Amazons neuer Gratis-Streamingdienst im Test

Freevee streamt Filme und Serien kosten­los, aber mit Werbe­un­ter­bre­chungen. Ob das Spass macht, hängt davon ab, wie viele Spots einem zuge­mutet werden. Ich habe das in einem Selbst­ver­such über­prüft.

Es gibt einen brandneuen Streamingdienst namens Amazon Freevee. Wobei «brandneu» nicht ganz der Wahrheit entspricht. Es gibt ihn seit 2019, wobei er ursprünglich IMDb Freedive hiess und an die gleichnamige Film-Website angedockt war, die auch zu Amazon gehört.

Im April dieses Jahres wurde der Dienst umbenannt und seit anfangs August ist Freevee auch in Deutschland verfügbar. In der Schweiz gibt es ihn nicht. Zumindest nicht für Leute, die kein VPN besitzen – wenn ihr versteht, was ich meine.

Der Clou bei Freevee ist die Finanzierung. Der neue Streamingdienst setzt auf die gute, alte Privatfernseh-Methode. Sprich: Man bekommt seine Unterhaltung kostenlos, muss dafür allerdings Unterbrecherwerbung ansehen. Gemäss diesem Bericht hier muss man mit neun Minuten Werbung pro Stunde rechnen.

Zwei Spots sind meine Obergrenze

Ob das erträglich ist, liegt im Auge des Betrachters. Da ich fast kein lineares Fernsehen mehr ansehe, bin ich komplett entwöhnt. Mich nerven schon zwei Werbespots vor einem Youtube-Video. Aber meine geringe Toleranzschwelle ist nicht der Massstab – andere sind geübt darin, wegzusehen und wegzuhören. Und wenn man ein knappes Entertainment-Budget hat, dann ist ein werbefinanziertes Gratisangebot willkommen.

Zu Testzwecken habe ich mir Ghostbusters in der Variante von 2016 angeschaut. Trotz der charmanten Melissa McCarthy vermag dieser Neuaufguss leider nicht die wohligen Gefühle des Originals zu wecken – obwohl ich es nett finde, dass die Geisterjäger nun Frauen sind und die charmante Melissa McCarthy mitspielt.

Bill Murray hat einen kleinen Auftritt – was den Streifen aber auch nicht wesentlich besser macht.

Aber um den Film geht es an dieser Stelle ja nicht. Sondern darum, was der Dienst taugt. Das Streaming funktioniert (wie zu erwarten) einwandfrei, auch wenn es dauert, bis nach dem Klick auf Play der Film auch tatsächlich startet. Das dürfte aber am VPN liegen.

Drei Qualitätsstufen zur Wahl

Die Qualität ist in Ordnung. Man hat drei Stufen zur Auswahl: Gut (ca. 0,38 GB pro Stunde), Besser (1,40 GB pro Stunde) und Am besten (6,84 GB pro Stunde); und auch die beste Stufe hat via VPN keine Ruckler oder Aussetzer verursacht. Die Optionen sind indes bescheiden: Via VPN mit US-Server gibt es nur die englische Tonspur (Stereo) und nur englische Untertitel. Bei einem Test mit Freevees in Deutschland (mit «Falling Skies») kann man zwischen deutscher und englischer Tonspur und Untertiteln in den gleichen Sprachen wählen.

Der Webplayer gibt drei Qualitätsstufen zur Auswahl. (Und er zeigt an, wann der Film durch Werbung unterbrochen wird.)

Was die Werbung angeht, kann ich vermelden, dass die Dauer weit von den angedrohten neun Minuten pro Stunde liegt. Das kann natürlich variieren und es ist denkbar bzw. sogar wahrscheinlich, dass die Menge der Werbung über die Zeit zunimmt – zumindest würde ich es so machen, damit die Zuschauer Gelegenheit haben, sich an Streaming mit Werbepausen zu gewöhnen, ohne gleich wieder zu Netflix zurückzukehren.

Bei meinem Test gibt es die erste Werbeunterbrechung nach 22 Minuten, die zweite nach 34 Minuten. Bei den ersten beiden läuft ein Spot von bloss ein paar Sekunden. Die dritte Unterbrechung um 45 Minuten ist mit rund dreissig Sekunden etwas länger, aber auch erträglich. Allerdings: Wenn man die Wiedergabe abbricht und dann neu startet, gibt es mehr Werbung. Ich habe neunzig Sekunden gestoppt.

Die Werbung kommt nicht ganz überraschend

Angenehm auch: Die App zeigt an, wann die Spots eingestreut werden. Nach den drei ersten Pausen gibt es nur noch zwei Unterbrechungen (nach 1:07 Stunden – dann aber bereits mit vier Spots – und 1:17 Stunden). Auch das ist moderat im Vergleich zum Privatfernsehen, wo es am Anfang eines Films wenig und gegen Ende immer mehr Werbung gibt. Störend finde ich, dass die Pausen offenbar am Ende einer Szene eingefügt werden sollen, die Platzierung aber nicht genau funktioniert.

Der Test findet mit PureVPN statt.

Fazit: In der Form könnte sogar ich mich mit Freevee anfreunden. Ein Schwachpunkt scheint mir allerdings der Katalog zu sein: Ich habe bei Amazons Streamingdienst nichts gefunden, was ich unbedingt würde sehen wollen. Es gibt zwar einige «Originals», aber nichts, was mich effektiv reizen würde. Auch der Rest des Katalogs haut mich nicht aus den Socken – zumal ich «Mad Men» schon gesehen habe und mir «Lost» nicht noch einmal antun muss. Aber vielleicht kriege ich doch noch Lust, noch einmal in der Welt von Magnum P.I. abzutauchen. Und wenn es so weit ist, werde ich mich mit Freude an Freevee erinnern.

Beitragsbild: Man hätte vor dem Streamen ja noch aufräumen können (Andrea Piacquadio, Pexels-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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