Nein, es ist nicht egal, wenn Apps Daten sammeln

Ich stelle mich ungeniert in die Reihe der «New York Times»-Kolumnisten, die neulich öffentlich einen eigenen Fehler eingestanden haben. Und ich erkläre: Ich lag falsch, als ich 2010 behauptet habe: «Apps sammeln Daten – na und?».

Die Kolumnisten der «New York Times» haben sich neulich öffentlich selbst gegeisselt. Sie haben alte Kolumnen aufgegriffen, in denen sie Meinungen vertreten haben, die sie heute nicht mehr vertreten. Paul Krugman gab zu, sich bezüglich der Inflation geirrt zu haben. Bret Stephens revidierte seine Meinung über die Trump-Wähler. Und, für mich besonders interessant, Farhad Manjoos Mea-Culpa unter dem Titel I Was Wrong About Facebook.

Nun machen wir uns nichts vor: Öffentlich Fehler einzugestehen, ist kein Akt der reinen Demut. Im Gegenteil: Es ist ein klares Signal, dass man lernfähig ist – und eine Abgrenzung gegenüber Leuten, die stur an ihren Positionen festhalten, selbst wenn die Welt sich weiterdreht und die Menschheit neues Wissen gewinnt. Es ist Virtue signalling in die Richtung der Republikaner, die sich leider tatsächlich als völlig resistent gegen jeglichen Erkenntnisgewinn erweisen.

Ich habe mich gefragt, ob ich selbst öffentlich wirksam einen Irrtum eingestehen könnte – <ironie>zumal ich, wie ihr alle wisst, ein wahnsinnig lernfähiges Wesen bin</ironie>. Also, habe ich wie Farhad Manjoo Facebook propagiert, wofür ich mich heute in Grund und Boden schämen sollte?

Gehörte ich auch zu den Facebook-Verklärern?

Ich habe das soziale Netzwerk in der Tat vorgestellt. Nämlich am 27. Oktober 2008, als es vier Jahre alt war und dabei war, auch in Europa an Verbreitung zu gewinnen:

Facebook hilft, weltweite Kontaktnetze zu knüpfen

Und nein, enttäuschenderweise ist dieser Beitrag nicht geeignet für ein Mea Culpa. Ich empfehle nicht explizit, dass man mitmachen soll. Ich beschreibe den Zweck, so wie wir ihn 2008 wahrgenommen haben – und wie es wohl auch der ursprünglichen Absicht von Mark Zuckerberg entsprochen hat, bevor er grössenwahnsinnig geworden ist. Ich gebe ein paar Tipps und weise auf die Gefahren hin. Natürlich wirkt das aus heutiger Sicht fürchterlich naiv. Aber es ist tatsächlich so, dass Facebook erst nach und nach zu dem Monster mutierte, das es heute ist.

Siehe da: Es gibt doch Grund für Scham

Aber verzagt nicht – ich habe einen Text gefunden, für den ich mich heute gebührend schämen darf.

Apps sammeln Daten – na und?

Am 22. Dezember 2010 habe ich behauptet, es sei egal, dass die Tech-Konzerne via Apps persönliche Daten über uns abgreifen und mich auf den Standpunkt gestellt, dass es in der Verantwortung von uns Nutzern liegt zu entscheiden, was und wie viel wir über uns preisgeben.

Die Weitergabe persönlicher Daten habe ich damals als Problem anerkannt, es aber als notwendiges Übel bezeichnet. Die Werbung in den Apps ist im Text eine «Kröte, die man ungern schluckt», für die man im Gegenzug aber tolle Apps für lau bekommt. Dem Umstand, dass die Daten zur Personalisierung verwendet werden, konnte ich eine positive Seite abgewinnen. Personalisierte Werbung sei besser als unpersonalisierte.

Ausser Rand und Band

Ich bin heute explizit anderer Meinung. Das Tracking in Apps ist ausser Rand und Band. Was die Unternehmen betreiben, ist eine Sauerei. Ob aus Nachlässigkeit, Ignoranz oder mit voller Absicht: Wir Nutzerinnen und Nutzer haben die Kontrolle über unsere Daten verloren und müssen damit rechnen, dass sie gegen uns verwendet werden.

Die entscheidende Frage ist, ob ich es damals hätte besser wissen können oder besser wissen müssen. Zugegeben: Der Skandal um Cambridge Analytica lag noch in der Zukunft und auch Google hatte seine Unschuld noch nicht verloren. Der Aufhänger für den Text war die Ankündigung von Steve Jobs zu den iAds. Die sollten nicht aufdringlich sein und Apple hat schon damals die Privatsphäre der Nutzer hochgehalten.

Apple hat die iAd-Kampagne 2016 beendet. Gemäss diesem Bericht von Reuters waren tatsächlich die Bedenken beim Datenschutz der Grund. Das iAds-Team hätte gerne mehr persönliche Informationen weitergegeben, als es die internen Datenschützer zugelassen haben:

Apple ist ein Nachzügler im Werbemarkt, doch das Unternehmen hat einen entscheidenden Vorteil: Via iTunes besitzt es eine der umfangreichen Sammlungen an Nutzerdaten in der Branche.

Doch diese Datenbank ist tabu. Wann immer Mitarbeiter iTunes-Daten nutzen wollten, um die Zielgruppenansprache zu verbessern, mussten sie sich an das Datenschutzteam wenden, so zwei ehemalige Apple-Mitarbeiter, die an iAd gearbeitet haben.

Mit anderen Worten: Apple hat Verantwortung gezeigt und es war damals richtig, den Versprechen zu glauben.

Das Missbrauchspotenzial ignoriertt

Doch damit bin ich nicht vom Haken. Ich habe dieses Verantwortungsbewusstsein implizit auf die ganze Branche übertragen und das Missbrauchspotenzial ausgeklammert. Das war ignorant. Denn es gab schon 2010 genügend Belege dafür, dass jedes digitale Missbrauchspotenzial früher oder später ausgeschöpft wird: Lücken beim E-Mail führten zu Spam, Sicherheitslücken im Internet Explorer zu Browser-Hijackern, Trojanern und weiss der Teufel was.

Und ich habe auch an die Eigenverantwortung appelliert: Der User müsse entscheiden, wie er sich schützen wolle. Ein zu billiges Argument, auch wenn wir damals noch keine Pandemie-Erfahrung hatten, die uns die Grenzen der Eigenverantwortung schonungslos aufgezeigt hat. Aber es war damals schon klar, dass die Unternehmen am längeren Hebel sitzen und wir Nutzer ihnen ausgeliefert sind.

Beitragsbild: Meine Fehleinschätzung ist nicht im Papierkorb gelandet, sondern gedruckt worden (Andrea Piacquadio, Pexels-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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