So machen digitale Postkarten keinen Spass

Eines der weniger prominenten Opfer des Medienwandels ist die Postkarte. Die dürfte in den letzten Jahren schwer unter die Räder gekommen sein. Bei mir gehörte es früher zum Ferienritual, etwa ein halbes Dutzend möglichst kitschiger Karten auf den Weg zu schicken. Heute macht man eher eine Live-Reportage via WhatsApp, belästigt die Leute auf Facebook mit seinen Schnappschüssen von Sonne, Meer und Sonnenschirmen (unter denen man entweder selbst liegt oder die man in seinem Longdrink stecken hat).

Oder man schickt Postkarten mit eigenen Motiven, die man per Smartphone fabriziert und über einschlägige Dienstleister verschickt. Das mindert die Auswirkungen des Medienwandels ein bisschen: Papierhersteller und Druckdienstleister bleiben im Spiel. Doch die Fotografen und Postkartenverkäufer gehen leer aus. Und die Post kommt beim Porto auf die Rechnung.

Auf die Schnelle habe ich keine Statistik gefunden, die den Rückgang in Zahlen ausdrücken würde. Auf statista.com gibt es zwei Auswertungen: 2016 verschickten demnach noch immer 78 Prozent der Deutschen Postkarten, was zur Überschrift «Lang leben die Postkarte» Anlass gab. WhatsApp und andere Messenger rangieren mit 36 Prozent auf Platz zwei. (Man darf offensichtlich auch mehr als eine Form der Feriengruss-Übermittlung wählen.)

2018 war das lange Leben der Postkarte dann offensichtlich auch schon vorbei. Schon zwei Jahre später hat WhatsApp sie überholt und einen Anteil von gut 52 Prozent. Die Postkarte kommt noch auf knapp 49 Prozent. Man fragt sich, ob eine so radikale Verschiebung in zwei Jahren möglich ist oder dann doch eher auf eine nicht ganz verlässliche Erhebungsmethode hindeutet

Die Washington Post hat schon 2015 gefragt, ob die Postkarte denn obsolet sei:

The U.S. Postal Service processed 770 million stamped postcards in fiscal 2014, down from 1.2 billion in 2010, according to figures provided by agency spokesperson Sue Brennan. The USPS doesn’t count how many of those were personal postcards, rather than promotional pieces of some kind. But most of the latter are classified as presorted bulk mail, a separate and larger category that’s diminishing at a slower pace (down to 2.3 billion pieces, from 3.1 billion in the same period).

Man braucht aber nicht bei der Post anzusetzen, sondern kann auch die Hersteller und Verkäufer der Karten fragen:

As for the printed postcard business, in 2013 it was “probably half what it used to be,” says Matthew Tobin, then-president of the U.S. Souvenir Wholesale Distributors Association, in an interview with the Providence Journal that year. (His successor could be not be reached for comment.)

So oder so: Der Abwärtstrend ist offensichtlich. Und man kann es den Leuten nicht übel nehmen, denn eine individuelle Karte oder ein eigenes Bild ist viel aussagekräftiger und persönlicher.

Nun habe ich allerdings einen guten Grund gefunden, mir zu überlegen, anstelle von Touchnote wieder hundskommune, nicht-personalisierte Postkarten zu versenden. Touchnote ist (nebst der App der Schweizer Post, die mir leider überhaupt nicht gefallen hat), der wahrscheinlich bekannteste Dienst für personalisierte Postkarten, 2008 in London gegründet. Er bietet Apps für iPhone und Android, viele Funktionen und eine anständige Druckqualität. Bloss die Versanddauer ist etwas unberechenbar – aber das ist bei den «richtigen» Postkarten auch nicht anders.

Der Grund für meinen Ärger ist ein Mail von Touchnote. Da schreibt ein Typ namens Sebastian, der Head of Operations:

Credits let you redeem TouchNote products at a discounted price so, much like a voucher, they’re designed to be used within 12 months.

Die Credits, die man für seine Postkarten verwendet, haben ein Verfallsdatum von einem Jahr. Danach verfallen sie. Sebastian erinnert mich nun daran, dass ich meine beiden Credits noch brauchen sollte, bevor sie am 20. Mai ihre Gültigkeit verlieren. Immerhin mit drei Monaten Vorlauf. Aber trotzdem.

Ich kann nun nicht sagen, ob das immer schon so war oder ob diese kunden-unfreundliche Neuerung erst vor Kurzem eingeführt worden ist. Ich vermute, dass letzteres der Fall ist. Mir scheint, dass ich die App früher auch mal länger als ein Jahr nicht benutzt habe, ohne dass Credits verloren gegangen sind. Andererseits – vielleicht hat früher Sebastian einfach kein Mail geschrieben.

Verfallsdaten bei Gutscheinen sind nur in einem Fall gerechtfertigt: Nämlich bei starker Inflation, wo eine Abwertung dazu führen würde, dass ein Dienstleister eine Dienstleistung erbringen muss, obwohl der ursprüngliche, für den Gutschein entrichtete Betrag die Dienstleistung nicht mehr deckt. Bei Touchnote kann man sich da ein Brexit-Szenario ausmalen. Es kann durchaus sein, dass mit dem EU-Austritt die Kosten für das aus dem Vereinigten Königreich heraus operierende Unternehmen deutlich höher werden und auf diese Weise nun die Auswirkungen eingedämmt werden sollen. Das würde ich akzeptieren, wenn Sebastian das genauso schreiben würde: «Wegen des Brexits müssen wir uns Massnahmen einfallen lassen. Und das ist eine davon.»


… dabei können klassische Postkarten so schön sein!

So aber ändert sich an meiner Haltung gegenüber ablaufenden Credits gar nichts. Ich halte sie bei Audible für Unfug: Audible macht gar keine gute Figur. Und sie sind bei Touchnote ein völliger Unsinn. Sie nützen dem Kunden überhaupt nichts. Aber sie schaden ihm, wenn er vergesslich oder sparsam ist. Oder, im Fall von Touchnote, wenn er sich in einem Jahr keine Ferien leisten kann. Und was soll diese idiotische Formulierung. Es profitiert einzig der Anbieter, der für die verfallenen Gutscheine Geld eingenommen hat, ohne dafür eine Leistung erbracht zu haben.

Was die rechtliche Situation angeht, hat SRF folgende Einschätzung parat:

Häufig ist auf Gutscheinen eine beschränkte Gültigkeit aufgedruckt, zum Beispiel ein oder zwei Jahre. Diese Fristen sind kürzer als die Fristen im Obligationenrecht. Ob das rechtlich zulässig ist, gilt unter Juristen als umstritten. Wer auf die gesetzlichen Fristen bestehen will, müsste in einem Streitfall gegen den Geschäftsinhaber klagen. Weil es bei Gutscheinen meist um geringe Beträge geht, lohnt sich dieser Aufwand kaum. Bis heute gibt es jedenfalls keine Gerichtsurteile zu dieser Frage.

Fazit: Mit diesem Mail hat Touchnote einen Kunden verloren. Ich werde mir die Alternativen ansehen, zum Beispiel postsnap.com und sincerely.com, und hier Bericht erstatten. Und falls die beiden Alternativen nichts taugen, dann bleibt die «richtige» Postkarte noch immer eine Option.

Beitragsbild: Hans/Pixabay, CC0

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzegungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

Ein Gedanke zu „So machen digitale Postkarten keinen Spass“

  1. Hallo!
    Mir scheint es auch neu zu sein. Ich verwende seit Jahren Touchnote-Karten und mir ist noch nie aufgefallen, dass welche verfallen wären… diesen Mai sind auch bei mir 40 (!!!) credits verfallen! 🙁 und ich kann mich überhaupt nicht an eine „Warn“-E-Mail erinnern. Echt blöd…
    Liebe Grüße,
    Susanne

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