Nein, das Homeoffice führt nicht dazu, dass wir demnächst alle arbeitslos sind

Die NZZ und nau.ch behaupten, wegen des Homeoffices würden jede Menge Arbeitsplätze ins Ausland ausgelagert – und viele von uns arbeitslos. Das ist polemische Angstmacherei, die sich widerlegen lässt.

Das Homeoffice ist der Anfang vom Ende für viele Arbeitnehmer – zumindest, was ihre Erwerbstätigkeit angeht. Das ist die These, die im Beitrag Für immer im Homeoffice vertreten wird.

Der Autor, Ronnie Grob, hat sie sich nicht selbst ausgedacht. Sie war vor kurzem auch in der NZZ zu lesen: Angestellte im Home-Office, nehmt euch in acht!

Die These zusammengefasst: Dank Corona stellen die Arbeitgeber fest, dass die Arbeit auch erledigt wird, wenn die Angestellten nicht in die Büros kommen. Daraus werden sie den Schluss ziehen, dass diese Arbeit auch an Orten erledigt werden kann, wo viel günstigere Löhne bezahlt werden – also irgendwo auf der Welt.

Die NZZ macht sich wenigstens die Mühe, diese Argumentation mittels einer Studie zu untermauern:

Eine Arbeit der Universität Basel kommt zu ähnlichen Schlüssen. Unter dem Titel Heute Home-Office, morgen Offshoring haben zwei Ökonomen (Rolf Weder und Christian Rutzer) diverse Berufe auf ihre Eignung für Telearbeit untersucht.

Grob seinerseits argumentiert ohne Studie, stellt dafür – ohne jeden Beleg – die Schweizer Homeoffice-Arbeiter als etwas faul dar:

In Pakistan, im Niger und in China (und natürlich auch in Ungarn, in Polen und in Rumänien) warten Hunderte Millionen von klugen, fähigen und fleissigen Talenten darauf, in den Wettbewerb treten zu können mit Leuten, die es gerne etwas gemütlich nehmen im Schweizer Homeoffice (…)

Ich bin nun kein Ökonom, erlaube mir aber trotzdem, dieser Behauptung entgegenzutreten. Erstens, weil die Argumentation frappante Lücken enthält. Und zweitens, weil sie unnütze, polemische Angstmacherei ist. Man darf politische Gründe vermuten. Ronnie Grob ist ein Gegner der Corona-Schutzmassnahmen, wie man aus diesem Interview hier erfährt:

Nein, Lockdowns sind hilflose Zwangsmassnahmen von Regierungen, die in der Bilanz mehr Schaden als Nutzen anrichten. (…)

Aus dieser Haltung heraus ergibt es Sinn, die Angst vor dem Homeoffice zu schüren. Denn wer fürchtet, dass diese vergleichsweise harmlose Schutzmassnahme ihm mittelfristig den Job kosten würde, der wird sich in seiner Verunsicherung auf die Seite der Leute schlagen, die sofort zur Normalität zurückkehren wollen – und auch die anderen Schutzmassnahmen infrage stellen.

Und es mag an mir liegen, aber ich lese zwischen den Zeilen eine gewisse Schadenfreude durch. Subtext: «Das habt ihr nun davon, ihr, die ihr alles mit euch machen lässt und brav in eurem Homeoffice hockt.»

Mich stört auch die Arroganz den Leuten gegenüber, für die diese Arbeitssituation alles andere als einfach ist – wie dieses Symbolbild hier zeigt:

Beitragsbild: Das habt ihr jetzt davon, dass ihr im Homeoffice nur faul herumhockt, pardon: arbeitet und auch noch Haushalt und Familie betreut (Standsome Worklifestyle, Unsplash-Lizenz).

Offshoring? Wieso haben wir nicht längst daran gedacht?

Aber zurück zur Argumentation. Die These im Artikel besagt, dass die Arbeitgeber durchs Homeoffice einen Geschmack fürs Offshoring entwickeln und Freude daran finden, Jobs ins Ausland zu verlagern.

Mich erstaunt, dass NZZ und Ronnie Grob den Arbeitgebern derartige Naivität unterstellen. Glaubt im Ernst jemand, dass kostenbewusste Gewinnmaximierer erst eine Pandemie brauchen, um auf diese Idee zu kommen? Wie kann man so tun, als ob das ein völlig neuer Prozess wäre, der erst durch die Pandemie überhaupt in Gang kommt?

Das ist doch Quatsch mit Sosse.

Es ist offensichtlich, dass diese Pandemie nicht Auslöser, sondern eine Folge der Globalisierung ist. Die Debatte um die Auslagerung von Arbeitsplätzen, gerade mithilfe des Computers, ist Jahrzehnte alt. Erinnern wir uns doch an die Parole Kinder statt Inder, mit der CDU-Politiker Jürgen Rüttgers vor mehr als zwanzig Jahren die gleichen Ängste befeuert hat.

Und auch wenn es damals eher um die Zuwanderung als ums Offshoring ging, dann macht das für die Argumentation keinen Unterschied: Denn mir als Arbeitnehmer, der auf die Strasse gestellt wird, kann es egal sein, ob dieser Ausländer zu Hause in Indien oder als Immigrant in Europa meinen Job erledigt.

Offshoring für jedermann

Es ist auch nicht neu, dass das Internet in den letzten Jahren solche Auslagerungen massiv vereinfacht und für jedermann zugänglich gemacht hat. Nicht nur Unternehmer, auch Private können Aufträge an Leute irgendwo auf der Welt vergeben und im Vergleich zu einheimischen Dienstleistern eine Menge Geld sparen. Stichworte sind Mikrojobs und Clickworker-Plattformen, die wir hier und hier mit Paywall ausgestet haben.

Und ja, man kann argumentieren, dass die Erfahrungen mit der Pandemie und dem Homeoffice eine Entwicklung, die es seit langem gibt, anheizen könnte.

Genauso gut kann und darf man die gegenteilige These vertreten: Was, wenn die Unternehmer feststellen, dass vermehrtes Homeoffice eine hervorragende Möglichkeit ist, Kosten zu senken, und das Arbeiten von Zuhause obendrein im Interesse der Arbeitnehmer ist?

Eine solche Erkenntnis würde den Reiz des Offshorings massiv senken, weil man günstiger produzieren und darüber hinaus die angestammten und erfahrenen Leute behalten kann. Denn was Ronnie Grob und die NZZ geflissentlich unterschlagen, sind die Risiken des Offshorings. Es gibt viele Hürden; die offensichtliche ist die Sprachbarriere.

Warum so heimatmüde?

Ronnie Grob sieht sich als Journalist selbst gefährdet. Doch welcher indische Remote-Journalist hat ausreichend Sprachkenntnis, dass er diesen Text, so tendenziös er auch ist, hätte schreiben können? Die Leserschaft regt sich bekanntlich schon auf, wenn einem deutschen Blattmacher eine teutonische Formulierung entwischt.

Und selbst wenn Deepl.com den Text perfekt aus Hindi überträgt, würden wir gegen die zweite Hürde prallen. Das ist die kulturelle Barriere, die meines Erachtens noch viel tückischer ist und viele schwer zu behebende Reibungsverluste verursacht.

Fazit: Das ist polemische Angstmacherei. Ich bin überzeugt, dass die Erfahrungen mit Homeoffice unsere Arbeitswelt verändern werden. Die Erkenntnis, dass sich viele Aufgaben viel flexibler werden erledigen lassen, dürfte der Kern dieser Erkenntnisse sein. Doch daraus einfach zu schliessen, dass nur das Kostenargument zählen wird, ist kurzsichtig.

Der Markt regelt sonst doch alles

Und als Klammerbemerkung sei gesagt, dass es auch seltsam ist, wenn dieses Argument gerade aus jener Ecke kommt, die findet, dass der Markt immer alles regelt, und dass das zum Besten von uns allen ist – und die obendrein Selbstverantwortung predigt. Diese beiden Artikel belegen im Kern nicht nur, dass der Markt eben nicht alles zu unserem Besten regelt, sondern auch, dass die Eigenverantwortung nicht funktioniert – sonst würden es die Leute nicht «etwas gemütlich nehmen im Schweizer Homeoffice».

Nein, die Veränderungen werden viel komplexer sein. Und wie gesagt: Mit Corona steht auch die Globalisierung auf dem Prüfstand. Ich teile die im «Time»-Magazine vertretene Ansicht, dass Corona die Globalisierung nicht killen, aber verändern wird. Wir sind gut beraten uns zu überlegen, wo überall es sinnvoll ist, wieder regionaler zu denken – auch, was die digitalen Arbeitsweisen angeht.

Beitragsbild: Im Homeoffice eine ruhige Kugel schieben (Kinga Cichewicz, Unsplash-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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