Reykjavík dunkelgrau

Ich habe ein kleines Flair für Islandkrimis – siehe hier, hier oder auch hier. Darum habe ich mich gefreut, neulich bei Audible ein schönes Hörbuch namens Snare von Lilja Sigurdardóttir. Es gibt das unter dem Titel Das Netz auch in Deutsch – wobei die Titel verwirrend sind. Es handelt sich nämlich um eine Trilogie, bei der in Englisch der erste Teil den Titel «Schlinge» (Snare) trägt, in deutsch jedoch der zweite Teil. Der zweite Teil heisst in Englisch Trap und der dritte Cage. In Deutsch: Der Käfig. Immerhin hier waren sich die Übersetzer einig.

Lilja Sigurdardottir legt in «Snare» nicht nur zwei, sondern drei Handlungsstränge aus.

Das ist die Ausgangslage: Da ist Sonja, die sich mit ihrem Exmann Adam um das Sorgerecht des Sohns Thomas streitet und zwecks Bestreitung des Lebensunterhalts Kokain ins Land schmuggelt. Da ist Agla, die beim isländischen Bankencrash tief gefallen ist und nun den Kopf hinhalten soll für die Verfehlungen all ihrer Banken-Kollegen und -vorgesetzten, die sich vor dem grossen Knall 2008 eine goldene Nase verdient haben. Und da ist der erfahrene Zollbeamte Bragi, dem Sonjas häufige Grenzübertritte am Flughafen Keflavik längst aufgefallen sind und der sein eigenes Bündel zu schultern hat. Seine Frau ist an Alzheimer erkrankt und sein Chef droht im mit der Pensionierung.

Das ist eine spannende Ausgangslage – und Lilja Sigurdardóttir macht eine solide Geschichte daraus. Ich fühlte mich gut unterhalten – aber hundertprozentig zufrieden bin ich nicht. Der Kappentext verspricht, vor allem in Englisch, etwas mehr, als die Geschichte hält:

Set in a Reykjavík still covered in the dust of the Eyjafjallajökull volcanic eruption, and with a dark, fast-paced and chilling plot and intriguing characters, Snare is an outstandingly original and sexy Nordic crime thriller, from one of the most exciting new names in crime fiction.

Ja, zugegeben: Die Asche des berühmtesten isländischen Vulkans kommt kurz vor im Buch. Und auch sonst ist die Geschichte «isländisch» genug, dass man sie nicht einfach problemlos in ein anderes Land verpflanzen könnte. Ich hätte mir noch ein bisschen mehr Lokalkolorit gewünscht. Die Schauplätze werden bei Arnaldur Indriðason oder auch bei Michael Ridpath noch etwas lebendiger.

Aber zugegeben – das ist ein schwaches Argument, das mehr mit meiner (durch zwei Ferienaufenthalte in Island bedingte) Sentimentalität und meiner Erwartungshaltung als mit dem Buch zu tun hat. Ernsthaft ankreiden darf man dem Titel, dass das Versprechen im Untertitel («Reykjavik Noir») nicht eingelöst wird: Die Story ist, trotz des etwas überzogenen Einsatzes eines echten Tigers nicht schwarz, sondern allenfalls dunkelgrau. Aber dafür muss man die Marketingabteilung des Verlags prügeln, nicht die Autorin.

Und die ist womöglich auch am grössten Manko des Buchs schuld: Dem Ende. Bei dem versanden zwei der drei parallel erzählten Handlungsstränge. Übrig bleibt Sonjas Geschichte, die aber auch nicht am Ende ankommt: Sonja versucht, sich ihrem Schicksal durch Flucht zu entziehen. Und das wird sie natürlich im Teil zwei der Trilogie einholen. Dort tauchen ganz bestimmt auch die Handlungsstränge von Agla und Bragi wieder auf.

Eben: Marketing. Diese Trilogie besteht nicht aus drei Geschichten, die sich zu einem ganzen fügen. Es ist vielmehr eine einzige Erzählung, die zwecks Umsatzsteigerung auf drei Bücher aufgeteilt wurde. Das mag ich als Leser nicht besonders. Ich finde, dass bei einer Trilogie jeder Teil für sich allein stehen können muss. Ansonsten darf man sich als Buchkäufer veralbert vorkommen.

Um abschliessend noch eine echte, auf die Erzählweise abzielende Kritik anzubringen, ein Wort zum finalen Plot-Twist mit Adam: Der hätte mir sehr gut gefallen – wenn ich ihn nicht von so weit hätte kommen sehen, wie man die Hallgrímskirkja in Reykjavík von überallher erblickt. Das hat Spannung gekostet. Es lässt sich aber auch entschuldigen: Denn Island ist klein. Dort kennt jeder jeden und es kann nicht anders sein, als dass der Drahtzieher hinter Sonjas Ungemach aus ihrem nächstem Umfeld kommt.

Fazit: Trotz des Gemäkels hier werde ich mir Teil zwei und drei der Trilogie gönnen. Denn auch wenn die Geschichte nicht perfekt ist – sie verdient eine Chance. Und so wie sich die Isländer nach dem Bankencrash am eigenen Schopf aus dem Sumpf gezogen hat, bringt sicher auch Lilja Sigurdardóttir dieses Abenteuer ins Trockene. Ich hoffe, dass diese Jungautorin ihrer Leidenschaft treu bleibt – denn ich habe das Gefühl, dass bei ihr noch mehr geht.

Beitragsbild: Nicht direkt in oder um Reykjavík, aber immerhin in Grautönen: Der Skógafoss (Dylan Gialanella/Unsplash/Unsplash-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzegungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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