Spotify hasst alle DJs

Früher konnte man in DJ-Apps auch Musik von Spotify verwenden. Das geht nicht mehr. Taugt Tidal als Ersatz?

In letzter Zeit frage ich mich immer häufiger, ob Spotify noch ein sympathisches Unternehmen ist. Wir haben darüber im Nerdfunk gesprochen, als es um die Veränderungen ging, die das Streaming in den letzten gut zehn Jahren bei unseren Musikgewohnheiten herbeigeführt hat. Die Frage «noch gut oder schon evil» ist auch aufgetaucht, als ich aufgezeigt habe, mit welchen Mitteln Spotify das Podcast-Geschäft vereinnahmen will (siehe hier und hier mit Bezahlschranke).

Als ob das nicht genug wäre, hat Spotify eine überaus nützliche Funktion gekillt: Dritt-Apps dürfen seit letztem Jahr nicht mehr auf das Spotify-Katalog zugreifen. Es ist nicht mehr möglich, mit einer DJ-App Musikstücke via Streaming ins Programm einfliessen zu lassen. Ich habe das während meiner Karriere als Morgenmoderator bei Radio Stadtfilter oft und gern getan; und zwar mit der hier vorgestellten Pacemaker-App.

Djay, Edjing Mix, Traktor DJ und Tap DJ – nicht alle taugen fürs Streaming

Es stellt sich die Frage: Gibt es denn Ausweichmöglichkeiten? Kann man statt Spotify zum Beispiel Apple Music, Tidal oder Deezer nutzen?

Ich habe die Probe aufs Exempel gemacht: Erstens mit der hier kurz vorgestellten Djay-App, die es fürs iPhone, iPad und für Android gibt.

Sie hält nebst der eigenen Bibliothek und der Musik-App auch Tidal, Soundcloud, Beatport und Beatsorce bereit. Die beiden letzteren sind auf Tanzmusik spezialisierte Streamingdienste.

Die DJ-App hält immerhin Tidal die Stange. (Oder umgekehrt.)

Zweitens habe ich Edjing Mix unter die Lupe genommen. Dia Aop ist für Android und fürs iPhone und iPad verfügbar. Sie hält erstens eigene Tracks bereit, die man gut finden kann oder auch nicht. Neben der Mediathek der Musik-App steht nur Soundcloud zur Verfügung, kein Tidal. Nebenbei kann man auch Google Drive, Dropbox und iCloud Drive einsetzen, wenn man seine Musik dort deponieren mag.

Die Quellen in Edjing Mix: Wer mag, kann Dropbox und Google Drive benutzen, doch in Sachen Streaming gibt es nur Soundcloud.

Abschliessend habe ich auch Traktor DJ (fürs iPhone und iPad) und Tap DJ (fürs iPhone, im Beitrag Aw-yeah! ausführlich besprochen) einer Examination unterzogen. Beide Apps machen einen sehr angestaubten Eindruck und scheinen mir nicht mehr auf der Höhe der Zeit zu sein. Zugriff auf Tidal oder einen anderen universellen Streamingdienst gibt es weder bei der einen noch der anderen App. Tap DJ listet zwar Soundcloud unter den Musikquellen auf, bleibt aber schon beim Zugriff auf die lokale Mediathek hängen.

Tidal hilft aus der Patsche

Für DJs drängt sich Tidal als Spotify-Ersatz auf: Für 10 US-Dollar pro Monat hat man in der DJ-App einen riesigen Musikkatalog zur Verfügung. Gemäss diesem Beitrag soll er mit sechzig Millionen Titeln sogar noch grösser sein als der von Spotify. Zwar unbefriedigend, wenn man bereits für Spotify zahlt – aber immerhin wird man nicht wieder ins Zeitalter der Offline-Musik zurückkatapultiert.

Ich habe keinen Tidal-Account, darum wollte ich die Streamingfunktion mittels Soundcloud ausprobieren. Dort gibt es zwar kein so breites, universelles Angebot, sondern vor allem alternative Musik. Aber für einen Test sollte das reichen – und schliesslich habe ich bei Soundcloud nach wie vor einen Pro-Unlimited-Account.

Randbemerkung: Den habe ich damals eingerichtet, um meine Verschwörungstheorie der Woche unterzubringen. Von der habe ich um die 120 Folgen veröffentlicht, weswegen ich zum teuren, unlimitierten Abo greifen musste. Ob das damals eine sonderlich gute Entscheidung war, kann man aus heutiger Sicht bezweifeln. Allerdings hatte mein schon arg in die Jahre geratener Podcast in der letzten Zeit noch immer Tausende von Abrufen, weswegen ich es noch nicht übers Herz gebracht habe, dieses Abo zu kündigen. Randbemerkung Ende.

Soundcloud will gleich doppelt kassieren

Nun musste ich feststellen, dass mein Soundcloud-Account nicht für die Nutzung in Djay qualifziert. Man müsse einen Soundcloud-Go+-Account haben, beschied mir die App. Dieser Account ist für die Konsumenten und erlaubt es, Musik ohne Werbeunterbrechungen und offline zu konsumieren. Er kostet 7 Franken pro Monat und man würde meinen, dass man als Nutzer des teureren Creator-Abos diese Funktionen ebenfalls zur Verfügung hätte. Denn wenn eines klar ist, dann, dass ich sicher nicht nochmals ein zusätzliches Soundcloud-Abo abschliessen werde.

Fazit: Das ist alles reichlich unbefriedigend. So verlockend die schöne neue Musikwelt mit dem Streaming auch ist; für den selbstbestimmten Musikkonsum ist das ein gewaltiger Rückschritt. Es ist mir schon klar, dass sich die Streaminganbieter wünschen würden, dass die Abonnenten ihre eigene App benutzen würden. Aber da diese Apps zwangsläufig nicht alle Bedürfnisse befriedigen, würde eine Integration in Dritt-Apps zum guten Ton gehören. Und wenn Streaminganbieter wie Spotify nicht gewillt sind, diesen Zugang von sich aus zu gewähren, dann sollten sie rechtlich dazu gezwungen werden.

Beitragsbild: Spotify hasst auch ihn (Alfonso Scarpa, Unsplash-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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