Hinterher sind alle überzeugt, es schon vorher genau gewusst zu haben. Das ist eine wohlbekannte Tatsache, die sogar einen kognitionspsychologischen Namen besitzt: Rückschaufehler oder auf Englisch hindsight bias.
Dieser Mechanismus spielt auch wunderbar in der Tech-Welt. Oder kann sich jemand von euch daran erinnern, dass er oder sie persönlich überzeugt war, das Mobiltelefon sei bloss ein flüchtiger Trend, oder MP3 würde der CD niemals gefährlich werden?
Ich bin in der privilegierten Lage, meine Rückschaufehler im Detail nachvollziehen zu können. Dazu brauche ich bloss ins Archiv zu steigen und meine Prognosen von damals hervorzuziehen. Etwas, das ich in meiner Sommerserie noch so gern tue.
Heute: Wie Matthias fand, Handykameras hätten keine Zukunft.
Diese Behauptung stellte ich vor 22 Jahren, am 15. Juli 2002, auf. Sie findet sich in einem Kommentar unter dem Titel «Ist das Opa oder Oma?».
Hier steht es deutsch und deutlich: «Braucht es diese Kamerahandys? Nein.»

Zu meiner Ehrenrettung könnte ich anführen, dass die Kamerahandys damals eine unausgegorene Sache waren. Wie Wikipedia verrät, war der erste Vertreter dieser Gattung das Kyocera Visual Phone VP-210, das im Mai 1999 in Japan auf den Markt kam. Die Auflösung betrug 0,11 Megapixel, und das Gerät konnte maximal zwanzig Bilder speichern.
In meinem Artikel erwähne ich auch das T68i von Sony Ericsson. Um mit dem zu fotografieren, brauchte es ein optionales Zubehör. Die Communicam war ein aufsteckbares Objektiv, das keinerlei fotografische Kompetenz ausstrahlte.
Bildqualität: fragwürdig
Ein weiterer Vertreter dieser für Europa noch ungewohnten Gerätegattung war das Nokia 7650. Es bot eine Auflösung von maximal 640 auf 480 Pixel, und, wie die abgebildete Aufnahme zeigt, eine mehr als fragwürdige Bildqualität.
Trotzdem: Von einem Tech-Journalisten darf man erwarten, dass er das Potenzial erkennt, selbst wenn sich das noch sehr undeutlich oder überhaupt nicht abzeichnet. Mein vernichtendes Urteil bezog sich damals nicht ausschliesslich auf die Kameras in den Handys, sondern hauptsächlich auf den neu eingeführten MMS-Standard.
Für die, die sich nicht mehr daran erinnern: Das ist eine Weiterentwicklung von SMS, die nicht nur Text, sondern auch Anhänge unterstützt. Man kann bzw. konnte mit ihr Dokumente, Bilder, Diaschauen und selbst Videos verschicken – theoretisch. Praktisch war es so, dass Multimedia-Beigaben selten bis nie in der gewünschten Form ankamen.
MMS, eine Totgeburt

Das lag an Implementierungsproblemen, an inkompatiblen Dateiformaten und an unterschiedlichen Beschränkungen bei der Dateigrösse. Und vor allem lag es daran, dass man als Versenderin oder Versender nicht wusste, ob das Gerät des Empfängers oder der Empfängerin überhaupt in der Lage war, die Botschaft zu empfangen.
Die sicherste Methode war, die Nachricht an eine Mailadresse zu schicken. In meinem Archiv fand ich einige solcher Test-Nachrichten, inklusive Originalfoto. Im Beispiel ein Selfie, auf dem ich knapp zu erkennen bin. Leider habe ich nicht herausgefunden, mit welchem Telefon ich es aufgenommen habe.
MMS war und blieb bis zum Schluss eine höchst unbefriedigende Sache. Den Unzulänglichkeiten zum Trotz haben die Mobilfunkanbieter jede einzelne Nachricht unverfroren mit teils happigen Gebühren verrechnet.
Die Details zum MMS-Start stehen im verlinkten Artikel: Die Grösse eines MMS war auf dreissig Kilobyte beschränkt. Dennoch wollte die Swisscom nach der Einführung pro Nachricht mindestens 80 Rappen kassieren. Und auch wenn wir damals gewohnt waren, von den Telekom-Unternehmen ausgenommen zu werden, war das dennoch dreist, wie ich fand:
Nur weil sich die SMS-Kids noch so gern per Handyrechnung von ihrem Taschengeld trennen, ist das kein Grund, sie mit einer unausgegorenen Technologie zu schröpfen.
Swisscom und Co. muss diese Episode peinlich sein
Ganz im Sinn des Rückschaufehlers können wir festhalten, dass das eine Einladung an die Entwickler von Messengern ist, sich dieses Geschäft unter den Nagel zu reissen. Und dass MMS im letzten Jahr eingestellt wurde, ist kein Grund zur Trauer. Kaum jemand dürfte das überhaupt bemerkt haben.
Also: Fehlprognose, oder nicht? Das Potenzial für den Sofortversand schöner Bilder erkannte ich. Meine Empfehlung damals lautete, dass es nach dem aktuellen Stand der Technik klüger wäre, die Bilder mit einer «richtigen» Digicam zu schiessen und dann per Mobiltelefon zu versenden.
Eine Methode, die Bilder vom ersten Gerät ans zweite zu übertragen, gab es damals nicht. Heute existieren sie, auch wenn sie nicht so komfortabel sind, wie sie sein könnten und müssten. Meine Kritik habe ich an Nikons Smartbridge-App dargelegt, aber es liegt natürlich auch an den Handyherstellern, dass sie sich den externen Geräten nicht gänzlich öffnen.
Eines hatte ich in der Tat nicht auf dem Schirm: nämlich die Tatsache, wie atemberaubend die Entwicklung bei den Handykameras verlaufen würde. Wenn ich meine iPhone-Fotos von vor fünf oder zehn Jahren ansehe, dann finde ich die Qualitätssprünge noch heute fast unglaublich.