Wumms aus der Wolke

Bei Shadow mietet man sich einen PC in der Cloud. Gedacht ist das für Gamer, aber wie ich ausprobiert habe, kann man auch problemlos anspruchsvolle Anwendungsprogramme laufen lassen.

Mit Digichris habe ich neulich eine Sendung zum Cloud Computing gemacht: Rechenpower aus der Wolke.

Die Idee ist einleuchtend: Statt dass man sich selbst einen hochgezüchteten Gaming-PC baut, mietet man einen übers Netz. Man kann ihn auch über schwachbrüstige Endgeräte nutzen, sodass man seine alten Laptops oder PCs nicht wegwerfen, sondern weiter benutzt. Und sogar Tablets oder, mit Abstrichen, High-End-Smartphones sind benutzbar.

Nun bin ich kein Gamer mit Ambitionen. Ich betreibe Casual Gaming, hauptsächlich am Smartphone. Noch heute sind meine Ziele in dieser Disziplin bescheiden. Ich bin zufrieden, wenn ich bei der Solitaire Collection von Microsoft das Tagesziel erreiche.

Nun kann man diese gemieteten Computer nicht nur fürs Gaming benutzen – zumindest in den meisten Fällen. Fürs Video habe ich Shadow getestet, einen Anbieter aus Frankreich. Er stellt einem einen Windows-Desktop zur Verfügung. Auf dem kann man installieren, was man will: Steam, um sich dann die Lieblingsgames zu holen. Oder aber auch die Creative Cloud von Adobe – so, wie ich es getan habe. Denn es ist nicht so, dass ordentlich Rechenpower nur fürs Zocken brauchbar wäre. Man kann damit zum Glück auch sinnvolle Dinge anstellen.

… und bevor mir die E-Sportler unter euch erklären, wie sinnvoll und nützlich ihr Betätigungsfeld für die Menschheit ist: Das war ironisch gemeint. Wenigstens ein bisschen.

Also, hier das Video zu dem Ding, das man in Tech-Sprech wohl Desktop as a Service nennt:


Was taugt der Supercomputer aus der Cloud?

Bleibt die Frage, wie zuverlässig die Sache denn funktioniert. An meinem Windows-PC hatte ich mehrfach Verbindungsprobleme. Der hat allerdings seit jeher ein WLAN-Problem (siehe WLAN-Ärger zum x-ten). Er ist als Kandidat für so einen Test eigentlich ungeeignet. Allerdings bin ich der Ansicht, dass es nichts bringt, Tests immer unter idealen Laborbedingungen durchzuführen. Eine Lösung muss unter Praxisbedingungen funktionieren, sonst bringt sie im Alltag nichts.

Am iPad hat die Verbindung immer einwandfrei funktioniert: Mit dem sass ich jedoch am Küchentisch, wo die WLAN-Abdeckung deutlich besser ist als im Büro. Das bestätigt, was sowieso klar war: Solche gestreamten Desktops lassen sich nur vernünftig nutzen, wenn man eine schnelle und zuverlässige Internetverbindung hat. WLAN ist allein wegen der Latenz ein Problem. Bei nicht tipptopp zuverlässigen Routern kommt man um Optimierungsbemühungen gemäss den Tipps im Beitrag Die WLAN-Maschen enger ziehen nicht herum.

Fazit: Ich finde das eine coole Sache. Klar – nicht in jedem Fall ersetzt der Miet-Desktop den eigenen Computer; das erkläre ich auch im Video so. Aber wenn man nur gelegentlich die dicken Apps auffährt und normalerweise mit relativ schwachbrüstiger Hardware zufrieden ist, dann ist das ein absolut gangbarer Weg.

Spannend wäre die Frage um die Nachhaltigkeit: Wenn man seine ältere Hardware länger in Betrieb hat, dann ist das ein wirkungsvoller Beitrag zur Reduktion von Elektroschrott. Gleichzeitig produziert man Last in einem Rechenzentrum und einen nicht unerheblichen Datenverkehr – und das hat mehr Strom- und Ressourcenbedarf zur Folge.

Die beiden Faktoren gegeneinander aufzurechnen, dürfte schwierig bis unmöglich sein: Denn während ich zu Hause zum Beispiel nur Ökostrom von den Winterthurer Stadtwerken beziehe, habe ich keine Ahnung, wie die in Frankreich ihre Server betreiben. Die Wahrscheinlichkeit ist recht hoch, dass Atomstrom mit im Spiel ist – was ich wiederum nicht so toll finde.

Trotzdem: Ein Anbieter wie Shadow wird seine Infrastruktur allein aus wirtschaftlichen Gründen effizient und ressourcensparend beitreiben und die Hardware mutmasslich besser amortisieren, als ich das als Einzelanwender kann. Die These scheint mir vernünftig, dass die Ökobilanz zumindest Gelegenheitsnutzer positiv ausfällt.

Ich habe das günstigste Angebot von Shadow getestet, das für 15 Franken pro Monat. Die beiden teureren Abos (35 bzw. 55 Franken) stellen noch mehr Wumms zur Verfügung.

Update

Den Beitrag habe ich schon vor einiger Zeit geschrieben und etwas vor mir hergeschoben – hauptsächlich mit der Absicht, dass das Angebot bei Veröffentlichung in der Schweiz auch wirklich verfügbar ist. Beim Schreiben hiess es, ab Anfang April gehe es los.

Nun hat mich Manuel mit seinem Kommentar darauf aufmerksam gemacht, dass das nicht der Fall ist. In den FAQ heisst es:

Zwischen der Bestellung und der Lieferung deines Shadows ist der logistische Aufwand enorm und benötigt derzeit mehrere Monate.

Das ist etwas unglücklich, denn womöglich hätte man gerade jetzt, zu Corona-Zeiten, ausreichend Zeit fürs Gamen oder um in Blender sein erstes 3-D-Universum zu bauen. Aber gut, es gibt Alternativen. Im Beitrag Mit Software-Streaming teure Hardware sparen hatte ich einige erwähnt, die ich allerdings selbst nicht getestet habe:

Die Fachzeitschrift «c’t» führte Anfang Jahr Tests durch und kam zum Schluss, dass diese Form des Cloud-Computings auch für Privatanwender interessant ist. Der Unterschied zwischen dem lokalen Desktop und dem Cloud-Desktop sei «nicht spürbar». Getestet wurden Shadow.tech (ab 15 Franken pro Monat), Parsecgaming.com (Preis je nach Konfiguration) und Liquidsky.com (Abrechnung per Credits).

Beitragsbild: Hier irgendwo ist der virtuelle Desktop zu Hause (Panumas Nikhomkhai, Pexels-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

2 Gedanken zu „Wumms aus der Wolke“

  1. Soso, als Journalist muss man natürlich nicht bis August warten wie das gemeine Volk. 🙂 Das günstigste Abo scheint neu zu sein. Jetzt wird es preislich wirklich attraktiv, auch wenn man nicht jeden Tag spielt. Man kann den Rechner auch zum Arbeiten verwenden. Raspberry Pi als Thin Client und unterwegs greift man vom Tablet aus zu. So kann man immer die gleichen Anwendungen verwenden. Nur die Multi-Monitor-Unterstützung wird man evtl. vermissen, die soll jedoch nachgereicht werden.

    Für sogar noch etwas weniger bekommt man bei anderen Anbietern einen virtuellen Server, auf den man per RDP zugreifen kann. Dieser hat keine so starke Hardware (besonders nicht Grafikkarte), aber er läuft rund um die Uhr. Der PC bei Shadow wird heruntergefahren, wenn man die Verbindung trennt. Anwendungen über mehrere Tage offen lassen oder Berechnungen durchführen geht also nicht. (Wenn Shadow für jeden Kunden einen PC zur Verfügung stellen müsste, wäre es erheblich teurer.)

    1. Hey, ich musste in Paris anrufen, um den Testzugang herauszuschinden. 😮

      Und als ich den Beitrag geschrieben habe, war ich der Meinung, es gehe in der Schweiz im April los – so habe ich den Beitrag auch hier im Blog geplant. Dass davon nicht mehr die Rede ist, habe ich erst durch deinen Kommentar bemerkt. In den FAQ heisst es jetzt «Zwischen der Bestellung und der Lieferung deines Shadows ist der logistische Aufwand enorm und benötigt derzeit mehrere Monate» – die scheinen ziemlich am Anschlag zu rotieren – was vermutlich allein meiner Berichterstattung zuzuschreiben ist. 😉

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