verkleinern, worauf die anderen Fenster-Apps sichtbar werden. Diese Fenster sind nun flexibler in der Anordnung – und sie haben in der linken oberen Fensterecke nun die drei bunten Knöpfe², die wir von Mac OS schon seit Ewigkeiten kennen. Das ist unkompliziert, aber auch so nah dran, dass wir uns fragen, warum Apple unbedingt x-mal das Rad neu erfinden wollte (2015, also noch vor Stage-Manager, gab es mit Split View den ersten Anlauf).

Wirklich toll ist, dass eine App weiterläuft, selbst wenn ihr Fenster in den Hintergrund verbannt wurde. Das ist praktisch für viele Zwecke. Dennoch gehöre ich nicht zu denen, die diesen Fortschritt gross feiern wollen. Denn Multitasking in dieser Form gibt es schon seit Jahrzehnten. Es ist daher keine technische Errungenschaft, sondern lediglich Apples Einsicht zu verdanken, dass das auch für ein Tablet eine wünschenswerte Funktion wäre. Und diese Einsicht kommt extrem spät, zumal das iPad Pro bereits zehn Jahre alt ist.

Ein Tablet zeigt die Einstellungen für «Multitasking & Gesten». Optionen wie «App als Fenster» und «Stage Manager» sind sichtbar. Auf der linken Seite ist ein Menü mit verschiedenen Einstellungen.
Drei Varianten für die Verwaltung von Fenstern. Ist damit die Sache endlich klar?

Die falschen Prioritäten

Die Diskussion zur Verschmelzung von Mac OS und iPad OS will ich an dieser Stelle kein weiteres Mal führen. Stattdessen schwenke ich lieber zum Fazit ein:

Mit diesem Update wirkt Apple mut- und orientierungslos – und nicht innovativ, sondern in den Nullerjahren verhaftet. Natürlich, wer kein so alter Sack ist wie ich und sich nicht schon mit Windows 95 herumgeschlagen hat, wird das anders empfinden. Dennoch sehe ich weder eine Notwendigkeit für die neue Benennung mit Jahreszahlen noch für dieses neue, transparente Design. Wäre es nicht klüger, die Energie auf den Trend unserer Tage zu verwenden und die Integration von Apple Intelligence zu verbessern?

Und ja, es gibt auch einige Neuerungen bei Apple Intelligence. Auf zwei Dinge bin ich besonders gespannt:

  • Mit Live-Übersetzung für die Telefon-App, Facetime und die Nachrichten und
  • die Integration der KI in die Kurzbefehle-App.

Eigene Workflows zu bauen, bei denen auch die KI-Modelle auf dem Gerät zum Zug kommen, klingt sehr spannend. Leider ist das iPad Pro, das ich für meinen Test nutze, inkompatibel dazu. Daher muss ich die Berichterstattung dazu auf später verschieben. Aber versprochen: sie kommt!

Wer es selbst ausprobieren will: Das ist anhand der öffentlichen Beta-Versionen der Programme jetzt möglich. Ich rate vom Experiment ab, wenn nur ein Produktivgerät zur Verfügung steht. Ich hatte namentlich mit der App-Store-App einige Probleme – darum besser nichts riskieren.

Fussnoten

1) Derzeit gibt es keine Möglichkeit, Liquid Glass abzuschalten oder ein anderes Theme zu wählen. Wir können nur in den Einstellungen bei Bedienungshilfen unter Anzeige & Textgrösse die Option Transparenz reduzieren einschalten.

2) Die werden Fenstersteuerungstasten oder Fensterkontrollknöpfe, gelegentlich auch Fensterbedienelemente genannt. Umgangssprachlich heissen sie im Englischen Traffic Light Buttons. Rot schliesst, Gelb minimiert und Grün maximiert oder wechselt ins Vollbild.

2 Kommentare zu «Ein erster Augenschein von iPad OS 26»

  1. Es ist schade, dass vielerorts das Marketing die Versionierung bestimmt und nicht die Entwickler. Eine Version muss nicht auf das Erscheinungsjahr hinweisen und auch nicht möglichst hoch sein (Chrome ist mittlerweile bei Version 138).

    Freie Software hat kein Marketing und deshalb meist eine sinnvollere Versionierung. Den Apache-Webserver gibt es mittlerweile seit 30 Jahren. Die aktuelle Version ist 2.4.65, erschienen diesen Monat. Der Mailserver Postfix, erstmals veröffentlicht 1998, steht bei Version 3.10.3.

    Das erzeugt Vertrauen in die Stabilität! Man installiert auch lieber regelmässig Updates, wenn man weiss, dass man keine Funktionsveränderungen zu erwarten hat, wenn sich nur die dritte Stelle der Versionsnummer ändert.

    Aber ist ein Update von iOS 26 auf 27 eine grosse Sache? Oder von Chrome 138 auf 139?

    In Bezug auf iPadOS ist bemerkenswert und schade, dass Apple ein viel gewünschtes Feature beharrlich ignoriert: die Möglichkeit, mehrere Benutzerkonten zu verwenden.

  2. Ich finde das Konzept tatsächlich sehr gelungen. Auch das Design gefällt mir sehr. Es wurde sich immer beschwert das Apple nichts Neues bringt, jetzt bringen sie was neues und dann wird sich beschwert das sie was neues bringen?!
    Ist aber natürlich jedem seine Meinung ob es einem gefällt oder nicht.

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