Devon steht in einem Wald und zündet sich eine Zigarette mit einem Feuerzeug an. Sie trägt ein ärmelloses Oberteil und mehrere Armbänder. Um sie herum sind Bäume und die Sonne scheint durch das Blätterdach.

Wenn Homer das sehen könnte!

«Sirens» ist eine Net­flix-Serie, die sich (mal wieder) gross­zügig bei der grie­chi­schen My­tho­logie be­dient. Von diesem mo­der­nen Si­re­nen­gesang dürfen wir uns gern ein­lul­len las­sen – und wem das zu stark nach Bil­dungs­bür­ger­tum riecht, findet in «North of North» eine starke Al­ter­na­tive.

Die alten Griechen sind im Kommen. Sie machen sich im Netflix-Katalog breit – na ja, auf tiefem Niveau. Aber wie die Journalisten gern sagen: «Einmal ist Zufall, zwei Fälle ein Trend, drei eine Story.»

Die Steilvorlage für diese Story hier sind die Serien Kaos, Blood of Zeus und Sirens. Erstere hat mir viel Freude bereitet, doch sie scheint sich zu tief in alte mythische Welt vorgewagt zu haben, denn Netflix hat die Produktion nach der ersten Staffel nicht verlängert.

«Sirens» nimmt im Titel auf die Fabelwesen in Frauengestalt Bezug, die Odysseus und seine Männer angelockt haben. Doch anders als bei «Kaos» trübt es das Vergnügen nicht, wenn Zuschauerinnen und Zuschauer sich der Anspielungen an die Sagen nicht bewusst sind. Diese Serie spielt im Hier (naja, in einer fiktiven neuengländischen Stadt) und im Jetzt und hat ein Personal, wie wir es auch in anderen Serien antreffen – wobei Meghann Fahy als Devon DeWitt und Julianne Moore als Michaela «Kiki» Kell überdurchschnittlich gute Schauspielkunst zeigen. Die Anspielungen sind versteckter: Zusammen mit Devons jüngerer Schwester Simone (Milly Alcock) üben die drei eine fatale Anziehungskraft auf die Männerwelt aus. Wer biologische Metaphern den altphilologischen vorzieht, würde sie als Venusfallen bezeichnen.

Eine lächelnde Person mit blonden Haaren trägt ein gestreiftes Hemd in einem Innenraum. Ein nicht näher identifizierbarer Mensch ist im Vordergrund zu sehen. Der Hintergrund ist unscharf, mit Vorhängen und einem Bild an der Wand.
Simone übt ihren Sirenengesang.

Ran an den Bacon!

Aber eine betörende Wirkung zwischen den Geschlechtern ist ein Topos, das in drei Vierteln aller Film- und Serienproduktionen (und im letzten Viertel findet die Attraktion innerhalb eines Geschlechts statt). Das allein rechtfertigt es nicht, Homer auf den Plan zu rufen. Natürlich gehen die Bezüge auf die Mythenwelt etwas tiefer: Die Männer – namentlich der depperte Nachbar Ethan Corbin III (Glenn Howerton) und Kikis stinkreicher Ehemann Peter (Kevin Bacon) – haben den Sirenengesängen wenig entgegenzusetzen. Das zeigt sich am deutlichsten in der fünften und letzten Folge, in der Simone in einer Art übersinnlichen, ätherischen Sexszene ihre Fänge nach Peter ausstreckt und ihre Chefin Kiki, bei der sie soeben in Ungnade gefallen ist, eiskalt aussticht.

Die Sirenen geraten sich ziemlich in die Haare

Kurz und ohne (allzu) schlimme Spoiler zum Inhalt: Devon macht sich auf zu einem tollen Anwesen direkt an der Atlantikküste, auf dem Simone in Michaela «Kiki» Kells Namen das Personal herumkommandiert. Simone soll Verantwortung für den dementen, alkoholkranken Vater Bruce (Bill Camp) übernehmen, um den sich Devon bisher allein kümmert. Doch Simone denkt nicht daran. Sie wirft dem Vater vor, sie nach dem Suizid der Mutter vernachlässigt zu haben; und es ist nicht zu übersehen, dass Kiki Ersatzmutter für sie ist. Diese Welt, in der Simone lebt, ist Devon völlig fremd. Kiki als eine Art Supersirene verbreitet eine sektenhafte Atmosphäre, die Devon instinktiv zu Auflehnung und Sabotage anstachelt. Sie selbst ist nicht frei von manipulativem Verhalten, wie sich in ihrem Umgang mit Raymond (Josh Segarra) zeigt: Er ist ihr Boss und Liebhaber und obendrein verheiratet.

Eine Frau (Devon) mit blondem Haar und ernster Miene beugt sich leicht vor. Sie trägt Ohrringe und ein ärmelloses Oberteil. Im Vordergrund ist verschwommen eine andere Person sowie ein Smartphone zu sehen. Der Hintergrund zeigt eine verschwommene Landschaft.
Devon auf dem Weg zu ihrer Schwester.

Fazit: Im direkten Vergleich mag ich «Kaos» lieber, wo Geschichten aus der griechischen Mythologie aus moderner Perspektive neu erzählt werden – das ist ein kreativer Versuch, auf jahrhundertealte Erzähltradition Bezug zu nehmen. Im Vergleich dazu ist «Sirens» oberflächlicher. Diese Story würde auch einfach so gut funktionieren, und man könnte ihr unterstellen, dass es bloss darum geht, den Bildungsbürgern ein paar Brocken hinzuwerfen: Kiki, die sich um einen Falken kümmert und uns daran erinnert, dass die Sirenen Chimären aus Vögeln und Menschen waren. Die Schicksalsgöttinnen Clotho, Lachesis und Atropos, die als Chloe, Lisa und Astrid unter den Gästen auf dem Anwesen einen Auftritt haben. Und Simone, die wie Persephone wie ein Monster aufführt.

Kiki mit schulterlangem, rotbraunem Haar steht in einem beleuchteten Innenraum. Sie trägt ein Kleidungsstück in kräftigen Farben und schaut in die Kamera. Im Hintergrund sind eine offene Tür und ein dunklerer
Michaela platzt im unpassendsten Moment in eine hitzige Unterhaltung der beiden Schwestern.

Lustiges mythologisches Figurenraten

Trotzdem: Ich habe mir die Brocken gern hinwerfen lassen. Meine Lieblings-Nebenfigur der Hausmeister und -verwalter José (Felix Solis), der über alles im Bild ist und ohne Murren die Drecksarbeit erledigt, sich zusammen mit den Hausangestellten den Mund über die Abgehobenheit der Oberschicht zerreisst, aber am Ende seinem Chef Peter die Loyalität erweist. So wie er die Leute herumchauffiert, ist er die Inkarnation von Charon oder – wahrscheinlicher – Myrtilos.

Eine Person mit dunklem Haar (Siaja) rägt eine farbenfrohe, gemusterte Kleidung und eine Jacke mit Pelzkragen. Sie steht in einem Innenraum vor einem Fenster mit Jalousien. Im Hintergrund ist eine Pflanze zu sehen. Die Person blickt aufmerksam in Richtung der Kamera.
Siaja kommt auch ohne Bezug zur griechischen Mythenwelt klar.

Falls ihr mit derlei Bezügen nichts anfangen könnt, habe ich einen alternativen Tipp für euch: Die wunderbare kanadische Serie North of North, deren Heldin sich ebenfalls nicht lumpen lässt. Die junge Inuk-Frau Siaja (Anna Lambe) bewältigt das anspruchsvolle Leben jenseits des Polarkreises mit Charme, Humor und Leidenschaft. Auch bei ihr ist die Vergangenheit gegenwärtig – aber nicht im mythologischen Sinn, sondern in Form der ganz realen Konsequenzen kolonialistischer Hinterlassenschaften wie den Residential Schools, in denen die Kinder ihren Eltern weggenommen und umerzogen wurden.

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