Ich war in meinen jungen Jahren ein alter Sexist

In meinem Archiv habe ich einen Text entdeckt, der heute ein Garant für einen Shit­storm wäre. Was beweist, dass die gesell­schaft­liche Entwicklung manchmal noch schneller verläuft als die techno­logische.

Bis jetzt habe ich mich in der Sommerserie als Journalist mit prophetischen Fähigkeiten dargestellt: Ich habe vorausgesagt, wie das Problem mit Napster und der MP3-Piraterie zu bekämpfen wäre und sogar die Influencer habe ich am Horizont auftauchen sehen, als es längst noch kein Insta gab.

Doch heute geht es um eine Leistung, bei der sich mein Stolz in Grenzen hält. Oder, um es etwas weniger verblümt zu sagen: für die ich mich in Grund und Boden schämen sollte. Am 13. September 1999 ist der fragliche Artikel erschienen:

Aufgeschobene Revolution

Es geht um folgenden Texteinstieg: «Sie sind jung, sexy, begehrenswert und haben Formen, die die Herzen von Computerfans zum Schmelzen und die Äuglein zum Glänzen bringen. Alle sind sich einig: Diese Beauties sind eine Sünde wert.»

Boomercringe. Oder: War das damals noch opportun?

Ich vermag nicht mehr zu sagen, ob dieser sexistische Unterton, der aus den 1950er-Jahren stammen könnte, 1999 noch opportun war. Vermutlich war er es. Oder ich habe mich damit herausgeredet, dass es nicht um Frauen ging, sondern um Bildschirme und die Sache ohnehin ironisch gemeint war. Im Artikel ging es nämlich darum, dass die klassischen Röhrenmonitore durch Konkurrenz erfahren.

Ich nehme an, dass derlei Anzüglichkeiten damals niemanden gestört haben – zumindest nicht bei uns auf der Redaktion oder in der Leserschaft, die beide einen massiven Männerüberhang hatten. Jedenfalls finde ich es bemerkenswert, dass es heute ausser Frage steht, dass diese Passage sofort gestrichen würde. Oder wenigstens eine Umformulierung erfahren würde, dass es nicht mehr um Frauen, sondern meinetwegen um die Karosserien flotter Automobile ginge.

Das macht den Text bemerkenswert – trotz der Scham, die mich bei seiner Lektüre ereilt. Er verrät nämlich einiges über den technischen Fortschritt, zumal sich heute niemand mehr vorstellen könnte, dass an seinem Computer ein Bilderzeugungsgerät hängt, das mit einem Elektronenstrahl operiert. Noch viel mehr zeigt es aber den gesellschaftlichen Wandel auf, der in dem Fall noch schneller vonstattenging.

Wir haben dazugelernt

Und nein, ich bedaure nicht, dass ich heute einen Shitstorm gewärtigen müsste, wenn ich mich zu derlei Formulierungen versteigen würde. Im Gegenteil: Ich freue mich, dass es uns heute bewusst ist, dass eine solche Analogie für Männer zwar lustig und harmlos sein mag, auf Frauen aber herabwürdigend wirkt. Das ist Fortschritt, der tatsächlich zählt – während ich zwar auf meinen Flachbildschirm nicht würde verzichten wollen, aber bei dieser Frage auch keine Diskriminierung mit im Spiel ist.

Was den Rest des Textes angeht, gibt es nichts auszusetzen. Ich erkläre die Grundlagen und was beim Umstieg auf den TFT-Bildschirm zu beachten ist. Störend finde ich allerdings, dass ich zwar erwähne, die Flachbildschirme seien für den breiten Einsatz noch zu teuer, aber nirgendwo angebe, wie teuer sie denn im Schnitt waren. Das würde helfen, die Preisentwicklung zu verstehen. Doch diese Frage muss für heute offen bleiben…

Beitragsbild: Und mehr gibt es dazu auch nicht zu sagen (Olia Danilevich, Pexels-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

2 Gedanken zu „Ich war in meinen jungen Jahren ein alter Sexist“

  1. Ich habe das Gefühl, Du bist zu selbstkritisch. Es wäre interessant, den Text Frauen vorzulegen und sie nach ihrer Meinung zu fragen. Ich finde den Einstieg nicht problematisch, da es ganz klar um den Monitor geht und auch kein Schenkelklopfer-Vergleich zur nicht mehr so jungen und schönen Frau in der Küche gezogen wird oder so. Das hättest Du aber auch vor 50 Jahren nicht gemacht.

    Schon früher gab es Männer, die Frauen wertgeschätzt haben und solche, die es nicht taten. Es scheint mir, als wolle man heute seine Tugendhaftigkeit mit „*“ und „:“ speziell betonen. Mein Grossvater hat wohl stets das generische Maskulinum verwendet, aber seine Frau hatte einen Führerschein und ein eigenes Auto. Dafür musste er sich in der Beiz einige Sprüche anhören.

    Ich bin kein Anhänger von „früher war alles besser“, aber auch nicht des Gegenteils, dass der Fortschritt immer in die richtige Richtung ginge und nur Verbesserung bringe. So bin ich froh, dass meine Frau nicht mehr mehrmals täglich gefragt wird, weshalb sie in der IT arbeite. Aber mit Auswüchsen wie dem substantivierten Partizip werde ich mich wohl nie anfreunden können.

    Von daher: Nicht zu absolutistisch sein. Und gerne eine Umfrage unter Frauen machen, wie sie den Text finden. 😉

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