Eigentlich passt sie nicht zu mir – ausser vom Gefühl her

Sind klassischen Modellen nachempfundene Kameras nur der Versuch, auf der Retro-Welle zu reiten – oder steckt mehr dahinter? Ich hatte die Nikon Z fc in den Fingern und verstehe die Faszination.

Ich habe derzeit das Vergnügen, eine Nikon Z fc zu testen. Das ist eine Systemkamera mit APS-C-Sensor, die das Z-Bajonett benutzt, 20,9 Megapixel aufweist, in 4k filmt, im Serienmodus elf Bilder pro Sekunde aufnimmt, ein ausklapp- und drehbares Display hat und mit WLAN und Bluetooth ausgestattet ist. Sie kostet derzeit reduzierte 949 Euro bei Amazon, inklusive Kit-Objektiv.

So weit, so normal. Was diese Kamera speziell macht, ist ihr Design. Sie hat keinen Griffwulst an der rechten Seite und kein rotes Dreieck unterhalb des Auslösers – beides übrigens Attribute, die von Designer Giorgetto Giugiaro stammen, 198o mit der F3 eingeführt wurden und sich seitdem zwar verändert, aber trotzdem zu den ikonischen Erkennungsmerkmalen von Nikons Spiegelreflex- und Systemkameras gehören.

Die Z fc macht Anleihen bei einem Kameramodell, dass ebenfalls in den 1980er-Jahre auf den Markt kam, aber sich optisch von der F3 unterschied: Es ist die Nikon FM2, die von 1982 bis 2001 hergestellt wurde und als überaus robust und zuverlässig gilt.

Das ist das Original: Die Nikon FM2 mit Titangehäuse (The FM2/T titanium version von Édouard Hue, CC BY-SA 3.0).

Wikipedia schreibt zu ihr und den damaligen Einflüssen im Markt:

Die 1970er- und 1980er-Jahre waren eine Zeit des intensiven Wettbewerbs zwischen den grossen Spiegelreflexmarken: Nikon, Canon, Minolta, Pentax und Olympus. Zwischen etwa 1975 und 1985 gab es einen dramatischen Wandel weg von den schweren, manuellen Metallgehäusen hin zu viel kompakteren Gehäusen mit integrierten Schaltkreisen (IC) und elektronischer Automatisierung. Ausserdem überboten sich die Hersteller aufgrund der rasanten Fortschritte in der Elektronik gegenseitig mit Modellen, die neue oder mehr automatische Funktionen aufwiesen. Sie versuchten, vom professionellen und semiprofessionellen High-End-Markt auf den wachsenden Verbrauchermarkt zu expandieren.

Die FM2 war als mechanische Kamera schon damals ein kleiner Anachronismus.

Nostalgische Schwelgerei – oder mehr?

Trotzdem – oder erst recht – versteht man augenblicklich, weswegen Nikon die Z fc lanciert hat:

Die Kamera passt zum anhaltenden Retrotrend und dürfte manchen langjährigen Nikon-Anwender in eine nostalgische Schwelgerei versetzen, selbst wenn sich die Technik im Inneren auf der Höhe der digitalen Zeit bewegt. Aber auch bei Nikon wird es noch viele Mitarbeiter geben, die mit warmen Gefühlen an jene Zeit zurückdenken, als die Konkurrenten Canon, Minolta, Pentax und Olympus hiessen und nicht Apple, Samsung, Hawei und Oppo.

Ich werde die Nikon Z fc an anderer Stelle ausführlich besprechen. Hier erlaube ich mir, meine persönlichen Eindrücke zu dieser Kamera festzuhalten.

Ich habe keine eigenen Erinnerungen an die Nikon FM2. Ich habe in den 1980er-Jahren zwar schon mit Spiegelreflex-Kameras fotografiert, aber nicht mit Nikon-Modellen. Welche Kameras das waren, bringe ich nicht mehr zusammen; würde aber auf Pentax oder allenfalls Olympus tippen.

Sie fühlt sich für mich richtig an

Darum bin ich im Grund die falsche Testperson: Ich kann nicht beurteilen, ob sich diese digitale Reinkarnation richtig oder falsch anfühlt. Wenn ich die Augen schliesse, liegt sie jedenfalls in der Hand wie eine analoge Kamera, auch wenn ich das Gefühl habe, sie sei ein wenig zu leicht. Wikipedia bestätigt das: Die FM2 war gemäss dem Lexikon 540 Gramm schwer, das Gehäuse der Z fc kommt auf 390 Gramm – und natürlich haben auch die Objektive in den letzten Jahren an Gewicht verloren.

Auf alle Fälle liegt sie gut in der Hand, mit der deutlich geriffelten Oberfläche des Bodys und dem metallischen oberen Gehäuseteil. Und sosehr ich auch den Griffwulst der neuen Nikon-Modelle schätze, wirkt das ältere Design weniger bullig und geradezu filigran. Das könnte man für eine Nebensächlichkeit halten. Aber ich habe den Eindruck, dass es auch ein anderes Verständnis gegenüber der Fotografie ausdrückt.

Die Nikon D700 und Z fc daneben. Das Design hat an Aggressivität zugelegt.

Die moderneren Modelle strahlen mehr Aggressivität aus. Es ist nicht so schlimm wie beim Design der Autos, das über die Jahre immer offensiver geworden ist. Aber auch bei den modernen Kameras könnte man das Gefühl bekommen, dass die der Welt die Aufnahmen abtrotzen wollen, während man eine Nikon FM2 sich gut in der Hand eines unaufdringlichen Beobachters vorstellen kann, der sich gerne etwas im Hintergrund hält.

Eine Verbeugung vor der Vergangenheit

Fazit: Ich neige dazu, die technischen Merkmale über das Design zu stellen. Nichtsdestotrotz hat es mir die Z fc angetan. Sie spricht mich auf eine Weise an, die ich selbst nicht ganz verstehe. Neige ich hier dazu, wider besseres Wissen die gute alte Zeit heraufbeschwören zu wollen? Oder gefällt es mir, dass ein Konzern nicht immer nur nach vorne schaut, sondern sich seiner Vergangenheit erinnert und sich sogar zu einer kleinen Verbeugung gegenüber der eigenen Produkthistorie hinreissen lässt?

Ich glaube, es ist beides. Manchmal stört es mich in der Tat, dass die Tech-Konzerne mit jedem neuen Produkt so tun, als sei alles bisher Dagewesene völliger Schrott und kaum mehr brauchbar. Im Vergleich dazu ist Nikons Ansatz charmanter – selbst wenn er natürlich auch das Ziel verfolgt, den Absatz anzukurbeln.

Fazit: Die Versuchung zu einer Neuanschaffung ist bei der Z fc deutlich grösser als bei der Z5 (Das ist die Kamera, die ich heute nicht gekauft habe) – und das, obwohl ich derzeit nur eine Kamera mit Vollformat-Sensor würde kaufen wollen, um meine D7000 abzulösen.

Die Drehrädchen für Belichtung und ISO-Zahl, plus ein kleines LCD-Display für die Blende.
Die modernen Bedienelemente im Vegleich zu den Retro-Rädchen.

Als Reminiszenz an die FM2 hat die Z fc Drehräder für die ISO-Zahl und die Belichtungskorrektur. Das ist charmant, aber wirklich benötigen würde ich die nicht: Dafür arbeite ich zu oft im P-Modus – und selbst bei A, S oder M bin ich mit den Multifunktionsrädchen an sich besser bedient. Die kann man auch blind bedienen, während das bei den dedizierten Rädchen nicht so einfach geht.

Das Display ist erst einmal versteckt

Ich kann und werde es aber niemandem übel nehmen, der sich über derlei Bedenken hinwegsetzt und die Kamera kauft, obwohl die modernen Bedienelemente für die digitale Fotografie besser geeignet sind. Aber um es noch deutlich zu schreiben: Die Z fc ist den heutigen Anforderungen gewachsen, ohne dass man besondere Kompromisse eingehen müsste.

Noch näher am Original ist die Nikon Z fc mit umgedrehtem Display. (Zugegeben, hier müsste es eine Klappe für den Film geben.)

Ein Detail hat mir übrigens besonders gut gefallen: Wenn man die Kamera aus der Verpackung nimmt, ist das (dreh und schwenkbare) Display gegen die Rückseite des Bodys geklappt und unsichtbar. Denn ein grosses Display ist definitiv etwas, das es bei der FM2 nicht gegeben hat.

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

2 Gedanken zu „Eigentlich passt sie nicht zu mir – ausser vom Gefühl her“

  1. Die Nostalgie zieht auch bei mir: eigentlich bin ich mit meiner modernen Canon EOS 6D zufrieden, aber trotzdem bleibe ich eine Weile stehen, wenn ich in einem Fotogeschäft eine Hasselblad oder Leica im Schaufenster sehe.

    Mit einer geliehenen Hasselblad mit digitalem Rückteil (anno 2006, 39 MP, fast 1000 Fr. pro MP) habe ich die ersten richtig scharfen Digitalaufnahmen gemacht und Leica löst schon vom Logo her einen „Top-Qualität, will haben“-Effekt aus.

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