Was ist ein Podcast? Nachhilfe für Herrn Niggemeier

Ich habe mich neulich schon mal darüber aufgeregt, was heute so als Podcast bezeichnet wird. Die Definition meines Erachtens ist einfach: Wenn man es in einem Podcatcher (wie dem hier) abonnieren kann, ist es ein Podcast. Wenn man es nur auf einer Website oder in einer App wie der von Spotify oder Audible hören kann, ist es kein Podcast.

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Nein, das inmitten des MDR-Fernsehballetts ist nicht Stefan Niggemeier. (Bild: Manfred Werner – Tsui/Wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

Und nun muss ich den Punkt noch einmal belabern (falls man die englische Redewendung belabor the point so übersetzen kann). Schuld daran ist der «Podcast» mit dem Titel Das kleine Fernsehballett, vom «Tagesspiegel» eindeutig als Podcast tituliert (Sarah Kuttner und Stefan Niggemeier starten Podcast), aber irgendwie nur auf Deezer zu hören.

Immerhin kann man Deezer zu Gute halten, dass man den «Podcast» auch auf der Website konsumieren kann, ohne dass man eine App oder eine Anmeldung benötigen würde. Bei anderen «Podcasts» ist das zumindest offiziell nötig (inoffiziell auch nicht). Allerdings ist der Webplayer etwas vom Grässlichsten, was die Welt je gesehen hat: Er funktioniert mit Flash – und wer heute noch Flash benutzt, hat definitiv den Schuss nicht gehört. Der Player hat keinerlei Controls, mit denen man zum Beispiel vorspulen kann. Heisst: Wenn man aus Versehen die Seite schliesst, muss man wieder von vorn anfangen.

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Ja, und dafür gibt es gute Gründe!

Man sieht, selbst das Pro-Argument hängt reichlich schlapp in den Seilen. Was das entscheidende Kontra-Argumente angeht, habe ich das bereits erwähnt. Aber da es mir wichtig ist, werde ich es gern noch einmal bemühen: Es ist Unfug, den Begriff Podcast für diese Medienform zu kooptieren. Podcasts leben davon, dass der Nutzer sie in einer App seiner Wahl anhören kann. Kostenpflichtige Podcasts sind übrigens möglich und überhaupt nicht verpönt. Die meisten Podcatcher können auch Dateien herunterladen, für die es eine Anmeldung braucht.

Das Problem liegt darin, dass Deezer, Spotify, Audible und Co. diese «Podcasts» als Marketingvehikel einsetzen. Ich würde das als Form des Native Advertising bezeichnen. In «Fest und Flauschig» (siehe hier) erwähnen Jan Böhmermann und Olli Schulz ihren Auftraggeber regelmässig. Ich weiss nun nicht, ob sie dazu verpflichtet sind oder das freiwillig machen. Ich würde ihnen zugestehen, dass letzteres der Fall ist. Andererseits sind die beiden Medienprofis genug, dass sie mich problemlos hinters Licht führen könnten.

Soll ich nun hier dieses Native Advertising-Fass aufmachen? Man müsste an dieser Stelle anerkennend festhalten, dass es ohne das Engagement von Deezer, Spotify, Audible und Co.tolle Inhalte nicht geben würde. Das «Fest und Flauschig» Spass macht, habe ich auch schon geschrieben, und bei der vorletzten Folge habe ich mehrfach laut herausgelacht, auch mitten im Zürcher Hauptbahnhof. Auch «Das kleine Fernsehballett» ist professionell gemacht: Kuttner und Niggemeier harmonieren schön. Niggemeier ist einer der prononciertesten Medienkritiker und top informiert. Und formal funktioniert die Sendung – so weit ich sie gehört habe, bis ich aus Versehen das Browser-Fenster geschlossen habe – ebenfalls einwandfrei. Und ja: Ich weiss, dass man solche Sendungen nicht mit Sponsoring finanziert bekommt. Ich erinnere mich schliesslich noch bestens an unsere diesbezüglichen Erfahrungen mit dem Digitalk. Und auch die Finanzierung durch die Hörerschaft ist im deutschsprachigen Raum und bei nischigen Themen wohl eine Illusion. Wobei – die beiden alten Herren des «Stay Forever»-Podcasts dank Patreon offenbar ganz ordentlich über die Runden kommen.

Egal, ich bin in dieser Frage ein Fundi. Mich stört, wenn Inhalte nicht ihrer selbst willen hergestellt werden. Und ich bin gewillt, den Podcast im herkömmlichen Sinn zu verteidigen. Wenn man als Deezer, Spotify, Audible und Co. Audio-Inhalte dazu benutzt, um Leute auf die eigene Plattform zu bringen, dann soll man das Ding wenigstens entsprechend nennen. Nicht Podcast, sondern meinetwegen audiofones Werbegeschenk. Promocast wäre auch okay. Oder, als Kofferwort von Merchandising und Audio, Merchaudiosing. Da wäre allein die Aussprache hörenswert.

Im Fall von «Das kleine Fernsehballett» kommt noch etwas anderes dazu. Niggemeier ist professioneller Medienkritiker. Da sollte man neutraler Beobachter sein – und nicht Vorreiter in Sachen Merchaudiosing.

Autor: Matthias

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