Der Verrat der Lerchen an den Eulen

Zwei Apps für Sonnenanbeter: Solar Time zeigt die eigentliche Sonnenzeit an und Sundial Solar & Lunar Time ist eine Sonnen- und Mond-Uhr, bei der man Alarme abhängig vom Sonnenstand setzt.

Solar Time: Das wäre die Uhrzeit, wenn wir uns nur nach der Sonne richten würden.

Es gibt Apps, die absolut keinen Zweck erfüllen – ausser einen irrationalen Wissensdurst zu stillen.

Eine solche App ist Solar Time, die es für 1 Franken fürs iPhone und iPad und für Android gibt. Bei Android existiert auch eine kostenlose, werbefinanzierte Variante.

Diese App tut nichts anderes, als die Sonnenzeit anzuzeigen. Sie ist quasi eine digitale Sonnenuhr, jedoch mit zwei wesentlichen Unterschieden: Erstens ist für die Nutzung der App die Sonne unmittelbar nicht vonnöten. Und zweitens zeigt die App auch die Differenz zur offiziellen Zeit an und listet die Faktoren auf, die eine Rolle spielen.

Wieso stehe ich eigentlich Tag für Tag anderthalb Stunden zu früh auf?

Wie gesagt: Einen praktischen Nutzen hat das nicht – ausser, dass sie eine Steilvorlage bietet, sich mit einem Thema zu beschäftigen, über das wir in der Schule ein bisschen etwas gehört haben, das aber bei näherer Betrachtung einige Überraschungen parat hält.

Erstens finde ich folgendes verblüffend: Hier in Winterthur hinkt die Sonnenzeit der offiziellen Zeitmessung fast anderthalb Stunden hinterher. Jetzt, wo ich das schreibe, ist es zufälligerweise gerade 12:34 Uhr. Zumindest gemäss der Sonne. Normale Uhren zeigen zwei Minuten vor zwei an.

Die Leute, die sich wie ich eher zum Chronotyp der Langschläfer zählen, werden sich sofort einwerfen, dass sie es schon immer gewusst haben und dass die offizielle Zeitmessung ein Verrat der Lerchen an uns Eulen darstellt, und dass dieser Verrat durch die Sommerzeit noch um eine Stunde verschärft wird.

Doch so leid es mir tut: Das ist zu kurz gedacht. Ich habe einen Ort gefunden, bei denen sich die Frühaufsteher beklagen könnten. Sieht man sich die Karte mit den Zeitzonen an, dann findet man heraus, dass die Mitteleuropäische Zeit sich ziemlich breitmacht. Bei Wikipedia heisst es denn auch:

Der Geltungsbereich der MEZ reicht in Mitteleuropa im Winterhalbjahr vom Kap Touriñán in Spanien (9° 17′ West) bis zum Fluss Bug bei Hrubieszów in Polen (24° 10′ Ost), im Subpolarbereich sogar bis Vardø in Norwegen (31° 6′ Ost). Die ideale Breitendifferenz von 15 Grad wird mit fast 33,5 Grad beziehungsweise fast 39,5 Grad deutlich überschritten.

Nimmt man also dieses Vardø als sehr weit östlich liegendes Land, dann ist dort die Sonne der mitteleuropäischen Zeit sogar im Sommer voraus; nämlich ganze vier Minuten.

Zumindest, falls ich keinen Fehler gemacht habe. Leider erlaubt es die Solar Time-App nicht, den Ort für die Berechnung manuell auszuwählen. Die App verwendet immer den Standort des Nutzers.

18 Minuten Unterschied in der Schweiz

Ich habe darum die Webanwendung hier benutzt, bei der man den Längengrad eines Ortes angeben kann. Auch sie ist ein guter Anlaufpunkt für Leute, die mehr über die Sonnenzeit erfahren wollen. Man findet heraus, dass in der Schweiz zwischen der westlichsten Gemeinde, Chancy und der östlichsten Gemeinde, Val Müstair (siehe Geografische Extrempunkte der Schweiz) immerhin 18 Minuten Unterschied bestehen.

Und damit das auch noch gesagt ist: Die Webanwendung und die Solar Time-App kommen nicht genau auf die gleichen Resultate; mit der Eingabe 8,72671 für den Längengrad von Winterthur errechnet sie 1 Minute und 10 Sekunden weniger als Solar Time. Wer recht hat, kann ich an dieser Stelle nicht entscheiden – denn so weit geht mein Ehrgeiz nun auch wieder nicht. Doch ich habe immerhin eine Vermutung, was die Ursache für den Unterschied sein könnte.

Einen Anhaltspunkt für die habe ich im Wikipedia-Artikel zur Sonnenzeit gefunden:

Im Gegensatz zur Tageszeit vergeht die Sonnenzeit nicht ganz gleichmässig, da die Sonne scheinbar ungleichmässig durch den Himmel läuft. Ursachen dafür sind die Jahresbewegung der Erde auf elliptischer, d. h. nicht-kreisförmiger Bahn um die Sonne und die nicht senkrecht auf dieser Bahn stehende Erdachse.

Dazu liefert der Beitrag zwei Fachbegriffe. Der erste lautet wahre Ortszeit, abgekürzt WOZ. Er repräsentiert die Sonnenzeit mit ihren Schwankungen. Der zweite Begriff heisst mittlere Ortszeit (MOZ), bei dem diese Schwankungen ausgebügelt werden. Die Unterschiede zwischen WOZ und MOZ können zweimal im Jahr bis maximal plus/minus eine Viertelstunde betragen.

Die glattgebügelte Zeit

Eine solche, glattgebügelte Variante ist natürlich eine sinnvolle Sache, weil niemand eine Zeiteinteilung haben will, bei der nicht alle Stunden des Tages gleich lang sind. (Ausser vielleicht Schüler, die herausgefunden haben, dass mit der WOZ die Mathestunde ein paar Minuten kürzer ausfallen würde. Aber ehrlich: Wenn sie das ausrechnen können, dann haben sie es verdient, ein paar Minuten früher in die Pause zu können.)

Jedenfalls gehe ich davon aus, dass der eine Algorithmus die WOZ, der andere die MOZ berechnet; aber das ist nicht ausreichend klar ausgewiesen. Das ist etwas schade, weil es Astronomen sicherlich ganz genau würden wissen wollen. Ich als Laien kann mit der Diskrepanz leben – zumal ich mich daran gewöhnt habe, dass auch die Apple Watch und meine Garmin Uhr bei der Angabe von Sonnenauf- und Untergang mitunter ein, zwei Minuten auseinanderliegen.

Eine hübsche App, sogar mit Zifferblatt für die Apple Watch

Sundial Solar & Lunar Time: Eine ausgeklügelte, digitale Sonnenuhr.

Wer findet, dass ihm die Solar Time-App für 1 Franken etwas gar wenig bietet, der sollte sich Sundial Solar & Lunar Time ansehen; diese App gibt es fürs iPhone und iPad und sie hat auch ein schönes Zifferblatt für die Apple Watch – wofür es allerdings einen In-App-Kauf für 10 Franken braucht, der auf die Plus-Version updatet. (Nur das Zifferblatt gibt es für 5 Franken.)

Diese App zeigt auf zwei konzentrischen Ringen die Sichtbarkeit von Sonne und Mond, wobei die Sonne auch Morgen- und Abenddämmerung und einige weitere Daten ausweist, die für Leute, die sich nach der Sonne richten, interessant sein könnten. So oder so einfach eine schöne Darstellung, die sich ausgezeichnet als Zifferblatt macht.

Obendrein kann man sich Alarme setzen; beispielsweise 45 Minuten vor Sonnenuntergang, damit man von seinem Abendspaziergang rechtzeitig wieder zurück ist.

Beitragsbild: Die Sonne – mal etwas schneller, mal etwas langsamer unterwegs (Pixabay, Pexels-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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