Das mit Iina ist mehr als nur ein Techtelmechtel

Iina ist eine aufgeräumte Mac-Wiedergabesoftware, die alle möglichen Formate abspielt, für Youtube benutzt werden kann und beim Funktionsumfang fast an VLC herankommt.

Ich bin ein grosser Fan von VLC. Das sieht man daran, dass ich dieser Medien-Wiedergabesoftware hier im Blog ein Schlüsselwort zugestanden habe: Diese Ehre wird nicht jeder popeligen Software zuteil.

Doch sosehr ich VLC schätze: Ich bin nicht mit dieser Software verheiratet und ihr nicht zur Treue verpflichtet. Ich lasse auch andere Programme an meine Multimediadateien. Am Mac polygamiere ich mit Iina.

Und ja, es ist nicht zu leugnen, dass diese Dreiecksbeziehung dem Umstand geschuldet ist, der VideoLAN Client inzwischen 25 Jahre alt ist. In Internetjahren bedeutet das, dass Methusalix im Vergleich wie ein Springinsfeld ausschaut. Und auch wenn VLC über die Jahre fleissig weiterentwickelt worden ist, so ist die Benutzerschnittstelle nicht mehr auf der Höhe der Zeit und das grosse Manko des Programms.

Gefällig, ordentlich und schön anzusehen

VLC – auch nicht mehr so hässlich wie früher, aber trotzdem optisch nicht mehr ganz so frisch.

Diese Schwäche nutzt Iina denn auch schamlos aus und kokettiert damit, der «moderne Mediaplayer für Mac» zu sein, wie es auf der Website heisst. Aber es ist nicht nur ein Versprechen, sondern auch der grosse Vorteil dieses mit Apples Swift-Programmiersprache entwickelten App: Sie hat eine aufgeräumte, übersichtliche Oberfläche und ist eine gefällige Erscheinung, wie es sich für ein modernes Programm gehört.

Denn ein Gebot für Software auf der Höhe der Zeit ist Understatement: Man protzt nicht mit unzähligen Knöpfen, Menüs und Symbolleisten, wie das in den 1990ern Usus war. Man hält sich dezent zurück und macht es dem Nutzer aber einfach, die ausgeklügelten Funktionen zu nutzen  – wenn er sie denn braucht.

Iina ist auf den ersten Blick QuickTime zum Verwechseln ähnlich.

Und genau das tut Iina: Der Mediaplayer zeigt ein simples Fenster, über das man eine lokale Datei oder eine Quelle im Internet öffnet. Während der Wiedergabe sieht man nichts ausser das Video.

Ein harmonisches Benutzererlebnis

Wenn man den Mauszeiger übers Fenster bewegt, erscheint ein Overlay mit den Steuerungselementen für Lautstärke, Start und Pause und den Knopf für Vor und Zurück. Positioniert man den Mauszeiger auf dem Fortschrittsbalken, sieht man eine Vorschau der korrespondierenden Position im Video.

Nettes Detail am Rand: Iina macht auch von der Touchbar Gebrauch. Über den Control-Strip kann man auch zur Positionsanzeige und den Steuerknöpfen wechseln, wenn das Programm im Hintergrund läuft.

Abspielen kann man mit Iina annähernd alle Videoformate – so heisst es zumindest auf der Website. Die Begründung für diese Behauptung ist allerdings einleuchtend: Der Player basiert auf Mpv, einem Player mit Wurzeln bei MPlayer, mplayer2 und FFmpeg. Das sind traditionell die Programme, mit denen man den allermeisten Formaten und Codecs Herr werden konnte – selbst wenn Quicktime oder andere Wiedergabeprogramme die Waffen strecken mussten.

Iina spielt auch Youtube-Videos, theoretisch

Iina spielt nicht nur lokale Dateien, sondern auch Videos übers Netzwerk. Youtube wird via Youtube-dl unterstützt, sodass man eigentlich nur den Menübefehl Ablage > Adresse in neuem Fenster betätigen und die Adresse eines Videos angeben müsste, damit es abgespielt wird. Bei meinem Test hat das jedoch nicht geklappt. Wie sich das beheben lässt, muss ich noch herausfinden.

Also, obwohl die Oberfläche keinerlei Anstalten macht, einen riesigen Funktionsumfang zur Schau zu stellen, hat die Software alles, was man braucht. Diese Extrafunktionen stecken in drei Knöpfen am rechten Rand des Steuerpanels – wobei sie, wie am Mac üblich,  auch über die Menüleiste zugänglich sind.

Drei kleine Knöpfe mit grosser Wirkung

Diese drei Knöpfe tun nun Folgendes:

1) Bild-im-Bild

Der erste startet die Bild-im-Bild-Funktion: Das heisst, das Video wird ausgeklinkt und erscheint in einem eigenen Fenster, das immer im Vordergrund und sichtbar bleibt, wenn man in anderen Anwendungen arbeitet. Dass ich die Bezeichnung nicht sinnvoll finde, habe ich seinerzeit im Beitrag Trick 17 für Webvideos zur Bild-in-Bild-Funktion von Firefox erklärt.

2) Wiedergabelisten und Kapitel

Der zweite Knopf öffnet am rechten Rand eine Leiste für die Wiedergabeliste bzw. bei einem Medium mit unterteilten Inhalten die Kapitel. Hat man keine eigene Wiedergabeliste geladen, erscheinen die Multimedia-Dateien, die sich im  gleichen Ordner wie der gerade geöffnete Clip befinden.

3) Einstellungspanel

Der dritte Knopf führt zum sogenannten Einstellungspanel. Das hält die drei Rubriken Video, Audio und Untertitel bereit.

Und es lässt keine Wünsche offen: Man kann sein Video auf ein bestimmtes Seitenformat skalieren oder beschneiden. Man darf das Video drehen, die Wiedergabegeschwindigkeit anpassen und Kontrast, Helligkeit und Farben verändern.

Das Einstellungspanelmit den Optionen zur Videowiedergabe.

Im Audiobereich gibt es einen Equalizer, eine Auswahl der Audiospuren und eine Möglichkeit, Audioversatz zu korrigieren. Bei den Untertiteln wählt man vorhandene Untertitel aus oder fügt eine externe Untertiteldatei hinzu oder sucht online nach passenden Untertiteln, steuert Grösse und Darstellung und kann auch einen Versatz korrigieren.

Fazit: Iina ist eine unbedingte Empfehlung. Das Programm spielt übrigens auch Musik ab, wobei im Musikmodus im Fenster das Cover des Musikstücks erscheint und die Steuerelemente immer sichtbar sind. Mir scheint ein dedizierter Musikplayer trotzdem eine gute Wahl – aber es kann ja Situationen geben, in denen man in seine Video-Wiedergabeliste auch ein paar Songs packen möchte.

Es lohnt sich auch, einen Blick in die Menüs zu werfen: Dort gibt es weitere Befehle, die man über die Oberfläche nicht findet, zum Beispiel die Möglichkeit, ein Standbild aus dem Video zu speichern (Wiedergabe > Bildschirmfoto aufnehmen).

Das Open-Source-Programm ist in kompilierter Form kostenlos unter iina.io erhältlich, die Quellen gibt es auf Github.

Beitragsbild: Ob das nun Iina ist, kann ich auch nicht so genau sagen (Cottonbro, Pexels-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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