Kalorienzählen lohnt sich nicht, my darling

Die Yazio-App im Test: Mit ihr führt man ein Ernä­hrungs-Tage­buch, zählt Kalo­rien und erfasst Akti­vi­täten oder zieht eine Fasten­kur durch.

Ohne Verzicht? Tatsächlich?

«Erreiche dein Ziel auch ohne Verzicht». Dieses Versprechen gibt mir die Yazio-App beim allerersten Start. Und sie stellt unsere noch frische Beziehung gleich auf die Probe. Denn ich habe meine Zweifel, ob diese Zusage haltbar ist. Schliesslich will Yazio mir beim Fasten und Kalorienzählen helfen. Für viele Leute – mich inklusive – ist Fasten der Inbegriff des Verzichts.

Gut, man kann dagegenhalten, dass man keine Entsagung leistet, wenn man sich umgewöhnt – und statt des Schnitzels mit Pommes mit gleichem Genuss einen mit Hüttenkäse garnierten Gartensalat vertilgt. Man kann das so sehen, aber auch für Schönfärberei halten. Wie man urteilt – man gnadenlos oder auch einmal Fünf geradeseinlässt – ist eine Frage des Charakters.

Was mich angeht: Ich bin ein harter Hund zu mir selbst. Ich bin überzeugt, dass ich am weitesten komme, wenn ich einen klaren, simplen Plan fasse und dann dabei bleibe. Ich bin im August letzten Jahres Vegetarier geworden (eigentlich Pescetarier), und zwar ganz ohne App, Initiationsriten oder sonstigen Begleit-Klimbim. In einem Restaurant entscheide ich mich oft für eines der gesünderen (und auch kalorien-ärmeren) Gerichte auf der Karte. Aber auf die Zählung von Kalorien habe ich keine Lust. Das scheint mir ein zu starres Schema, das auch eine gewisse Lustfeindlichkeit beinhaltet.

Motivation kann leicht in Bevormundung kippen

Ähm, das klingt alles gut.

Aber gut, ich teste Apps nicht nur für mich, sondern auch aus allgemeiner Neugierde. Und ich bin gespannt, wie Yazio an die Sache herangeht. Denn es ist eine Gratwanderung, wenn eine App eine Verhaltensänderung bewirken will – das war auch meine Erkenntnis bei der Less-App (Hold my beer, während ich diese App benutze).

Yazio (für Android und das iPhone/iPad) führt seinen Onboarding-Prozess mit der Frage nach meinem Ziel weiter. Zur Auswahl stehen:

  • Gesünder essen und leben
  • Energie und Stimmung steigern
  • Motiviert und konsequent bleiben
  • Besseres Gefühl zu meinem Körper

Klingt alles gut, aber ist auch wenig konkret. Ich entscheide mich für besseres Gefühl zu meinem Körper. Nun kann ich angeben, was ich tun will: Kalorien zählen, Aktivitäten-Tracking, Gesunde Ernährung, Analysen und Statistiken und Intervallfasten. Ich entscheide mich der Wissenschaft zuliebe für Punkt eins, drei und vier. Die App sagt mir nun, dass ich meine Kalorien im Auge behalten will, wenn ich ein bestimmtes Gewicht erreichen möchte. Klar, denn worüber alle Ernährungsmethoden hinwegtäuschen, ist die Tatsache, dass der Verbrauch in etwa gleich gross wie die Energiezufuhr sein muss, wenn das Gewicht in der Waage bleiben sollte.

Nun werden Alter, Geschlecht, Gewicht, Lebensweise und Ernährungsgewohnheiten abgefragt. Dann macht die App noch einmal ein Versprechen – nämlich, das Altern zu verlangsamen (!!!) –, legt ein Nutzerkonto an und kommt dann aufs Finanzielle zu sprechen. Die App verwendet ein Abomodell. Es werden für sechs Monate 29 Franken, für zwölf Monate 49 Franken und für lebenslänglich 150 Franken fällig.

Und jetzt wäre der Zeitpunkt, ein Abo zu lösen…

Das ist einerseits geschickt: Denn nachdem sich der Nutzer schon etwas mit der App angefreundet hat, ist seine Zahlungsbereitschaft vermutlich grösser. Meine nicht – denn ich noch immer ist mir nicht klar, was die App eigentlich tut und ob sie ihr Geld wert ist. Ausserdem finde ich diese Verschleierungstaktik unsympathisch. Ich würde lieber gleich zu Beginn mit den monetären Tatsachen konfrontiert werden. Also entscheide ich mich für die «eingeschränkte Nutzung mit Werbung» – die entsprechende Option findet sich in Kleinschrift am unteren Ende des Displays.

Das Kalorienzählen ist aufwändig.

Nun kann ich in der App unter Ernährung mein Frühstück, Mittag- und Abendessen, sowie Snacks eintragen. Die App zeigt daraufhin an, wie viele Kalorien das bringt. Sie gibt auch eine Empfehlung ab, wie gross die ideale Kalorienzufuhr wäre.

Das ist einleuchtend, hat aber zwei Probleme: Erstens ist das Erfassen der Lebensmittel mühselig. Wenn ein typisches Frühstück aus einigen Scheiben Brot mit Aufstrich und einem Kaffee besteht, erfasst man – wenn man es genau nehmen will: Brot, Butter, Konfitüre und/oder Honig plus ein Getränk. Das heisst, man tippt mindestens fünf Wörter ein und sucht in der Liste den passenden Eintrag. Das ist aufwändig. Und ich wage mir nicht auszumalen, wie lange ich mit dieser App beschäftigt wäre, nachdem ich am Hotel-Buffet ordentlich zugeschlagen habe.

Wie ungenau ist das denn?

Das zweite Problem: Auch wenn man sich Mühe gibt, alles akkurat einzugeben, bleibt die Befürchtung, dass das Resultat nicht sehr genau sein kann. Denn ob ich eine dicke oder dünne Scheibe Brot abschneide, macht einen Unterschied von plus/minus fünfzig Prozent. Desgleichen beim Bestreichen: Butter und Konfitüre hauchdünn oder fingerdick?

Ich gelange an dieser Stelle zur Erkenntnis, dass sich – für mich – der Aufwand nicht rechnet: Ich müsste erhebliche Zeit und Arbeit in die App stecken und würde mich des Eindrucks nicht erwehren können, dass die Daten so ungenau sind, dass sich keine vernünftigen Erkenntnisse ableiten lassen. Ausserdem fällt mir auf, dass ich mit meinen Probe-Eingaben immer ziemlich nah an den Empfehlungen liege. Wenn ich mich so ernähre, dass es sich gut anfühlt, dann scheint das recht gut zu passen. Darum: keine Kalorienzählerei für mich.

Aber natürlich ist jeder anders gestrickt. Ich bin überzeugt, dass es sich für manche Leute lohnt, die Kalorien im Auge zu behalten. Zumindest dann, wenn sie nicht «vergessen», einige Snacks einzutragen und abends zum Schluss kommen, dass eine halbe Tafel Schokolade als Bettmümpfeli noch locker drinliegt. Denn wenn man sich selbst betrügen will, dann kann man sich diese App hier leicht zum Komplizen machen.

Tagebuch, Rezepte und Timer fürs Intervallfasten

Achtung, fertig, fasten!

Fazit: Die App macht einen durchdachten und funktionalen Eindruck, und sie präsentiert die Daten ansprechend. Man kann auch Aktivitäten (Schritte) und Wasserkonsum erfassen, Notizen hinzufügen und Informationen abrufen. Nebst der Rubrik Tagebuch – in der man als Neuling mit der App startet –, gibt es auch Rezepte für die kalorienbewusste Ernährung, auch sortiert nach Kategorien wie Vegan, High Protein, Low Carb, Low Fat und zuckerfrei.

Und in der Rubrik Fasten gibt es einen Timer fürs Intervallfasten (bei Wikipedia Intermittierendes Fasten genannt). Das werde ich vielleicht einmal ausprobieren – abgesehen davon, dass ich im Homeoffice das Essen so häufig vergesse, dass ich gewissermassen unabsichtlich des Öfteren intervallfaste…

Beitragsbild: Ausgezeichnet, bald passen die Skinny-Jeans (Andres Ayrton, Pexels-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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