Eigentlich müsste das Smartphone längst Vergangenheit sein

«Das Smart­phone hat noch fünf Jahre» habe ich be­hauptet. Diese Pro­gno­se ist sechs Jahre alt. Und es stellt sich die Frage: Wie konn­te es zu dieser gro­tes­ken Fehl­ein­schätzung kommen?

Juhuu, die Sommerserie ist zurück! (Und ja, mir ist klar, das ich etwas spät dran bin.) In dieser Reihe behandle ich – mit der maximalen Entspanntheit eines auf einer Luftmatratze im Pool dümpelnden Medienkritikers – meine eigenen (Fehl-)Leistungen der Vergangenheit. Heute ein Post aus diesem Blog vom 5. März 2019: «Das Smartphone hat noch fünf Jahre», behauptete ich damals.

Wenn ich damit recht gehabt hätte, dann würde niemand diesen Blogpost hier auf einem Smartphone lesen. Sondern – und jetzt werdet ihr vermutlich einen Lacher nicht unterdrücken können – via VR-Brille.

Ja, genau! Ich behauptete in der Tat, die virtual (oder meinetwegen auch die augmented) reality würde das Smartphone seit einem Jahr ersetzt haben. Apple würde gut daran tun, mit viel Aufwand an so einer Brille zu forschen, stellte ich als Forderung in den Raum.

Erstens kommt es anders …

Nun, interessanterweise traf diese zweite Aussage ins Schwarze. Diese Brille ist inzwischen Realität. Sie heisst Apple Vision Pro und kam am 2. Februar 2024 auf den Markt. Es ist naheliegend, dass das Projekt 2019 bereits im Schwange war.

2019 war meine Erwartung natürlich nicht, dass diese Brille 3500 Franken kosten würde. Ich sah auch nicht voraus, wie umständlich sie zu tragen sein würde. Ich stand noch unter dem Eindruck der Vaunt: Das war ein Forschungsprojekt von Intel, das mich 2018 hoffen liess, mein Nasenfahrrad würde bald nicht mehr nur Sehhilfe, sondern auch Informationsvermittler sein. Denn diese Entwicklung war kein klobiger Helm, sondern ein Gestell, kaum dicker und schwerer als das, das wir heute beim Optiker kaufen. Die Vaunt bot zwar kein immersives Erlebnis, konnte aber Informationen direkt ins Sichtfeld einblenden. Daraus hätte sich über die Zeit eine Art externer, auf der Nase zu tragender Monitor fürs Smartphone entwickeln können. Mutmasslich hätte er selbiges nicht überflüssig gemacht. Aber die Folge wäre sicherlich gewesen, dass wir das iPhone oder Android-Telefon viel seltener aus der Tasche ziehen.

Intel hat den Schwanz zu früh eingezogen

Nun ist leider nichts daraus geworden. Das hätte ich 2019 bereits wissen können, habe entsprechende Meldungen aber überlesen. Intel fand damals keine Partner für Herstellung und keine Investoren und trennte sich von der Wearables-Sparte. Es habe die «Marktdynamik» gefehlt und eine Skepsis gegenüber den Smart Glasses geherrscht.

Eine Person mit Virtual-Reality-Brille fährt auf einem Fahrrad in einer ländlichen Umgebung entlang eines Holzzauns. Die Abendsonne sorgt für eine warme Beleuchtung.
Erstaunlicherweise ist der Normalfall bei unseren Velotouren.

Lag ich damals daneben oder hat man eine Chance verpasst? Natürlich ist die Frage müssig, aber ihr nehmt es mir hoffentlich nicht übel, wenn ich behaupte, dass Intel den Schwanz zu früh eingezogen hat. Ohne Zweifel liegt die Latte für eine tolle vernetzte Brille hoch. Es ist technisch eine Herausforderung, und viele Leute äussern grundsätzliche Bedenken. Aber es gäbe auch einiges zu gewinnen. Es wäre vielleicht sogar eine Befreiung, wenn wir nicht mehr so oft aufs Handydisplay starren würden, ohne Angst, etwas zu verpassen. Oder es wäre der nächste, fatale Schritt zum Cyborg.

Nach 18 Jahren darf die Bewährungsprobe als bestanden gelten

Was die Prognosen angeht, wage ich mich nicht auf die Äste hinaus, wenn ich prognostiziere, dass das Smartphone auch 2031 noch ein Ding sein wird. Es hat in den letzten fünf Jahren nicht nur der smarten Brille widerstanden, sondern auch KI-Gadgets wie dem AI-Pin von Humane und dem Rabbit r1. Es schleckt keine Geiss weg, dass Smartphones und Touch-Bedienung hervorragend für eine Unzahl an Anwendungsfällen geeignet sind. Die Vormachtstellung wird dieses Dream-Team erst ein Gadget mit drahtloser neuronaler Schnittstelle verlieren. Und wenn das da ist, wird die VR-Brille nur ein unbedeutendes Zwischengeplänkel gewesen sein.

Beitragsbild: Das iPhone 3G (579C-A1303B) von 2008 war das zweite von Apples Smartphones – an dem mein Herz noch immer hängt (Jonas Vandermeiren, Unsplash-Lizenz).

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