Tut es!

So sieht ein Organspendeausweis nach fast 27 Jahren im Portemonnaie aus.

Es kommt selten vor, dass ich dieses Blog für aktivistische Zwecke nutze. Doch heute ist eine Ausnahme: Heute rufe ich dazu auf, euch bei Swisstransplant anzumelden. Respektive beim Organspenderegister. Dort bekundet man die Absicht, nach seinem Tod seine Organe zu spenden. Das ist bekanntlich eine Opt-In-Angelegenheit: Nur wer sich dazu bereiterklärt, ist Organspender. Es gibt eine Initiative, die wie in Holland das Opt-out-Prinzip ins Gesetz schreiben möchte: Man wäre automatisch Spender, es sei denn, man widerspricht explizit.

Ich trage seit meiner RS ein inzwischen schon reichlich zerfleddertes Organspenderkärtchen in meinem Portemonnaie herum (siehe oben). Aus Überzeugung: Ich verstehe in vielen kontroversen Fällen die Gegenposition, doch nicht in dem Fall: Es liegt irgendwie auf der Hand, dass man seine Organe nicht mehr braucht, wenn man tot ist. «Du brauchst deine Organe nicht mehr» ist quasi ein Synonym für das Wort «Tod». Selbst wenn man an die Seelenwanderung glaubt, was ich nicht tue, dann sollte eigentlich klar sein, dass der Körper ausgedient hat, religiöse Überzeugungen hin oder her. Wirklich, das ist die einzige Spende, bei der man nichts hergeben muss. Denn alles, was man hergibt, ist sowieso weg.

Der Eintrag im Register ist nicht ganz so schnell erledigt, wie man ein Papierkärtchen ausfüllt. Man muss ein Formular ausfüllen, bei dem man seinen Willen bekundet, es unterschreiben und eine Kopie eines amtlichen Dokuments beilegen. Wenn man es schafft, seine Unterschrift in eine PDF-Datei hineinzubekommen – entweder digital in Acrobat oder aber durch Ausdrucken und erneutes Einscannen – und einen Scan der Identitätskarte bereit hat, kann man das sogleich erledigen. Wenn nicht, muss man diese Dinge via Post einreichen, was aber auch nicht so ein grosser Heckmeck ist. Etwas umständlich ist das Verfahren, aber man versteht, dass es nicht möglich sein sollte, den Zeugen Jehovas aus dem Quartier unfreiwillig zu einem Organspender zu machen (übrigens gut, wenn man seine Vorurteile überprüft: Die Zeugen Jehovas sind zwar gegen Bluttransfusionen, die Organspende sei aber «Sache jedes einzelnen», schreiben sie auf ihrer Website).

Auch wenn die Sache für mich klar ist, habe ich versucht, die Gegenargumente zu verstehen. Zum Beispiel hier, im Beitrag Muss sich schämen, wer seine Niere nicht hergeben will? von Laura Díaz auf zeit.de.

Ich will und werde kein einziges Organ spenden. Und an diesem klaren Nein gibt es nichts zu rütteln. Es gibt viele Gründe, eine Organentnahme zu verweigern. Die meisten Menschen plagt die Sorge, dass die Ärzte sie zu schnell aufgeben würden, wenn sie als Organspender registriert sind. Diese Furcht, nicht alle lebensrettenden Maßnahmen zu erhalten, ist riesig.

Äh, warum sollten die Ärzte das tun? Weil sie hinterher damit prahlen können, dank Transplantation ein Leben gerettet zu haben? Können sie nicht, weil sie gleichzeitig einen Patienten verloren haben. Das ist eine völlig irrationale Angst, die einen allenfalls dazu bringen sollte, einmal darüber nachzudenken, aus welchen Gründen man einem Arzt vertraut und wann und warum Misstrauen angebracht wäre.

Akzeptieren kann ich den Einwand, den ich am 29. Oktober 2018 unter dem Titel «Der Mensch als Ersatzteillager» in der Kolumne von Giuseppe Gracia gelesen habe. Er schreibt:

Abgesehen davon gibt es seit Jahren Kritiker, welche die Problematik des Hirntodes grundsätzlich als blinden Fleck der Debatte um die Organspende betrachten. Für diese Kritiker stellt der Hirntod, zu dem es mehr als zwei Dutzend Definitionen gibt, überhaupt keine objektive Todesdefinition dar.

Aber ist es wirklich so schwer, eine «objektive Todesdefinition» hinzubekommen? Man ist tot – das müsste sich irgendwie einvernehmlich feststellen lassen, finde ich. Und etwas früher als nach drei Jahren, wenn nur noch das Skelett im Sarg liegt.

Wie auch immer, zurück zu Laura Díaz:

Die Vorstellung also, dass jemand Fremdes mit meinen Organen weiterlebt, ängstigt mich ungemein. Dass ich gestorben bin, aber einzelne Teile von mir weiterexistieren, erscheint mir wie eine Idee aus einem Science-Fiction-Film.

Da sieht man mal, wie sinnvoll es ist, Fan von Sciencefiction zu sein. Nein, im Ernst: Ich kann diese Furcht theoretisch nachvollziehen, aber praktisch finde ich sie komplett irrelevant. Dieses Problem wird zu Lebzeiten nicht auftreten – und nach dem Tod spielt es keine Rolle mehr. Laura Díaz erwähnt auch Angehörige, die unter dieser Vorstellung leiden. Aber inwiefern ist es besser sich vorzustellen, wie der Körper eines geliebten Menschen im Boden verwest oder im Krematorium verbrannt wird?

Das beste Argument scheint mir das hier zu sein:

Es gibt Menschen auf der Welt, denen würde ich nicht einmal in der Kneipe ein Bier ausgeben wollen, geschweige denn ihnen also eine Niere schenken.

Naja, auf den ersten Blick. Auf den zweiten Blick ist das ein Argument, mit dem man jede Spende, die nicht nach einem intensiven Assesment von Spender zum Empfänger getätigt wird, bleiben lassen kann. Wieso etwas für die Armen tun? Wer garantiert mir, dass der Bauer in Eritrea kein Arschloch ist? Unicef? Jedes Kind hat das Potenzial, zum nächsten Hitler heranzuwachsen! Und noch nicht einmal für den Tierschutz dürfte man mehr etwas tun, wo zum Beispiel Delfine Massenvergewaltiger sind? (Auch wenn die Wissenschaft das natürlich wieder schönredet).

Dieses dritte Argument ist verräterisch, finde ich: Denn es erklärt zu einem gewissen Grad das Misstrauen, das Laura Díaz den Ärzten entgegenbringt: «Was, wenn der Arzt den Empfänger des Organs sympathischer findet als mich, den Organspender?» Ich bin überzeugt, dass die allermeisten Ärzte bestens darin geübt sind, auch Arschlöcher bestens zu behandeln. (Und das gilt nicht nur für Urologen und Proktologen.) Und auch aus Spendersicht kann man eigentlich nur sagen, dass es eine Riesenerleichterung sein sollte, dass man sich deswegen seinen Kopf nun wirklich nicht mehr zu zerbrechen braucht.

Autor: Matthias

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