Die Illusion von Offenheit bei Android

Es gibt ein paar Dinge, denen man ab und zu begegnet – und bei denen man sich jedes Mal vornimmt, sich mal genauer damit zu beschäftigen. Irgendwann – wenn man mal Zeit hat. Ein solches Ding ist, in meinem beruflichen Leben, die Open Handset Alliance. Und heute habe ich Zeit, mich damit zu beschäftigen.

Der Ausgangspunkt: Ich weiss natürlich das, was bei Wikipedia steht: Es ist eine Organisation, die irgend etwas mit Googles Handy-Betriebssystem Android zu tun hat. Auf dem Papier ist es eine sehr eindrückliche Organisation: 84 Unternehmen aus der ganzen Tech-Branche haben sich zusammengeschlossen: Telkos, Gerätehersteller, Softwareunternehmen – sogar Noser Engineering findet man auf der Liste. Das ist das Unternehmen von Ruedi Noser, einem der beiden Zürcher Ständeräte.

Die Open Handset Alliance, oder kurz OHA, hat eine Website, die für ein Tech-Konsortium aber einen sehr angestaubten Eindruck hinterlässt – ebenso, wie die News-Sektion, wo der neueste Eintrag vom 18. Juli 2011 datiert. Auf dieser Website liest man ein flammendes Bekenntnis zur Offenheit:

Each member of the Open Handset Alliance is strongly committed to greater openness in the mobile ecosystem. Increased openness will enable everyone in our industry to innovate more rapidly and respond better to consumers’ demands.

Offenheit als Schlüssel zum Glück von uns allen, die wir mobile Geräte verwenden. Doch was tut die eigentlich, diese  Open Handset Alliance?

Irgendwie, so scheint es, nicht sehr viel. Googelt man nach Nachrichten zur OHA, wird die Organisation vor allem im historischen Zusammenhang erwähnt. Hier zum Beispiel in einem Artikel zur Geschichte von Android. Das Betriebssystem reicht inzwischen ungefähr 16 Jahre zurück. Aber richtig in Fahrt gekommen ist es mit der Lancierung des iPhones vor zehn Jahren:

Auch die Übernahme durch Google im Sommer 2005 brachte noch keinen rechten Schwung in die Angelegenheit. Das änderte sich allerdings rasch, als Google im November 2007 bekannt gab, mit 33 weiteren Teilnehmern die Open-Handset-Alliance gegründet zu haben, um ein kostenloses Mobil-Betriebssystem namens Android zu entwickeln. Wie der Zufall es wollte, fiel die Ankündigung in etwa mit der Vorstellung des ersten iPhones der Firma Apple zusammen.

Bis zu diesem Zeitpunkt gab es eine Reihe konkurrierender Systeme, allen voran Symbian OS, die teils horrende Lizenzgebühren von Handy-Herstellern einforderten, sodass diese sich fast schon gezwungen sahen, eigene Alternativen zu entwickeln. Das sollte sich mit der Open-Handset-Alliance maßgeblich ändern, denn die hatte versprochen, das System kostenlos an interessierte Hersteller abzugeben.

Das tut die OHA auch: Es gibt auf der Website zwei Knöpfe, über die man die Programmierwerkzeuge (SDK) und die Quellen herunterladen kann. Beide Links führen zu android.com: Nämlich hierhin fürs SDK und dahin für die Quellen. Android.com ist natürlich eine Website von Google.

An dieser Stelle verdichtet sich die Gewissheit, dass die Open Handset Alliance selbst gar nichts tut. Ihre Existenz ist der eigentliche Zweck. Sie ist ein vertraglich formalisiertes Bekenntnis zu Android. Mit der Mitgliedschaft in diesem Konsortium stellen sich die Exponenten der Branche hinter Googles Betriebssystem. Mehr nicht – aber auch nicht weniger.

Die Unternehmen bekennen sich nämlich auch dazu, Android im Sinn von Google zu verwenden. Im bereits erwähnten Wikipedia-Artikel zur OHA heisst es schon ganz zu Beginn:

Mitgliedern des Konsortiums ist es nicht gestattet, Geräte herzustellen, die eine zu Android inkompatible Version der Software nutzen.

Das ist bemerkenswert und hat natürlich damit zu tun, dass Android im Kern ein Open-Source-System ist. Das bedeutet eigentlich, dass jeder Hersteller mit dem Sourcecode tun und lassen könnte, was ihm passt. Doch mit der Open Handset Alliance sorgt Google dafür, dass genau das nicht passiert und Android nur im Sinn von Google benutzt wird.

Das ist ziemlich geschickt, finde ich. Open-Source – aber ohne die unerfreuliche Möglichkeit, dass die quelloffene Software plötzlich einem unerwünschten Konkurrenten dazu dient, gross und gefährlich zu werden. Offen – aber nicht allzu sehr. Im Beitrag Google’s iron grip on Android: Controlling open source by any means necessary hat Arstechnica das 2018 wie folgt auf den Punkt gebracht:

Google has always given itself some protection against alternative versions of Android.

Google hat sich selbst vor alternativen Versionen von Android geschützt. Es wird dann erklärt, dass es einerseits den offenen Teil von Android gibt, der zum Android Open Source Project (AOSP). Er ist unter besagter Adresse android.com zu finden. Der andere Teil umfasst die nicht-quelloffenen Elemente, namentlich all die Google-Apps für Android.

Bei der Ausbalancierung dieser beiden Bereiche agiert Google geschickt und im eigenen Interesse:

While Google will never go the entire way and completely close Android, the company seems to be doing everything it can to give itself leverage over the existing open source project. And the company’s main method here is to bring more and more apps under the closed source “Google” umbrella.

Google würde aus Android niemals eine proprietäre Software machen. Doch das Unternehmen schindet Vorteile gegenüber dem Open-Source-Projekt heraus. Die Hauptmethode ist, immer mehr Apps unter dem Closed-Source-Dach zu versammeln. Einleuchtend – und von machiavellistischer Genialität.

Aber vielleicht doch nicht genial genug. Die EU-Wettbewerbskommission hat 2018 bekanntlich eine Rekordbusse von 4,3 Milliarden Euro verhängt, weil Google die Hersteller dazu verpflichtet hat, die Google-Apps als Bundle auf ihren Geräten vorzuinstallieren. Im Artikel des «Spiegel» ist auch von einer «Antifragmentierungsvereinbarung» die Rede:

Sie sieht vor, dass Anbieter von Geräten mit Google-Diensten nicht gleichzeitig auch Smartphones mit abgewandelten Android-Versionen verkaufen können. [Wettbewerbskommissarin Margrethe] Vestagers Beispiel zu diesem Kritikpunkt: Vor einigen Jahren habe Amazon sein abgewandeltes Android-System FireOS auch anderen Herstellern anbieten wollen. Sie seien interessiert gewesen – aber hätten FireOS nicht nutzen können, weil sie danach keine Geräte mit Google-Diensten mehr hätten anbieten können.

Das ist meiner bescheidenen Meinung ein diametraler Widerspruch zur Idee, die hinter der offenen und freien Software steckt. Und ich wundere mich auch ein bisschen, dass sich die vielen Unternehmen in der Open Handset Alliance von Google vor sich hertreiben lassen. Darum ein Vorschlag: Wie wäre es mit einer etwas aktivere Rolle in dieser Allianz?

Beitragsbild: Unten offen, oben zu (Deepanker Verma/Pexels, Pexels-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

7 Gedanken zu „Die Illusion von Offenheit bei Android“

  1. Das Hauptproblem ist, dass wir uns zu sehr von Google abhängig gemacht haben. Android ist Open Source, aber der durchschnittliche Konsument will zwingend die Google Apps. Das hat man beim Drama um das Huawei Mate 30 gesehen. Jeder Medienbericht lautete zusammengefasst „tolles Gerät, aber Achtung, nicht benutzbar“.

    Ähnlich ist es bei Apple: deren Betriebssystem Darwin ist ebenfalls Open Source, aber die gesamte Oberfläche, die daraus ein Mac OS oder iOS macht, ist es nicht. (Wobei Apple im Gegenzug zu Google nicht bei jeder Gelegenheit mit ihrer vermeintlichen Offenheit angibt.)

    Ich sehe momentan keine Lösung für dieses Problem. Zu gross ist die Kommerzialisierung. Google Maps & Co. könnte man ersetzen, aber ohne die Google Mobile Services können Apps keine In-App-Käufe anbieten. Schon das verhindert alternative Stores. Da müsste eine offene Organisation als Zahlungsdienstleister einspringen.

    Es gibt aber zum Glück (zumindest aktuell noch) die Google Apps und Mobile Services zum nachinstallieren. Man kann ein offenes Android nehmen und die Apps installieren. So ist man recht nahe an einem offenen System. (Dank dieser Offenheit läuft mein altes Galaxy S5 mit Android 10.)

    1. Das ist ein guter Punkt; und die Bündelung der Google-Apps ist eine weitere Zutat bei Googles Erfolgsrezept, mit dem Android so erfolgreich wurde. Ich stecke in einem gewissen Dilemma, weil ich die Fragmentierung in der Linux-Welt als Nachteil erachte – es ist für durchschnittliche Anwender schwierig bis unmöglich, die richtige Distribution auszuwählen. Da hat es auch eine gute Seite, wenn Google quasi den Kanon bestimmt. Für die Konsumenten und Nutzer wäre es aber sicherlich besser, wenn die Hersteller freier wären und ich wählen dürfte, ob ich Samsungs Galaxy irgendwas mit Android oder mit Fire OS haben will.

      Und ja, Mac OS und iOS wären ohne offene Software nicht denkbar. Auch Apple setzt seine Systeme aus Open-Source- und Closed-Source-Komponenten zusammen. Aber Apple agiert nur für sich und versammelt nicht die halbe Branche um sich, mit hehren Versprechen von Offenheit und Gemeinwohl.

      Ich sehe auch keine Lösung für das Problem. Ausser, dass Android irgendwann seinen Zenit überschritten hat und etwas Modernerem weichen muss. Google bastelt bekanntlich an diesem ominösen Fuchsia. Ich nehme an, das wird ohne Wenn und Aber ein Google-Produkt sein – und dann auch die Hersteller dazu zwingen, Farbe zu bekennen.

  2. Guter Artikel. Die Domminanz von Google ist in der Tat ein Problem, das ich die letzten Tage gerade selber relativ „qualvoll“ erleben durfte, um meine „freien“ Smartphones auf den aktuellen Stand zu bringen.

    Immerhin kann dem angefügt werden, dass es erstmalig seit Jahren über https://e.foundation möglich ist, offene Smartphones überhaupt zu erwerben. Dies ist schon mal ein Fortschritt. Wer mag, darf auch meinen längeren Artikel dazu lesen: http://archivista.ch/cms/de/aktuell-blog/frei-mit-android/

    Aber, und hier bin ich mit Matthias Schüssler nicht ganz einverstanden, die Problematik besteht leider bei Apple noch weit grösser, da es dort faktisch gar keine Möglichkeit gibt, eine andere Software als iOS aufzuspielen. Auch ist Darwin keine Open Source, denn bei der BSD-Lizenz ist der Code zwar offen. Nur kann bei der BSD-Lizenz jederzeit wieder eine andere Lizenz (inkl. Cloused Source) entstehen. Nur so kann iOS überhaupt derart „vernagelt“ werden.

    Die Open Source Lizenz bei AOSP garantiert zumindest, dass es faktisch für Google nicht machbar ist, daraus ein absolut geschlossenes System zu machen. Dies heisst nun nicht, dass dies für einen funktionierenden Markt reicht. Faktsich entsprechen die GApps einem Quasi-Monopol unter Android. Immerhin aber gibt es mit MicroG (bei /e/ enthalten) die Möglichkeit, anstelle der GApps eben MicroG einzusetzen.

    All diese Möglichkeiten gibt es bei Apple indes gar nicht. Auch finde ich kein Wort dazu, dass es aktuell einen Prozess um die Frage gibt, ob Apple mit dem absolut geschlossenen Store bzw. den 70% Zwangsabgabe an Apple den Markt im Sinne des Konsumentenrechts nicht doch sehr behindert, siehe dazu https://winfuture.de/news,95785.html

    Und doch würde ich hier anfügen wollen, danke für den Beitrag!

    1. Der Einwand zu Apple stimmt. Aber Apple behauptet nicht, offen zu sein. Es gibt kein Konsortium à la Open Handset Alliance, und auch wenn iOS und Mac OS auf dem offenen Darwin-System basieren, macht Apple keinen Hehl daraus, dass Hard- und Software aus einer Hand kommen und nicht austauschbar sind. Das kann man gut oder schlecht finden – aber ich halte Apples Haltung für völlig legitim, die natürlich Nachteile, aber auch einige unbestreitbare Vorteile hat; z.B., dass Hard- und Software meist ausgezeichnet harmonieren.

      Mit anderen Worten: Der Vergleich von Android und Apple bringt nicht viel. Ich würde eher mit Windows vergleichen, da es für die PC-Welt ebenfalls typisch ist, dass Hard- und Software von getrennten Herstellern kommen (die Surface-Modelle einmal ausgeklammert). Und auch da schneidet Android IMHO schlechter ab. Es ist zwar möglich, ein anderes Betriebssystem aufs Smartphone draufzumachen. Aber das ist für Normalnutzer quasi unmöglich (Weniger abhängig von Apple und Google) und um Welten schwieriger als bei Windows, das sich vergleichsweise einfach durch Linux ersetzen lässt (Linux-Express statt Windows-Schneckenpost).

  3. Was spricht denn dagegen, dass ich auf ein jedes Gerät (Apple wie iOS und Windows et al) nicht etwas anders instalieren darf, wenn ich möchte? Bei den PCs (inkl. Macs) geht dies doch auch, Windows oder Linux zu installieren, warum nur soll dies nicht bei Tablets und Smartphones möglich sein?

    Dann kämen die Hersteller gar nicht erst auf die Idee, Systeme künstlich zu bescheiden, um z.B. Neuanschaffungen etwas nachzuhelfen, siehe dazu

    https://www.economie.gouv.fr/files/files/directions_services/dgccrf/presse/communique/2020/CP-Ralentissement-fonctionnement-iPhone200207.pdf

    Das Urteil stammt vom 7.2.2020. Solche Machenschaften sind kein neues und auch kein Apple-spezifisches Phänomen. Spätestens seit DrDOS wissen wir, im Markt sind solche Praktiken nicht unüblich. In diesem Sinne, free Smartphone for all!

    1. Grundsätzlich spricht nichts dagegen. Allerdings haben die iPhones und iPads so viel spezialisierte Hardware an Bord, dass das System eines Dritt-Herstellers kaum mithalten kann. Das gilt sogar für den Mac: Wenn du auf einem Laptop mit Touchbar Linux installiert, wird die Touchbar schlicht nutzlos.

      1. Gut, dass wir uns einig sind, dass es möglich sein sollte, alle Geräte zu rooten. Touchbar betrifft jetzt aber die Mac-PCs, nicht die Tablets und iPhones. Über (Un)Sinn der Touchbar zu diskutieren, sprengt das Thema.

        Es geht hier um Open Source bzw. (fehlende) Offenheit bei Android. Ich bin zufrieden, wenn ich das Apple-Gerät rooten dürfte. Nur, ich darf dies eben nicht, und darum bleibt für MICH Apple keine Wahl. Nochmals, free Smartphones for All!

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