Wie man selbstverliebte Selfies fabriziert

Camu ist eine testenswerte, kostenlose Kamera-App für iOS. Die App nimmt sowohl Videos als auch Fotos auf, und sie beherrscht die heute unverzichtbare Aufmotzung mittels automatischer Filter.

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Wie der Titel schon sagt.

Das klingt weder neu noch spektakulär. Camu ist trotzdem erwähnenswert, weil die App geschickt mit den Filtern umgeht. Die werden übers Live-Kamerabild gelegt und wo man mit einer horizontalen Wischgeste von einem Filter zum nächsten wechselt – 10 Stück gibt es, vom Vintage-Effekt namens «Nostalgia» über den warm-tönenden «Sunny»-Filter bis hin zu den beiden Selfie-verschönernden Entwicklungsvorgaben «Popstar» und «Rockstar». Die vertikale Wischbewegung steuert den Kontrast: Nach oben: Mehr. Nach unten: Weniger.

Es gibt zweitens einen Selbstauslöser, der das Foto macht, sobald man sich vor der Kamera ruhig verhält. Man kann auch mehrere Fotos hintereinander schiessen lassen, was die Produktion selbstverliebter Selfies deutlich vereinfacht. Dieser Effekt lässt sich über die Collagenfunktion noch steigern: Sie teilt das Bild entweder horizontal, vertikal oder frei, sodass sich auf dem Bild noch dupliziert nebeninander mit unterschiedlicher Mimik verewigen kann. Auch die Collage entsteht quasi «live» während des Fotografierens. Das macht Spielereien mit Grimassen oder modischen Accessoires einfacher, als wenn man vorhandene Bilder zu einer Collage zusammenbauen müsste.

Die dritte Funktion ist der Super-Fokus. Das ist ein Ring, den man im Bild platziert. Ausserhalb des Rings wird das Bild leicht unscharf, also quasi eine radiale Unschärfenvignette. Auch die kann man live verschieben und in der Grösse anpassen. Sie steuert ausserdem die Belichtung und Schärfe, sodass man mit diesem Hilfsmittel das Sujet (normalerweise seinen Kopf) nochmals extra in Szene setzen kann.

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Links: Der Super-Fokus. Rechts: Die Kalendersprüche alias «Slogans».

Die Videofunktion arbeitet ähnlich wie bei Vine: So lange man den Aufnahmeknopf gedrückt hält, zeichnet die Kamera auf. Die Länge des Videos ist fix. Bei Camu liegt sie bei 15 Sekunden, was im Vergleich zu den sechs Sekunden bei Vine meiner Meinung nach zu lang ist – damit bei 15 Sekunden Stop-Motion etwas Spannendes herauskommt, muss man sich echt Mühe geben. Nett ist, dass man zwischen den Aufnahmen den Super-Fokus-Punkt verschieben kann. Das ermöglicht Experimente mit wandernden Schärfe-Unschärfe.

Das fertige Bild kann mit Texteinblendungen versehen werden. Nebst der Ortschaft gibt es auch so genannte Slogans, die man selbst tippen oder per Tippen aus dem Fundus auswählen kann. Die Slogans, die einem Camu anbietet, könnten allerdings aus der Kalenderspruchsammlung unserer (englischsprachigen) Grosseltern stammen: «It’s a good day to have a good day», «A flower cannot blossom without sunshine, and man cannot live without love». Dinge von dem Kaliber, die man niemandem zumuten möchte. Zwischendurch gibt es auch einigermassen akzeptable Bonmots wie: «I am a traveller, not a tourist». Es gibt vier Schriftarten zur Auswahl und man kann den Text weiss oder schwarz bzw. schwarz auf weissem Grund oder weiss auf schwarzem Grund einfügen.

Fazit: Camu ist eine nette kleine App, die einige interessante Konzepte für die Benutzerführung aufweist. Sie eignet sich für Leute, die am liebsten Selfies fotografieren und ist optimal geeignet für alle, die gerne aufmunternde Botschaften in die Welt hinaussenden. Fertige Bilder können via Whatsapp, Facebook, Twitter, Mail und Instagram geteilt werden. Es ist auch möglich, sie direkt aus Camu «privat» via Telefonnummer zu teilen. Auf welchem Weg das Bild dann übermittelt wird, habe ich nicht ausprobiert. Ein Snapchat-Ersatz scheint mir dieses Feature jedenfalls nicht zu sein.

Autor: Matthias

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