Diese Foto-App macht vor gar nichts Halt

Die meisten Bildbearbeitungs-Apps fürs iPhone haben mit Live-Fotos nichts am Hut. Sie bearbeiten das Standbild, nicht aber die kurze Bewegtsequenz. Das ist meistens nicht tragisch. Wenn man ein Bild für die Weitergabe per Messenger oder die Veröffentlichung auf einer Social-Media-Plattform aufbereitet, dann wird aus dem Live-Foto fast überall ein Nicht-Live-Schnappschuss. Apple hat es verpasst, einen Standard zu entwickeln, mit dem man die Live-Fotos auch leicht auf seiner eigenen Website präsentieren könnte.

Für Bearbeitungen, die am Live-Foto erhalten bleiben sollen, muss man zur Standard-Fotos-App greifen. Was man mit der macht, erstreckt sich auch auf den «lebendigen» Teil der Aufnahme.

Oder man probiert sein Glück mit der Infltr-App. Sie behauptet von sich zwei Dinge. Erstens: Sie könne «alles» bearbeiten. Nebst normalen Fotos auch Live-Fotos, Videos, Fotos mit Tiefeninformationen und Moments. Das sind die automatisch generierten Rückblick-Filme, die man inzwischen allerdings sehr gut auch mit den Mitteln des Betriebssystems verändert und verbessert.

Zweitens liefert die App Filter. Und zwar «unendlich viele», wie sie behauptet.  Das Konzept ist etwas gewöhnungsbedürftig: Anders als bei Instagram oder Polarr (Photoshop kann einpacken), Vsco (Die Illusion von echtem Film) oder Darkroom (Mit der Foto-App zeigt man Instagram den Meister) wählt man den Filter nicht gezielt aus, sondern wischt mit dem Finger übers Bild. Je nach Richtung verändern sich Farbe, Kontrast und ein paar andere Parameter.

Das hat einen gewissen Spassfaktor und kann einen nach dem Prinzip der Serendipität zu einem interessanten Resultat führen. Aber es ist mehr oder weniger zufällig – und wenn man sein Bild durch weiteres Wischen verschlechtert, dann gibt es keine Möglichkeit, um zum vorherigen Zustand zurückzukehren. Darum werden Fotografen, die eine gewisse Vorstellung vom fertigen Bild haben, eine klassische App mit Schiebern und Reglern vorziehen.

Da wähnt man sich in London.

Oder die Rubrik Filters, die es auch noch gibt. Die funktioniert genauso wie bei den besagten Apps. 15 Filter gibt es standardmässig, die man via Verwalten auch nach den eigenen Vorlieben sortieren kann. Sie greifen die von Instagram etablierte Tradition auf, dass solche Filter originell klingende, aber völlig nichtssagende Namen haben. Peckham, Shoreditch oder Battersea sind einige Beispiele, und wenn ich mich nicht irre, sind das alles Stadtviertel von London. So gesehen sind die Namen für Londoner vielleicht nicht nichtssagend.

Im Shop gibt es noch viel mehr Filter, die man über die Pro-Funktion erwirbt. Die kostet für einen Monat 4 Franken, für 12 Monate 20 Franken oder für immer 39 Franken. Etwas teuer, aber umfangreich und einigermassen sinnvoll sortiert nach Stil und Einsatzmöglichkeiten (Vintage, Portrait, Rave, Mono, Unterwegs, Architektur, Pride). Man kann die Stärke (Deckkraft) des Filters einstellen und Änderungen leicht zurücknehmen und erneut anwenden.

Ansonsten ist die App übersichtlich. Es gibt nebst den Filtern Regler für Kontrast, Sättigung, Helligkeit, Temperatur, Farbton und Glanzlichter (bei der Rubrik kann man über den Schalter rechts auf Schatten umschalten). Das ist für meinen Geschmack etwas wenig. Aber wie schon bei der Besprechung der Darkroom-App ausgeführt: Mehr Funktionen machen eine App oft unübersichtlich und komplexer. Trotzdem: Auf die Regler für Struktur, Hervorhebungen oder Verblassen, die es sogar bei Instagram gibt, verzichtet man nur ungern.

Einer der Filter, für die man die Pro-Version kaufen müsste.

Wenn man merkt, dass man die Befehlsleiste per Wischen verschieben kann, kommen weitere Befehle zum Vorschein: Farbton Glanzlichter, Farbton Schatten, Belichtung, Bleichen und Farbschattierung, Farbüberlagerung, Schärfen, Doppelbelichtung und Vignette. Plus Befehle zum Zuschneiden, Drehen und perspektivischen Verzerren, sowie ein Befehlsverlauf und ein Rückgängig-Befehl.

Es gibt auch drei Befehle, die nur in der Pro-Version zur Verfügung stehen, nämlich HSL, Körnung und Farbverschiebung. Und man kann auch diese Befehle nach eigenem Gusto sortieren und nie benutzte Befehle ausblenden.

Fazit: Damit kommt man recht weit – und wirklich praktisch ist, dass man eben nicht nur normale Fotos, sondern auch Live-Fotos mit Bewegtteil, Videos, Animierte GIFs, Bilder mit Tiefeninformationen und Live-Fotos mit Tiefeninformationen bearbeiten kann. Die Werkzeuge variieren je nach Bildtyp. Bei Live-Fotos kann man auch noch die Lautstärke der Tonspur verändern. Videos lassen sich auch trimmen, d.h. vorne und hinten kürzen.

Bei Bildern mit Tiefeninformationen ist es möglich, auf den Vordergrund und den Hintergrund verschiedene Filter anzuwenden.

Und bei Fotos mit Tiefeninformationen gibt es die Möglichkeit, Filter und Bearbeitungen auch nur auf den Vordergrund oder nur auf den Hintergrund anzuwenden. Ausserdem kann man den Tiefenbereich verändern und den Hintergrund zusätzlich weichzeichnen.

Infltr ist eine Empfehlung wert. Die Pro-Funktionen sind für meinen Geschmack etwas teuer. Man kommt allerdings auch als Gratisnutzer recht weit. Grösstes Manko ist die Grössenbeschränkung beim Speichern. Gratisnutzern stehen nur die kleine (800 Pixel für die lange Seite) und die mittlere Auflösung (1600 Pixel) zur Verfügung. Das ist für professionelle Ansprüche natürlich zu wenig. Da muss man dann wohl oder übel in die Tasche greifen. Wenn man das tut, würde ich empfehlen, gleich den Einmalkauf für 39 Franken zu wählen.

Autor: Matthias

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