Wer hat den Influencer erfunden? Ich wars!

Sommerserie, Teil 2: Beim Blät­tern im Archiv bin ich auf einen Text gestos­sen, über man nur schmun­zeln kann – weil er von einer aus heuti­ger Sicht rühren­den Naivi­tät zeugt.

Manches von den Dingen, die ich vor zwanzig Jahren geschrieben habe, erschliesst sich mir heute nicht mehr so ganz. Zum Glück ist es selten so, dass ich meiner Argumentation nicht folgen könnte oder zum Schluss komme, dass ich etwas Wesentliches übersehen oder nicht verstanden hatte. Aber es kommt vor, dass ich die Relevanz infrage stelle. Wieso habe ich des Themas angenommen? Gab es nichts Wichtigeres?

Diese Frage erinnert mich daran, was es damals alles nicht gegeben hat:  Keine sozialen Medien, keine Smartphones und keine mobilen Apps, kein Streaming, keine Youtuber, keine Influencer und (fast) kein Google. Unser tägliches Brot waren die klassischen Computerthemen Windows und Mac – und zwischendurch in der Tat auch das noch junge und unschuldige Internet.

Ein Beispiel für letzteres ist ein Kommentar, den ich am 2. April 2001 geschrieben habe:

Gefälscht authentisch

Fansites – ja, das war damals tatsächlich ein Ding. Leute haben ihrer Begeisterung für eine Person, ein popkulturelles Phänomen, ein Hobby oder sonst eine obskure Angelegenheit Ausdruck verliehen, indem sie eine Website ins Netz gestellt haben.

Anachronistix lässt grüssen

Aus heutiger Sicht ist das völlig anachronistisch. Heute passieren derlei Online-Huldigungen bei Facebook, indem dort eine Facebook-Gruppe einrichtet.

Über Sinn und Unsinn dieser Gruppen kann man sich streiten: Der Vorteil liegt natürlich im sozialen Aspekt, indem nicht ein einzelner die Sammlung pflegt, sondern eine Community.

Die Nachteile sind jedoch nicht wegzudiskutieren: Facebook ist keine schöne Umgebung für liebevoll gesammelte Inhalte. Die chronologische Darstellung als Timeline ist ungeeignet und darüber hinaus gibt es keine vernünftige Erschliessung der Sammlung. Das führt dazu, dass man schon Tage oder Wochen später tolle Beiträge nicht mehr findet und dass die gleichen alten Kamellen immer und immer wieder gepostet werden (#BlogStattFacebook).

In meinem damaligen Kommentar geht es darum, dass die Betreiber solcher Fanpages fast unweigerlich mit dem Urheberrecht in Konflikt geraten. Dieses Problem kennt auch der Betreiber einer der verbliebenen Fanpages im deutschsprachigen Raum, die noch an jene denkwürdigen Zeiten erinnern. Das ist Marco Mütz, der auf comedix.de seit 1998 (!) den tapferen Galliern rund um Asterix ein Lorbeerkränzchen windet und sich dabei immer wieder unbeugsam gegen die Urheberrechts-Anwälte stellen muss.

Marketing als Graswurzelbewegung

Das zweite Thema im Kommentar ist der Umstand, dass ein Hollywood-Studio eine solche Fansite hat fälschen lassen. Man hat offensichtlich erkannt, dass die Begeisterung eines Fans authentischer wirkt als eine Werbekampagne.

Es ist unverkennbar, dass ich dieses Phänomen seinerzeit nicht ernst genommen habe:

Wieso Profis einsetzen, die Amateur spielen? Bald wird es im Land der unbegrenzten Möglichkeiten käufliche Fans geben, die gegen Bezahlung x-beliebigen Idolen huldigen. Dass die Amis immer alles übertreiben müssen.

Und damit, meine Damen und Herren, habe ich 2001 den Beruf des Influencers vorweggenommen.

Naja, fast. Die Fans huldigen heute gegen Bezahlung natürlich nicht «x-beliebigen Idolen». Nein, sie brechen auf Knopfdruck in Begeisterung über dieses oder jenes Produkt aus und verbreiten sich auf Instagram und Youtube.

Und ja, leider schmälert der ironische Ton meine Prophezeiung entscheidend. Es ist offensichtlich, dass ich mir damals nicht vorstellen konnte, dass das tatsächlich so weit kommen würde – und dass mit der Möglichkeit, sich Likes zu kaufen, auch die damals noch rührend naive Betrugsmethode völlig neue Möglichkeiten der marketingmässigen Manipulation eröffnen würde. Zu meiner Entschuldigung sei gesagt, dass wir uns 2001 noch viele Dinge nicht vorstellen konnten, die dieses Internet uns bescheren würde…

Beitragsbild: Ja, liebe Kinder, es gab einmal eine Zeit, in der es noch keine Influencer gegeben hat (Laura Chouette, Unsplash-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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