Das Nonplusultra für RSS-Fans

Es ist wieder einmal Zeit, eine Lanze für RSS zu brechen. Hinter Rich Site Summary steht eine klevere Webtechnologie, mit der man die Inhalte seiner Lieblings-Websites in einer App vorfindet – oder zusammengeführt auf einer Website.

RSS macht, nebenbei erwähnt, auch Podcasts möglich: Die abonnierten Sendungen werden per RSS verteilt und landen so in der App, mit der man sie hört – ohne dass man als Hörer die einzelnen Anbieter abklappern und nach neuen Folgen sehen müsste. Ich bin immer wieder erstaunt, wie wenig Leute unsere Website nerdfunk.ch besuchen – auch wenn die Hörerzahlen unseres Podcasts stabil und (für Schweizer Verhältnisse) ganz in Ordnung sind.

Ich würde schätzen, dass über 90 Prozent der Hörer den Podcast abonniert haben. Es gibt vermutlich Leute im Publikum, die niemals je auf unserer Website waren.  Das ist auch nicht nötig, denn man hört den Podcast über einen Podcatcher wie Pocket Cast oder über einen Streamingdienst wie Spotify. Und abonnieren kann man über Podcast-Verzeichnisse wie das von iTunes.

Nun ist RSS angeblich tot. Die Leute lesen lieber das, was ihnen über die sozialen Medien vorgesetzt wird, statt ihre Informationsquellen selbst zu kuratieren. Facebook ist wie eine Kantine, RSS wie selbst kochen, hat die «Süddeutsche Zeitung» neulich behauptet. Dieser Vergleich schmeckt mir nur halb, weil solche Vergleiche zwischen richtiger und digitaler Welt immer hinken und nach dem verzweifelten Versuch riechen, dem technisch ungebildetne Publikum einen schwierigen Sachverhalt in mööööglichst eiiiinfachen Wooorten zu erklären. Ich bin der Meinung, dass man das auch schafft, wenn man auf der faktischen Ebene bleibt und sich einfach Mühe gibt.

Lire RSS: Feeds lesen, bis der Arzt kommt.

Wobei ich zugeben muss, dass ich seinerzeit auch beim Essen gelandet bin, als ich zum letzten Mal eine Lanze für RSS gebrochen habe. Ich habe den Leuten nämlich in einem Patentrezept-Video empfohlen, mit dem News-Fastfood aufzuhören.

Aber es ist nicht wegzudiskutieren, dass man, wenn man RSS sinnvoll nutzen will, ein bisschen etwas investieren muss. Man muss sich die Mühe machen, seine Lieblings-Informationsquellen zusammenzutragen. Man muss auf den oft unübersichtlichen Websites nach den Feeds suchen. Man muss die Feeds in irgend eine App packen und sie dort sinnvoll sortieren. Und das schlimmste – man muss sich dann die Mühe machen und sich durch all die angehäuften Informationen kämpfen. Dass wir im Zeitalter des Informations-Überflusses leben, sieht man in diesen Apps sofort. Denn wenn man mit dem Sichten der Artikel durch ist, sind schon wieder zwanzig neue Beiträge eingetrudelt. Aber zu kapitulieren und einfach nur das zu lesen, was gerade bei Twitter oder Facebook vorbeifliegt, ist für einen mündigen Informationskonsumenten auch keine Lösung.

Ich nutze seit dem unrühmlichen Ende von Google Reader 2013 feedly.com. Der Dienst hat meine Feed-Sammlung übernommen und präsentiert ihn in im Web und in der App (iPhone und Android) einigermassen ansprechend. Das Abonnieren ist einfach: Die gängigen Quellen sind hinterlegt, sodass man sie bei Feedly in der App oder auf der Website abonnieren kann. Was deutlich bequemer ist, als die Feed-Adresse aufzustöbern, sie zu kopieren und in der Feed-Sammlung einzufügen.

Da Feedly von vielen Leuten genutzt wird, ermöglicht das auch eine Gewichtung nach «Einschaltquote»: Man sieht, welche Artikel von vielen Leuten gelesen angeklickt worden sind – und das ist für mich durchaus aufschlussreich bei der Themensuche: Man sieht, welche Themen zünden. Mit der Einschränkung, dass die Nutzer von Feedly tech-affin genug sind, um sich mit RSS herumzuschlagen und sich darum auch für Dinge interessieren, die einem breiten Publikum womöglich nicht ganz so wichtig sind.

Zwei Dinge finde ich an Feedly unbefriedigend: Erstens werden Artikel zum Thema nicht gebündelt. Wenn Apple eine Keynote hält, findet man (ohne Übertreibung) Tausende von Artikeln mit dem gleichen Inhalt im Feed mit den gesammelten Tech-Quellen. Es wäre schön, wenn die irgendwie zusammengefasst würden. Denn nachdem man die wichtigsten Veröffentlichungen gelesen hat, würde man alle anderen gerne links liegen lassen.

Zweitens öffnet die Feedly-App beim Antippen eines Artikels nur eine kurze Vorschau. Die umfasst (normalerweise) den Titel, das Lead und die ersten ein, zwei Absätze des Artikels. Das reicht manchmal, aber nicht immer. Wenn es nicht reicht, muss man auf Visit Website klicken, um den Artikel ganz aufzurufen. Und wenn man die Ladezeiten der typischen News-Websites kennt, weiss man, dass das ein eher mühsames Unterfangen ist.

Die Sortierung der Informationsquellen in Lire RSS.

Zumindest mit diesem zweiten Umstand macht Lire RSS Schluss (7 Franken fürs iPhone): Die App lädt direkt den ganzen Artikel in einer fürs Lesen optimierten Ansicht. Und sie synchronisiert sie bei Bedarf schon beim Start der App. Das bedeutet, dass man seine Artikel auch lesen kann, wenn keine oder nur eine schlechte Internetverbindung hat. Und vor allem kann man sie sehr schnell durchblättern und querlesen, weil sie auf dem Gerät vorgehalten werden.

Das komfortable Sichten grosser Newsbestände ist das erklärte Ziel dieser App. Lire RSS stützt sich auf diverse Aggregationsdienste. Nebst Feedly kann man auch BazQux, Feed Wrangler, Feedbin, FeedHQ, Inoreader, Newsblur und The Old Reader nutzen. Oder die Feeds ohne Dritt-Dienst auch direkt auf dem Gerät verwalten.

Wenn man seine Feeds nach Ordnern sortiert hat, gibt man pro Ordner an, ob beim Anklicken die Artikel oder die Quellen erscheinen. Hat man seine Feeds nach Themen in Ordner sortiert, dann erscheinen beim Antippen des Ordners die Beiträge aus allen Quellen chronologisch sortiert. (Man kann absteigende oder aufsteigende Sortierung wählen). Tippt man etwas länger auf den Ordner, erscheint eine Auflistung der Quellen, sodass man die Feeds nach Quelle inspiziert. Man kann die Artikel im Ordner filtern, zum Beispiel nach gelesen/ungelesen, markiert/unmarkiert. Via Abonnements greift man direkt auf einzelne Quellen zu, über Alle Artikel findet man seinen ganzen Artikel auf einem grossen Haufen vor. Im Abschnitt Entdecke gibt es interessante Links, die Lire offenbar in den Artikeln gefunden hat, sowie verknüpfte Artikel (was das bedeutet, ist mir noch nicht ganz klar geworden) und Autoren: Da kann man auch direkt die Beiträge seiner Lieblingsschreiber aufrufen – sehr nett!

Und man sieht es auch in den Einstellungen: In den Speicher-Optionen gibt man an, wann und unter welchen Umständen der Volltext synchronisiert wird und ob die Bilder ebenfalls zwischengespeichert werden sollen. Man kann Inhalte nur via Wifi oder auch übers Mobilfunknetz synchronisieren. Man darf einstellen, welche Quellen im Cache landen und welche nicht und wie lange die Artikel vorgehalten werden.

In den Synchronisations-Optionen legt man fest, wann die Synchronisation stattfindet: Beim Start der App bzw. im Hintergrund. Man kann den Sync-Befehl auch via Siri geben und ein Maximum an Artikeln festlegen, um das Datenvolumen in Grenzen zu halten.

Viele Optionen für angenehmes Lesen.

Fürs angenehme Lesen gibt es mehrere Themes. Man kann separate Themes für Tag und Nacht festlegen und automatisch (nach Helligkeit) umschalten lassen. Ich lese gern weiss auf schwarz, darum schätze ich das. Auch die Schriftart darf man selbst festlegen, und es gibt diverse Barrierefreiheit-Optionen fürs Voice Over. In der Artikelansicht darf man auch Schriftgrösse, Ränder, Textausrichtung und Zeilenabstand anpassen.

In den Artikel-Optionen schliesslich gibt man an, wann ein Artikel als gelesen kennzeichnet wird und mit welchen Wischgesten man Artikel für die spätere Verwendung markiert.

Fazit: Das ist komfortabel und den Preis von 7 Franken allemal wert. Klar, als Betreiber einer Website sollte/könnte/müsste ich mich  darüber ärgern, dass bei der Anzeige in der Lesevorschau die ganze Werbung auf der Strecke bleibt. Wenn viele Leute meine Inhalte via Lire RSS konsumieren, gehen meine Adsense-Einnahmen in den Keller. Das finde ich auch tatsächlich bedauerlich – aber es geht in diesem Blog halt dummerweise um die Sicht der Nutzer. Und als Nutzer bevorzuge ich auch die aufgeräumte Lese-Ansicht ohne Werbung. Vielleicht kommt ihr ja trotzdem hin und wieder direkt auf der Seite vorbei und sorgt dafür, dass der Blogger hier nicht zu darben braucht…

Beitragsbild: Schön gebündelt haben wir auch unsere digitalen News am liebsten. (Digital Buggu/Pexels, CC0)

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzegungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

8 Gedanken zu „Das Nonplusultra für RSS-Fans“

  1. Ich bin ein begeisterter RSS-Nutzer, ebenfalls via Feedly. Nutze dazu die App Reeder, so habe ich mit der schlechten UI nichts zu tun. 😊
    Reeder ist sensationell gemacht und IMHO Made in Switzerland.

  2. Reeder ist eine tolle Sache. Meiner Meinung nach ist der Entwickler gemessen am Produktpreis und der Verbreitung seines Tools etwas wortkarg. Eine neue Version ist seit langem angekündigt, genaues weiss man aber nicht.

    Andere Frage noch: seit einiger Zeit erscheint der Tagi-Feed in Feedly nur noch mit Titel. Ohne Lead, ohne Bild. Das hilft im RSS-Reader dann mal gar nix.

    Der misstrauische RSS-Fan in mir vermutet, dass TA-Media mich lieber zum werbeblockenden Web- oder App-Nutzer umerziehen möchte. Oder ist einfach bei mir was falsch eingestellt?

    1. Ich würde vermuten, dass RSS bei den Entwicklern der Tamedia nicht gerade oberste Priorität geniesst. Der Feed weist bei mir aber Titel, Datum und Uhrzeit und das Lead aus – leider nichts vom Textanfang. In etwa so:

      Die FDP darf nicht
      18. Januar 2019, 08:34
      Zum Auftakt des Wahlkampfs wollte die FDP Zürich den Sechseläutenplatz. Der Stadtrat lehnte ab.

      «Ja, die CVP ist die einzige staatstragende Partei»
      18. Januar 2019, 08:14
      CVP-Chef Gerhard Pfister sieht seine Partei als Vermittlerin – doch er will künftig die Politik des Bundesrats etwas weniger mittragen.

      Wenn das Lead fehlt, ist das vielleicht ein Feedly-Problem.

      1. Das ist wohl so. Leider, leider bin ich halt mit dem App-Angebot auch nicht so recht glücklich. Da bleiben mir als Papierloser nur noch die RSS-Feeds.

        Aber item: ich habe den Feed mal aus Feedly gelöscht und neu abonniert. Nun kommen tatsächlich Titel und Lead. Die Bilder sind immer noch nicht da, aber das kann tatsächlich an Feedly liegen, da gibts ab und zu Probleme mit den Bildern. Zu Beispiel, wenn diese in der Quelle zu gross sind.

  3. „Erstens werden Artikel zum Thema nicht gebündelt.“

    Dafür kann ich nooshub.com (Eigenwerbung) empfehlen, der Reader macht genau das! Das mit dem vollen Artikel in der App ist sicherlich praktisch, aber wie schon geschrieben nicht besonders fair. Ich kann Safari Benutzern die Reader-Darstellung empfehlen, ist ein super Feature!

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