Land of the free, my ass

«The F*ck-it List» von John Niven beschreibt den Zustand des Trump-Amerikas auf tref­fende und nieders­chmet­ternde Weise. Aber noch besteht Hoffnung – noch ist Ivanka nicht die Präsi­dentin der USA.

Unverständnis und Konsterniertheit: Das sind die Gefühle, die in mir wachsen, wenn ich die Geschehnisse in den USA verfolge. Land of the free, my ass! Was dort passiert, ist zwar global gesehen nicht einzigartig, aber es trifft Leute wie mich besonders, weil die Vereinigten Staaten in vielem ein Vorbild und Vorreiter sind. Das lässt einen befürchten, dass viele der politischen Auswüchse auch zu uns herüberwuchern werden. Die reaktionäre Gegenbewegung wird hierzulande viele der gesellschaftlichen Errungenschaften zunichtemachen; Anzeichen dafür sehen wir bereits.

Das Buch, das dieses Gefühl exakt auf den Punkt bringt, stammt nicht von einem Amerikaner, sondern von einem Schotten:

Jawoll, scheiss – Pardon: schiess drauf!

Er heisst John Niven und hat uns auch das grossartige Buch «Gott bewahre» (Gott, was für ein Heiland!) geschenkt. Sein Buch The F*ck-it List (Deutsch Die F*ck-it-Liste) stammt von 2020.

Doch als ich es im Frühsommer 2022 gelesen habe, hatte ich das Gefühl, live dabei zu sein, wie der Autor seine Geschichte erfindet. Einige der Ereignisse, die in seiner Geschichte den Hintergrund bilden, sind annähernd zeitgleich mit meiner Lektüre passiert. Eine fiktionale Geschichte, die wahr wird, während ich sie erlebe – das ist ein gruselig-metaphysisches Gefühl.

Ein Hellseher?

Aber es heisst nicht, dass John Niven ein Hellseher wäre. Nein; er hat sich lediglich auf ein Gedankenexperiment eingelassen, sich die Folgen ausgemalt und hat dabei die logischen Konsequenzen aufgezeigt. Nun ist die Ausgangslage seines Gedankenexperiments zwar nicht eins zu eins eingetroffen. Viele der antizipierten Folgen sehen wir allerdings trotzdem. Man könnte sagen, dass die Wirklichkeit die Fiktion sogar überholt hat.

In «The F*ck-it List» malt sich John Niven aus, wie es wäre, wenn Trump eine zweite Amtszeit hätte absolvieren können. Im Anschluss hat er, statt das Feld endgültig zu räumen, mit einem Trick Ivanka Trump ins Amt gehievt und eine Art Dynastie etabliert. Die Folgen sind starke faschistische Strömungen, weisse Vorherrschaft, noch mehr Waffen und deren Verherrlichung und ein Klima der Intoleranz und der Ausgrenzung.

Bevor es hier einige Details zur Geschichte gibt, mein Fazit: Das Buch ist Satire schmerzhaft nah an der Wirklichkeit, nicht so brüllend komisch wie «Gott bewahre», aber genauso relevant. Natürlich werden es die falschen Leute lesen, nämlich diejenigen, denen längst klar ist, wie sehr das alles in die falsche Richtung läuft. Und leider gibt einem Niven auch keinerlei Hoffnung: Bei ihm ist der Zug abgefahren, sowohl für die Hauptfigur als auch für die USA. Aber in Realität besteht noch ein bisschen Hoffnung, zumal Ivanka Trump uns zumindest vorerst erspart geblieben ist.

Soll man sich dieses Buch wirklich antun?

Soll ich das Buch empfehlen? Den Eskapismus befördert es nicht, die Zuversicht auch nicht. Darum wäre No good deed (Alte Freunde) womöglich die bessere, weil lustigere Wahl? Ich kann auch die Entscheidung leider nicht abnehmen, aber gelungen ist dieses Psychogramm der trumpschen USA allemal.

Kurz einige Hinweise zum Inhalt, der ab jetzt Spoiler enthält.

Die Hauptfigur im Buch ist Frank Brill, ein abgehalfterter Zeitungsjournalist, der die ganze Entwicklung vom Bleisatz bis hin zum Niedergang des Zeitungswesens am eigenen Leib erlebt hat. Das Mediensterben ist nicht das einzige gesellschaftliche Ereignis, das in seinem Leben Spuren hinterlassen hat. Als Rentner ist er allein, weil er seinen Sohn in einem Schulmassaker verloren hat und seine Tochter nach einer unsachgemässen Abtreibung verblutet ist. Denn auch in Frank Brills Amerika wurde Roe v. Wade gekippt.

Frank steht mit leeren Händen da. Er hat Prostatakrebs, den er zu behandeln ihm Geduld und Energie fehlen. Und hat noch seine Verzweiflung. Wenn er versucht, bei Twitter als Angehöriger eines Opfers gegen die Aufgabe jeglicher Waffengesetze anzutreten, dann erlebt er, dass er keine Chance gegen die Übermacht der Gegner hat – bis ihn jemand aufklärt, dass gegen Trolle kämpft, die in Sankt Petersburg in einer von Putins Desinformations-Farmen hocken.

Fuck it von oben nach unten

Also, was macht ein Mann in Franks Lage? Er schreibt sich seine Fuck-it-Liste, auf der all die Leute stehen, mit denen er noch eine Rechnung offen hat. Die fängt mit einem Sportlehrer von der Highschool an, der seinen Freund sexuell bedrängt und in den Selbstmord getrieben hat. Und sie hört mit dem Mann auf, der den Niedergang des Landes personifiziert. Frank lässt sich mithilfe eines Freundes in dessen Golfclub in Mar-a-Lago einschleusen und tut, was seiner Meinung nach getan werden muss.

Dazwischen nimmt die Geschichte einige Wendungen, indem ein übergewichtiger Polizist, der seit Franks erstem, reichlich amateurhaften Rachemord die Witterung aufgenommen hat, ihn kurz vor dem Ziel einholt (oder fast einholt?). Als Thriller ist das etwas dünn – aber als moralisches Dilemma umso überzeugender: Warum drücken wir Frank bei seinem Feldzug die Daumen, obwohl wir Selbstjustiz aus tiefstem Herzen ablehnen? Aber natürlich, die Diskussion um den Tyrannenmord ist so alt wie die Philosophie selbst.

Schuld oder Sühne?

Aber eben: In dem Fall ist es so, dass der Tyrann nicht mehr an der Macht ist, sondern die an seine Tochter abgetreten hat. Und es ist auch so, dass Frank einen eigenen Fehler ungeschehen machen will, der sich nicht ungeschehen machen lässt. Er hat nämlich 2016 selbst für Trump gestimmt, weil er Hillary Clinton unsympathisch fand. Darum darf man sich als Leser fragen, ob es tatsächlich Rache ist – oder eine reichlich verquere Form der Selbstbestrafung.

Darum unterstelle ich dem Autor, dass er nicht die Selbstjustiz propagiert. Man sollte das Buch als Aufruf verstehen, es nicht so weit kommen zu lassen, dass vernünftigen Leuten nur noch die Unvernunft bleibt.

Beitragsbild: Freuen wir uns auf 2024 (Dalton Caraway, Unsplash-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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