The crazy ones

Ein Kollege hat mich gestern angefragt, ob ich einige Inputs für einen Artikel über den Kult um Apple und Steve Jobs hätte. Hatte ich nicht. Weil – falls es ein Kult sein sollte, bin ich ein Teil davon. Aber ob Kult oder nicht, ich finde die Reaktionen weltweit, die am Donnerstag zu hören, zu sehen und zu lesen waren, nicht nur verständlich, sondern auch eine gute, menschliche Sache. Ich habe in meinem Mail folgendes zurückgeschrieben:

«Ich weiss, was du mit befremdlich meinst. Mir ging es nach dem Tod von Michael Jackson so. In diesem Fall konnte ich mich der kollektiven Emotionsaufwallung aber nicht entziehen. Auch wenn ich nicht so weit gehe, mit einem iPad, auf dem ein Kerzchen brennt, vor dem Apple Store Mahnwache zu halten. Trotzdem. Man kann zum einen die Bedeutung des Mannes nicht zu hoch gewichten. Wenn er ja nur die Computerindustrie verändert hätte, und nicht nebenbei noch Film, Mobilfunk und Musikmarkt.

Und was den Kult um die Geräte angeht, den kann man natürlich seltsam finden. Es geht mir beim Kult um Automobile so. Aber wieder: Bei einem Computer oder iPhone verstehe ich den Kult, und nicht nur das. Ich finde es gut, dass es so ist. Computer und vor allem iPhone sind längst über ein funktionales Technikdings wie der Kühlschrank hinaus gewachsen. Da stecken Fotos drauf, die mir wichtig sind. Via SMS, Twitter, Telefon kommuniziere ich mit den Peers. Ich beziehe in Podcastform, Hör- und Ebooks einen Grossteil der Infos und Unterhaltung darüber. Und selbst wenn ich Musik über die Stereoanlage höre, dann mit angestöpseltem iPhone. Da kann man doch als Mensch gar nicht anders, als die Beziehung zu dem Ding persönlich werden zu lassen.

Entsprechend kann ich dir leider nicht wirklich Material zutragen, weil ich deiner These widersprechen muss. Der Kult ist nicht befremdlich, sondern einleuchtend und begrüssenswert, weil wir doch früher an Technik immer kritisiert haben, dass sie so unpersönlich sei.»

Er hat zurückgeschrieben und fand berechtigte Kritikpunkte an Jobs und fand, Think different, die Aufforderung zum Individualismus, sei ein Widerspruch in sich selber.

Verstehe ich auf einer rationalen Ebene. Es war ein Werbekampagne, ein Marketingcoup, ein kapitalistischer Verführungsversuch:

Here’s to the crazy ones.
The misfits.
The rebels.
The troublemakers. (…)
Because the people who are crazy enough to think
they can change the world,
Are the ones who do.

Natürlich ist es ein Widerspruch in sich und rational gesehen völliger Unsinn, so etwas in einem Werbespot zu postulieren, wenn es darum geht, die Leute in Massen zu bewegen, in Scharen in Läden zu strömen, um Haufen von Geld auszugeben. Es liegt auch auf der Hand, dass nicht jeder die Welt verändern kann, und ein willigen Konsumsklaven typischerweise kein Weltveränderer ist. Aber für Jobs war die Parole unzweifelhaft wahr. Das hat er mehrfach bewiesen, mit dem iMac, dem iPhone und dem iPad. Und darum muss man die Worte gelten lassen.

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Hitchcock als einer, der das Andere denkt. Foto geklaut von wikipedia.org.

Und ich lasse sie gern gelten, auch wenn mein iPhone nicht dazu da ist, mich wie ein Rebell fühlen zu lassen, wie der misfit, der ich gern wäre? Nein, das fänd ich hochgradig lächerlich an mir selbst. Es ist ein Gebrauchsgegenstand. Wie sehr ich ihm verbunden bin, sieht man daran, dass ich mein altes iPhone augenblicklich in die Ecke geschmissen habe, als das neue ankam. Es ist nicht das Gerät, es ist die Verbundenheit der Nerds untereinander. Die Einigkeit darüber, dass technischer Fortschritt die Welt verbessert, uns voranbringt und etwas Gutes ist. Und nach Fortschritt zu streben, das ist in den Genen der Menschheit verankert und überlebenswichtig.

Also bleibt als Ansatzpunkt für Kritik Jobs arrogantes Wesen, die Arbeitsbedingungen bei Apple, die faschistoiden Unternehmungskultur. Aber muss man auf den Dingen gerade jetzt rumreiten? Eine sehr prägnante Antwort hatte Herr haekelschwein parat:

Wer bei jedem Promi-Tod anmerkt, wie viele Leute zugleich verhungerten, sollte das unbedingt auch auf der nächsten Beerdigung vorbringen.

Man unterschiedlicher Meinung darüber sein, ob ein Nachruf eine Würdigung ist, die die Verdienste in den Vordergrund stellt oder als kritische Abrechnung daherkommt. Ich neige tatsächlich eher zum ersten, da Kritik vor allem eins ist: Zu spät.

Die Frage zu der Apple-Kultur und -Produktionsbedingungen soll und muss man stellen, aber der richtige Adressat ist der neue CEO Tim Cook. Und das ist meines Erachtens auch die eigentlich interessanteste Frage: Wie schafft es der, aus dem riesigen Schatten Jobs zu treten? Indem er versucht, alles so zu machen, wie Jobs es gemacht hätte? Klappt garantiert nicht. Aber wenn er think different auf seinen Vorgänger anwendet, dann könnte es durchaus was werden. Ist er nicht gut, dieser Slogan?

Autor: Matthias

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2 Gedanken zu „The crazy ones“

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