Eine Anekdote aus dem Giftschrank

Neulich habe ich in meinem Giftschrank das «PC-Kummerbuch 5» gefunden. Das hat zum ersten und einzigen Gerichtsfall Anlass gegeben, an dem ich beteiligt war. Eine alte Geschichte, die inzwischen den Status einer Anekdote hat. Und deswegen auch gut hier im Blog erzählt werden kann.

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Da, wo dieses Fläschchen hingehört, liegt jetzt das Buch, um das es heute hier geht. (Bild: qimono/pixabay.com, CC0)

Als ich im Jahr 2000 beim Tagi angefangen habe, war der «Computerbund», wie er damals hiess, ausgelagert. Eine Firma namens Mediaware hat ihn betreut, und sie hat mich angestellt. Falls ich mich richtig erinnere, ging diese Konstellation auf Roger de Weck zurück. Er wollte auf diese Weise etwas für die hiesige KMU-Szene tun.

Im März 2003 fand das Outsourcing ein Ende. Der Tagi wollte den so genannten sechsten Bund, zu dem auch der montägliche Computerbund gehörte, neu konzipieren. Geplant war ein Gesellschaftsbund, für den Platz geschaffen werden musste. Und damit man auch die Option hatte, für die Gesellschaftsthemen die digitalen aufzugeben, wurde die Zusammenarbeit beendet.

Der Computerbund blieb jedoch bestehen, weil sich die Chefredaktion dann entschied, den Medienbund nicht weiterzuführen. Mein damaliger Kollege Roger Zedi und ich wurden in die Redaktion des Tagesanzeigers übernommen. Unser damaliger Chef hat sich mit einem Artikel verabschiedet, in dem er sich beklagte, alles sei langweilig geworden: «Die PC-Branche gleicht immer stärker dem Automarkt. Die Unterschiede werden kleiner, die Produkte verwechselbar. Und während jedes noch so moderne Auto einen Platten haben kann, ist auch der neuste PC nicht vor einem Absturz gefeit. Das wird sich wohl nie ändern.»

Und zur Verabschiedung gehörte auch ein Abend in der «Helvti» mit einem Bier. Oder mit mehr als einem. Auf dem Foto meines Tamedia-Mitarbeiterausweises, das am nächsten Tag aufgenommen wurde, ist unschwer ein heftiger Kater zu erkennen. Wie auch immer: Ich war der Meinung, dass sich unsere Wege trennen würden. Das war aber ein Trugschluss. Schon im Dezember 2003 hielt er mich und vor allem auch die Rechtsabteilung des Tagesanzeigers in Atem.

Die Ursache dafür war, dass auf dem Schweizer Buchmarkt zwei Bücher mit fast dem gleichen Titel erschienen waren. Das erste hiess «Kummerbuch 5» und wurde vom Werdverlag der Tamedia herausgegeben. Das zweite hatte den Titel «PC-Kummerbuch 5» und kam aus dem Midas-Verlag. Der Inhalt beider Bücher war über weite Strecken identisch: Die gesammelten Beiträge aus der Beratungsrubrik «Kummerbox», die ich seit meinem Eintritt beim Computerbund für den «Tagesanzeiger» betreute. Beim ersten Buch war ich als Autor angegeben. Beim zweiten: Roger Bataillard, mein ehemaliger Chef.

Das war nun einerseits absurd, weil es die Leser verwirrte: Welches Buch sollten sie kaufen? Und andererseits fand ich mich in der seltsamen Situation wieder, in der mein Buch durch meine eigenen Texte konkurrenziert wurde. Man fragt sich zu Recht, wie es dazu kommen konnte.

Ich hatte in Absprache mit der Chefredaktion des Tagesanzeigers die Tradition der Kummerbox-Sammelbände weitergeführt. Offensichtlich war nun aber mein ehemaliger Chef der Meinung, diese Texte seien für die Mediaware, sein Unternehmen, geschrieben worden und könnten daher von ihm publiziert werden. Das Gericht, das über die superprovisorische Verfügung gegen das «PC-Kummerbuch 5» entscheiden musste, ist dieser Argumentation gefolgt und hat das Buch nicht verboten.

Die Frage, ob ein Buch ohne Wissen des Urhebers veröffentlicht werden kann, blieb offen. Für die Tamedia war die Sache erledigt und (nach etwas Nachdenken) auch für mich. Denn viele Exemplare des «PC-Kummerbuch 5» dürften nicht verkauft worden sein. Schliesslich hat der Tagi mit einem Böxchen neben der Kummerbox klar gemacht, welches die autorisierte Variante ist.

Natürlich habe ich die Sache anfänglich persönlich genommen. Vor allem deswegen, weil sie komplett hinter meinem Rücken abgelaufen ist. Es war sogar so, dass mein Ex-Chef und ich uns irgendwann im Herbst 2003 getroffen haben. Er wollte wissen, wie es so laufen würde beim Tagi … und ganz beiläufig hat er auch nach allfälligen Kummerbuchplänen gefragt. Ich habe die ihm bereitwillig dargelegt: Ja, das Buchprojekt sei unterwegs. Ich wäre im Leben nie auf die Idee gekommen, was der Grund für diese Frage sein könnte. Ein bisschen irritiert war ich erst, als der Grafiker, der für die früheren Ausgaben des Buchs das Cover gestaltet hat und von uns auch für die neue Fassung wieder angefragt worden war, weder auf Mails noch auf Nachrichten auf der Combox reagierte.

Damals war ich sauer genug, um meinem ehemaligen Chef eine Betreibung über das meiner Meinung nach fällige Honorar zukommen zu lassen. Heute finde ich, dass ich die Geschichte eigentlich in meine Verschwörungstheorie der Woche gehört hätte. Denn das war es, wenn man vom sehr bescheidenen Ausmass absieht – eine Verschwörung im Westentaschenformat, ein Verschwörungchen. Gerichtet war diese Verschwörung weniger gegen mich; ich war nur der Kollateralschaden. Denn mutmasslich ging es darum, der Tamedia zum Abschied noch eins ans Bein zu geben…

Autor: Matthias

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