Ich, der Republikflüchtling

Als Ex-Verleger habe ich neulich einen dieser Newsletter von der Republik bekommen. Es sei der wichtigste Newsletter seit dem Start, hiess es darin. Und ich möge doch gefälligst mein Nicht-Engagement überdenken und wieder an Bord kommen. Es braucht bis Ende März 19’000 zahlende Abonnenten (so genannte Verlegerinnen) und 2,2 Millionen Franken (wie ich das schreibe, sind gemäss «Cokpit» 798’111 1’199’503 Franken bereits zusammengekommen).

Das Ziel gilt absolut. Wenn es unterschritten wird, dann …

… werden wir am Nachmittag des 31. März für sämtliche Mitarbeitenden der Republik die Kündigung aussprechen. Und danach das Unter­nehmen geordnet auflösen.

Mir hat der Tweet von Thomas Benkö auf den Newsletter gut gefallen:

«Definiere Dramaqueen». Meine erste Reaktion war nämlich auch: Geht es nicht eine Nummer kleiner? Während ich darüber nachgedacht habe, hat sich bei mir Ärger aufgebaut: Der Newsletter enthält zwischen den Zeilen eine gehörige Portion Nötigung. Wenn ich das salopp paraphrasieren darf: «Willst du wirklich schuld sein, wenn unser revolutionäres Unterfangen scheitert und wir alle den blauen Brief bekommen? Also, jetzt mach schon fürschi und überweise die Kohle!»

Ich denke noch darüber nach, wie meine Reaktion auf dieses Mail ausfallen wird und ob ich wieder einsteige. Während ich das tue, kann ich hier im Blog darlegen, weswegen ich mein Abo vor einem Jahr nicht verlängert habe. Es lag schlicht daran, dass ich zu wenig Return on Investment hatte. Ich habe wenig von dem gelesen, was ich mitfinanziert habe.

Das lag zum einen an meinem Informationsmix, der bereits hervorragend bestückt ist: Mit dem «Tagesanzeiger» in gedruckter und in E-Paper-Form, dem Print-«Spiegel», mehreren gut gefüllten RSS-Reader-Apps, einem Blendle-Zugang und einem Readle-Abo. Und dann kommen all die anderen Medien dazu, die mir viel bedeuten und für die ich gerne einen gewichtigen Teil meiner Zeit für den Medienkonsum aufwende: Nämlich Blogs, Streaming, Hörbücher und Podcasts – das Angebot ist gross und grossartig.

Die Republik, strotzdend vor Selbstbewusstsein, wie sie nun einmal ist, wollte sich nicht schlank in meine persönliche News Diet einfügen. Nein, sie trat und tritt mit dem Anspruch an, sich dort gleich so richtig breit niederzulassen. Wenn ich nachsehe, welche der Geschichten mich in letzter Zeit interessiert haben, so kommt man nur bei einer einzigen mit unter zehn Minuten Lesezeit weg: Und auch hier, man ahnt es: Kein Neonazi weit und breit, würde man sich in 9 Minuten zu Gemüte führen.

Ansonsten dauert es eine Viertel- bis eine ganze Stunde: Se näxt big sing zur Swisscom: 20 Minuten. Die Methode Ganser, 15 Minuten. Welcome to Switzerland, Mr Soros!, 11 Minuten. Vom Aufstieg des autoritären Staates, 57 Minuten. Und das ist die reine Lesezeit. Bei komplexen und differenzierten Geschichten wird man auch nachdenken und vielleicht einem der Links im Text folgen wollen. Dann landet man schnell beim Doppelten.

Zwischenbemerkung: Ich weiss, dass es etwas scheinheilig ist, wenn ich die Länge der Beiträge anprangere, wo die Blogposts hier immer mindestens doppelt so viele Zeichen haben, wie sie haben sollten. Aber da hier niemand etwas fürs Lesen zahlen muss, braucht sich auch niemand schlecht zu fühlen, wenn er dankend ablehnt.

Ich überlege mir auch immer, meine allzu langen Geschichten in leichter verdauliche Portionen aufzuteilen. Manchmal gelingt das sogar, wie zum Beispiel bei der Nextcloud-Saga. Das wäre durchaus auch eine Strategie für die Republik, die überfressenen News-Junkies wie mir erleichtern würde, noch einen Gang mehr einzuplanen. Aber darum geht es an dieser Stelle eigentlich gar nicht. Es geht ums Grundsätzliche.

Ich constantiere… pardon: Ich konstatiere: Die Republik will nicht klein anfangen und langsam wachsen. Nein, sie will gleich zu einer massgeblichen Medienkraft werden – als ob die Grünen von null auf Sofort die Mehrheit im Bundesrat übernommen hätten. Das sieht man daran, dass das Abo nicht 15 Franken pro Monat kostet wie Netflix oder Spotify, sondern 22. Man sieht es daran, dass man nicht mit einer popeligen WordPress-Site und einem handgestrickten Theme gestartet ist, sondern mit einer IT-Abteilung, die 860’000 Franken pro Jahr verschlingt.

Und man sieht es daran, dass wie eingangs erwähnt gleich das ganze Unternehmen eingestampft wird, wenn das Ziel nicht erreicht werden sollte. Wieso nicht redimensionieren und langsamer wachsen?

Im Newsletter wird die Frage wie folgt beantwortet:

Denn nur dann gelingt es uns, ein neues Modell im Medienmarkt zu verankern. Unsere Aufgabe ist, vom Experiment zur Institution zu werden.

Doch dies lässt sich nicht halb umsetzen. Es braucht Entschlossenheit. Von uns. Und von Ihnen.

Das ist in meinen Augen der grosse Schwachpunkt in der Argumentation. Wieso die Republik nach dem sensationellen Crowdfunding im April 2017 keine langsamere Wachstumsstrategie angestrebt hat, verstehe ich bis heute nicht. Weil man die Idee dann «nur halb umgsetzt» hätte?

Warum sind 19’000 Abonnentinnen die richtige Grösse und nicht zum Beispiel 80’000 (zufällig die Zahl der NZZ-Abonnenten)? Und warum muss die Republik den Journalismus gleich sofort retten – und warum tut sie das nicht mit einem Zeithorizont von fünf oder zehn Jahren?

Mit anderen Worten: Diese selbstgesteckten Ziele sind arbiträr, starr und fühlen sich für mich ideologiegetrieben an. Roger Schawinski hat in seiner Sendung mit Clara Vuillemin und Oliver Fuchs (erstere war übrigens hier im Nerdfunk) das Wort Sekte gebraucht. So weit würde ich nicht gehen. Aber ich täte mich leichter, wieder an Bord zu kommen, wenn die Republik ihre Mission weniger verkrampft, mit nicht ganz so viel Drama und missionarischem Eifer angehen würde.

Beitragsbild: Republik – Stand des Irrtums, Richard Hoechner, via Medienseite der Republik.

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzegungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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